SOLID GOLD #5
Meike Kenn

30. März 2020 • Text von

Künstler*innen virtuell im Studio zu besuchen und per Video-Call miteinander über Kunst zu sprechen, scheint in Zeiten von Corona unausweichlich zu sein. Doch gehen damit nicht die kleinen Feinheiten verloren, die ein unterhaltsames Interview ausmachen? Um den vollen Kosmos einer Künstlerseele erfassen zu können, hat sich die Kunsthistorikerin Barbara Green für Ihre Interviewreihe SOLID GOLD auf bekanntes Terrain begeben und eine Künstlerin zum Gespräch eingeladen, mit der sie seit längerem zusammenarbeitet und mit deren Arbeiten sie vertraut ist. Die Fotografin Meike Kenn meldet sich aus der Quarantäne zu Wort und gibt einen sehr persönlichen Einblick in ihr Werk und ihre derzeitige Lebenssituation.

Meike Kenn, 2020. Das Foto ist von Meikes Tochter Gwendolin Kenn im Homeoffice aufgenommen worden.

gallerytalk.net: Du sagst, dass Du Dich zu Menschen „in ihrem ganzen schillernden Spektrum“ hingezogen fühlst. Woher kommt dieses Interesse und wie drückt sich der Facettenreichtum der menschlichen Spezis in Deinen Fotoarbeiten aus?
Meike Kenn: Ich bin in einer großen Patchworkfamilie aufgewachsen. Das war ein sehr komplexes System und nicht immer leicht. Aber ich habe dadurch sehr früh begriffen, dass es so viele Realitäten wie Menschen gibt und jede ihren Anspruch auf Wahrheit erhebt. In jede neue Begegnung gehe ich vermutlich auch deshalb sehr unvoreingenommen. Das bedeutet nicht, dass ich frei von Vorurteilen wäre, aber mein Zugang ist immer erst einmal Interesse. Das meine ich mit schillerndem Spektrum: diese vielen Möglichkeiten, die Welt zu erleben und auf sie zu reagieren. Ich bin ein großer Fan der Menschen und finde es gut, wenn es merkwürdig wird oder skurril. Diese Momente dazwischen sind spannend. Es ist vielleicht das, was uns irritiert, wir aber im Bild als echten Ausdruck empfinden. Wobei ich den Begriff „echter Ausdruck“ nur sehr vorsichtig verwende. Wir haben so viele Rollen, sicher auch die ein oder andere authentische.

„black cat, white cat“ ©MeikeKenn, 2018.

Wie ist deine Vorgehensweise vor so einem Shooting und währenddessen? Es gibt so viele unterschiedliche Charaktere, dass ich es mir schwierig vorstelle, auf alle Wesenseigenschaften von Menschen einzugehen und ihnen die Motivation zu geben, sich vor der Kamera frei zu verhalten. Wie machst Du das?
Da kommen viele Faktoren zusammen, vor allem natürlich: Mit wem habe ich es zu tun und was ist das Ziel? Bin ich Beobachterin oder inszeniere ich einen Moment? Dann sind viele Dinge vorher schon sehr klar festgelegt, Licht, Location und Atmosphäre. Aber ich arbeite auch häufig sehr intuitiv, ich kann in Sekundenbruchteilen die Stimmung der Leute im Raum begreifen und einschätzen. Im besten Fall finde ich deshalb schnell eine gemeinsame Sprache für diese Situation. Wenn nichts funkt, kann es Vertrauen schaffen, die eigene Unsicherheit zu zeigen, um neue Räume zu öffnen. Das Ganze ist im besten Fall ein sehr dynamischer Prozess, wie ein Tanz oder Verliebtsein. Dann werde ich selbst zur Projektionsfläche; ein einziges Spiegelkabinett.

Bild aus der Serie: „Adam´s family“ ©MeikeKenn, 2019. // Artemis Chalikidou, Schauspielerin ©MeikeKenn, 2019.

Momentan lebst Du mit Deinem Partner und zwei Kindern in Quarantäne in Eurer Wohnung in Berlin Kreuzberg. Was ist anderes im Zusammenleben und gibt es Veränderungen, die ihr unbedingt oder auf gar keinen Fall beibehalten möchtet?
Mein Partner Adam Naparty ist selbst freischaffender Kreativer. Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen und nun auch schon seit Monaten wieder im Homeoffice in unserer gemeinsamen Wohnung. Deshalb ist diese Situation nichts Neues für uns und ich arbeite sehr gerne mit ihm Rücken an Rücken. Häufig sind wir in unseren Projekten auch verwoben, dann macht das sowieso Sinn.

