Wenn Adel verpflichtet François Durel und Augustin Katz bei Blue Velvet Projects
18. April 2024 • Text von Anja Grossmann
Mit “Les leçons particulières” zeigt Blue Velvet Projects eine Ausstellung von François Durel und Augustin Katz, kuratiert von Charles Teyssou und Pierre-Alexandre Mateos. Beide Künstler setzen sich in den gezeigten Werken mit ihrer Kindheit auseinander, die durch ihre Zugehörigkeit zum niederen Adel und eine katholische Erziehung geprägt war. Erinnerungen an willkürlich auferlegte Regeln, Familiengeheimnisse und fantastische Zuschreibungen an das Leben in aristokratischen Kreisen manifestieren sich in dunklen Ölgemälden und ledernen Architekturen.
In Paris teilen sie sich ein Apartement. In Zürich teilen sie sich einen Ausstellungsraum. Mit “Les leçons particulières” zeigt Blue Velvet Projects eine Ausstellung von François Durel und Augustin Katz. Ihrer ersten gemeinsamen Schau zugrunde liegt ein intensiver Austausch über die befreundeten Künstler verbindende Themen.
Augustin Katz zeigt ein grossformatiges Gemälde in Öl. Eine gedeckte Tafel mit edlem Porzellan, Silberbesteck und einer langen, weißen Tischdecke sind darauf zu sehen. Die schlanken Kerzen in silbernen Haltern brennen nicht. Die Stühle sind leer. In altmeisterlicher Manier malt Katz eine Tischszenerie, die gespenstisch verlassen wirkt. Im Hintergrund scheint sich eine Figur aus dem Dunkel zu schälen. Ihre gespenstische Silhouette durchdringt den, die Szenerie umgebenden, dunklen Farbnebel. Dennoch bleibt sie ungreifbar.
Das Gemälde vermittelt eine geisterhafte, fast albtraumhafte Atmosphäre. Der Titel der Arbeit “Why did I scream (so loud?)”, zu Deutsch “Warum habe ich (so laut) geschrien?” unterstreicht diesen Eindruck. Katz weckt Assoziationen an einen Horrorfilm. Zugleich verbindet das Personalpronomen “Ich” im Titel der Arbeit das Gezeigte mit der Erfahrungswelt des Künstlers. Handelt es sich um eine persönliche Erinnerung, auf die er hier Bezug nimmt?
Katz ist als Teil einer adeligen Familie aufgewachsen. Das Dinieren an üppig gedeckten Tischen war Teil des familiären Alltags. Dass diese Erfahrung nicht bunt und freudvoll, sondern von starren Konventionen und – aus der kindlichen Perspektive – von undurchschaubaren Regeln geprägt sein mochte, vermittelt sich in seinen Bildern. Katz nimmt eine kritische Haltung gegenüber der vermeintlichen Vornehmheit hoher sozialer Klassen ein. Anstatt der Leichtigkeit einer privilegierten Lebensweise zeigt er eine düstere Welt der Zwänge und Verbote.
Auch François Durel vermittelt in seinen Arbeiten eine düstere Erfahrungswelt, die der Künstler unter anderem als Überbleibsel verdrängter Erinnerungen beschreibt. Er schafft Skulpturen aus gespanntem Leder, gebogenem Metall und geerbten Möbelstücken. Die Arbeit “There’s something like pain in the room”, zu Deutsch “Da ist etwas wie Schmerz im Raum” gibt die architektonische Form eines Schlosses in schwarzem Leder wieder. Aufgezogen auf ein feines Metallgerüst und feinsäuberlich vernäht, schafft Durel eine symmetrische Architektur mit offenen Enden.
Die auf einem hohen weißen Sockel präsentierte Skulptur wirkt wie eine Festung, wie ein Bunker, ein Rückzugsort ohne Fenster, der in der Lage ist, Geheimnisse zu bewahren. Die ausladenden Anbauten erscheinen wie Sackgassen mit weit geöffneten Toren. Der Titel vermittelt, dass Hineingehende nicht unverschont herauskommen. Statt eines einladenden Ortes zeigt sich die weitläufige Wohnarchitektur als ein Raum, in dem Erinnerungen und verdrängte Wünsche unter Verschluss gehalten werden.
Die von Durel gewählte Materialität vermittelt zudem eine sexuelle Bedeutungsebene der skulpturalen Arbeit. Die glänzende schwarze Oberfläche des Objekts lässt an Lack und Latex denken, der im Titel beschriebene Schmerz an Praktiken der sexuellen Unterwerfung. Auf diese Weise thematisiert Durel die wechselseitige Abhängigkeit von repressiven und libertären Strukturen. Die Architektur wird zum Fetischobjekt, die seine Betrachtenden sowohl anzieht als auch abstößt.
Katz und Durel hinterfragen in ihren Arbeiten romantisierende Bilder von Adel, der Vornehmheit alter Familiengeschlechter und damit einhergehende Zuschreibungen an soziale Klasse. In der Ausstellung “Les leçons particulières” verschwimmen die Grenzen der persönlichen Erinnerungen der Kunstschaffenden zu einer autofiktionalen Welt. Die Zusammenschau ihrer Arbeiten erzeugt einen Bilderkosmos, in dem ungezügelte Wünsche, Grenzüberschreitungen und Ambiguitäten zum Ausdruck kommen. So entsteht ein düsteres Spiel, das von Schmerz und mystischen Zuschreibungen geprägt ist, das zugleich lustvoll und provokant wirkt.
WANN: Die Ausstellung “Les leçons particulières” ist zu sehen bis Samstag, den 18. Mai.
WO: Blue Velvet Projects, Birmensdorferstr. 83, 8003 Zürich