Wie gehen Euere Kinder mit der sozialen Isolation um?
Für die Kinder in unserer Patchworkfamilie ist es schwerer. Erst große Freude über geschlossene Schulen, dann die harte Realität. Alleine lernen ist nicht so fancy und Netflix ist dann auch irgendwann durch. Die zusätzliche Familienzeit im Sport-Büro-Wohn-Zimmer ist allerdings schon beängstigend erträglich, keine Rebellion. Psychologen sagen, dass die Krise einen massiven Einschnitt in die Entwicklung der Teenager hat und ich muss dann an den letzten gemeinsamen Urlaub denken: da hatten die Kinder eigentlich schon keine Lust mehr auf uns und wir haben sie mehr oder weniger gezwungen. Ich vermisse gerade den Streit um jeden Funken Freiheit.

Meike Kenn, 2020. Das Foto ist von Meikes Tochter Gwendolin Kenn, im Homeoffice aufgenommen worden.

Und wie betrifft Dich die Corona-Krise in Deinem Beruf als Fotografin? Bei einer so großen Familie sind Honorarausfälle bestimmt existenzgefährdend.
Tatsächlich sind alle Projekte bis auf Weiteres gecancelt. Ich bin deshlab auch sehr dankbar über die Soforthilfe, die jetzt ausgeschüttet wird. Wirklich schade war es auch, dass letzte Woche die Eröffnung der Beethoven-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien nicht stattgefunden hat. Dafür hatte ich eine große Print- und Onlinekampagne fotografiert, immerhin hängen viele Plakate jetzt gerade im Wiener Stadtbild. Die Ausstellungseröffnung ist jetzt auf den Herbst verschoben, da wird die Kampagne dann nochmal geschaltet. Das ist natürlich schön.

Welche positiven Aspekte siehst Du?
Bei allem was an dieser Situation schlimm und vor allem herausfordernd ist, muss ich gestehen, nimmt sie mir hier und da den Druck und es ist außerdem spannend zu sehen, wie kreativ mit der Situation umgegangen wird. Die von dir organisierte und kuratierte Online-Ausstellung „CONTEMPLATIO“ Ende April, zu der du mich auch eingeladen hast, ist ja ein leuchtendes Beispiel. Ich freue mich schon so sehr darauf!

Kampagne „Beethoven bewegt“, Agentur Polyform.

Merci, von Dir gibt es aber auch jetzt etwas zusehen: Spaziergänger in Berlin-Mitte können Fotografien von Dir im Freien betrachten, da Deine Portraits der Ensemblemitglieder der Volksbühne an der Glasfront des Grünen Salons angebracht sind. Kannst Du Dein Konzept zu der Serie erläutern?
Ich habe wirklich Glück gehabt mit dieser Ausstellung und das sie jetzt sichtbar bleibt. Überhaupt hatte ich soviel Glück mit diesem Projekt, wie es zu mir kam und was ich daraus machen konnte. Die Volksbühne hatte mir ja völlig freie Hand gegeben. Ich wollte in den Bildern zeigen, wie sich dieses vor allem sehr junge Ensemble das Haus erobert, vom Keller bis zum Dachboden.

Außenansicht der Volksbühne, Grüner Salon mit Fotoarbeiten von Meike Kenn. Foto Adam Naparty.

Ich habe die Fotografien auf der Eröffnung gesehen und es ist Dir gelungen ein sehr rundes und erzählerisches Gesamtbild des Theaters abzubilden, was hat Dich besonders an dem Projekt begeistert?
Interessant fand ich dabei die Kombination aus scheinbar vergessenen und unaufgeräumten Ecken und polierten Marmortreppen. Das Haus hat soviel zu bieten, ich wollte alles erzählen. Und es gab wirklich einige sehr interessante Orte, jeweils für sich schon kleine Raumkunstwerke. Die Zusammenarbeit mit den Schauspieler*innen war ungeheuer inspirierend, sie haben sofort begriffen, was ich wollte und das haben sie mir gegeben. Die Bilder bleiben noch bis Ende der Spielzeit im Juni in den Fenstern der Volksbühne hängen und sind am besten ab dem späten Nachmittag zu betrachten, wenn es draußen etwas dunkler wird.

Portraitfoto für die Volksbühne, Sylvana Seddig, ©MeikeKenn, 2019. // Portraitfoto für die Volksbühne, Malick Bauer, ©MeikeKenn, 2019.

Kurz nachgefragt: Digital oder analog?
Ich habe neulich einen Karton mit bereits belichteten Filmen gefunden, teilweise um die 15 Jahre alt. Die benutze ich jetzt alle noch einmal, meistens wenn ich unterwegs bin, also eher dokumentarisch, oder Landschaften und Stimmungen: sehr spannend, Schätze der Erinnerungen, die in der Überlagerung verschmelzen. Die analoge Fotografie empfinde ich als aufregender, sinnlicher, fokussierter und dabei gleichzeitig ja viel unkontrollierter. Ich liebe aber auch das Digitale, es hat eine andere Leichtigkeit und Flexibilität, die mir sehr liegt und zu meinen schnellen, harten Aufsteckblitzangriffen passt.  

©MeikeKenn, 2004/2020.

Kommen wir zu einem anderen, wichtigen Thema, das Dir sehr am Herzen liegt: den Frauen in der Fotografie. Wo stehen wir da aktuell und was müsste schnellstens verändert werden?
Es ist leider auch in der Fotografie nach wie vor so, dass die Frauen stark unterrepräsentiert sind. Das betrifft sowohl den Kunstmarkt, als auch die angewandte Fotografie. Wenn man sich die Zahlen an den Unis und Fotoschulen anschaut, fällt auf: Im Schnitt gehen da über 50 bis 60 Prozent Frauen ab, die schaffen dann aber später den Sprung in den Erfolg nicht. Warum das so ist, kann man nicht in zwei Sätzen beantworten, es muss aber unbedingt bei Galerist*innen, Agenturen und Kund*innen verinnerlicht werden, dass die Arbeit von Frauen genauso relevant und zuverlässig ist. Allerdings passiert in der Hinsicht auch sehr viel im Moment.

Inwiefern?
Immer häufiger werden konkret Frauen angefragt. Ausstellungen und Ausschreibungen werden nur für Frauen ausgerufen, zum Beispiel auch gerade wieder vom „British Journal of Photography“. Wichtige Vereine wie beispielsweise „Freelens e.V.“ haben es zum „Schwerpunktthema 2020“ gemacht und eine „Untersuchung zur Bedeutung von Gender im Produktionsprozess und in der medialen Repräsentation von Fotografie“ in Auftrag gegeben. Ich selbst beschäftige mich auch in meinen freien Arbeiten immer wieder damit, wie beispielsweise in meinem Foto-Film-Projekt „Meike, Gus and Lester“, wo ich mich in verschiedene Stereotype von Männern verwandeln lasse und diesen Prozess dokumentiere. Eine interessante Selbstbetrachtung!

Meike, Gus and Lester ©MeikeKenn, 2017.

Woran arbeitest Du aktuell?
Ich lebe mit zwei pubertierenden Kindern in einem Haushalt. Das kann ziemlich irre sein und es berührt mich in vielerlei Hinsicht – diese Zerrissenheit zwischen Kindheit und Erwachsensein und irgendetwas ist wieder gewachsen, ohne den Rest des Körpers mitzunehmen. Die Arme zu lang, die Nase zu groß und am nächsten morgen sehen sie schon wieder anders aus. Manchmal klingelt es an der Tür und ich erkenne sie für einen Moment nicht. Ich erinnere mich auch daran, mich selber nie wieder so erwachsen gefühlt zu haben, wie mit 16. Das versuche ich in meiner Arbeit einzufangen, diesen Vermischungsgrad, mixedness, madness. Drei Bilder aus dieser Serie werde ich auch in deiner Ausstellung „Contemplatio“ zeigen. Natürlich habe ich dafür das Einverständnis der Kinder.

Was machst Du als allererstes, wenn der Lockdown vorbei ist und welche Projekte werden wieder aufgenommen?
Meine Freunde umarmen, meine Eltern treffen, mit mehreren Leuten verabreden und nachmittags in der Sonne Rosé trinken. Und natürlich kann ich es kaum erwarten, unser gemeinsames Buchprojekt „Studiovisits“ wieder aufzunehmen und  Künstler*innen in deren Ateliers zu besuchen. Wir hatten ja bereits soviele interessante Begegnungen und es gibt etliche unterschiedliche Ansätze den Ort „Atelier“ zu begreifen und mit ihm und in ihm zu gestalten.

Wer sind Deine Vorbilder in der Fotografie?
Nan Goldin hat mich zum Fotografieren gebracht. Sie ist so schonungslos, das beeindruckt mich zutiefst. Herlinde Koelbls Ausstellungen wie „Targets“, das war 2014, haben mich ziemlich sprachlos zurückgelassen; sie ist eine große Humanistin. Daniel Josefsohn, der ja leider 2016 verstorben ist, verehre ich sehr. Seine Bilder erinnern mich immer wieder daran, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Jürgen Teller trifft sehr meinen Humor und gleichzeitig berührt er mich auch mit seinen ehrlichen Statements zu Familie und Gegenwart. Ich würde so gerne mal mit ihm ausgehen.

Mit SOLID GOLD öffnen wir für euch eine Schatzkammer: Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Green wirft einen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs und besucht außergewöhnliche Künstler, Kuratoren und Galeristen in ihren Produktionsstätten. Ob aufregende junge Talente oder etablierte Ausstellungsmacher – das neue Interviewformat stellt Euch spannende Persönlichkeiten des Kunstbetriebs vor.

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