SOLID GOLD #2
Künstlerin Caroline Kryzecki

5. Juni 2019 • Text von

Caroline Kryzecki ist bekannt durch ihre Kugelschreiber-Zeichnungen. Von Groß- bis Kleinformaten an der Wand oder auf mehreren Quadratmetern als Bodenarbeit – ihr Werk zeigt, dass Zeichnung gleichauf ist mit Malerei oder Skulptur. gallerytalk.net hat die Künstlerin für ihre Interviewreihe SOLID GOLD in ihrem Berliner Atelier besucht. Die beiden sprechen über Gleichberechtigung auf dem Kunstmarkt, Zeiten ohne Handy und Internet, den Vorteil vom Arbeiten in der Abgeschiedenheit und natürlich über Zeichnung.

Caroline Kryzecki im Atelier, Foto: Meike Kenn.

gallerytalk.net: Im analogen Zeitalter, das wir beide noch mitbekommen haben, wurden Briefe mit Stift und Papier verfasst. In der Gegenwart nutzen wir der Einfachheit halber oft WhatsApp, schreiben E-Mails und nehmen kaum noch einen Stift zur Hand. Du arbeitest mit Kugelschreibern auf Papier: Tastatur und E-Mail vs Kugelschreiber und Papier. Schaust Du der Zeit etwas wehmütig hinterher, als man noch Briefe schrieb und nicht ständig erreichbar war?
Caroline Kryzecki: In meiner Schulzeit gab es ja noch keine Handys und E-Mails. Das ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Wie soll man sich ohne Handy verabreden? Die Vorstellung klingt für die Generation, die mit digitalen Technologien aufgewachsen ist, völlig verrückt. Letzte Woche in London habe ich mein Internet-Guthaben aufgebraucht und hatte plötzlich kein Google Maps mehr, Panik! Nur um kurz darauf festzustellen, dass trotzdem alles irgendwie funktioniert. Wehmütig blicke ich nicht zurück, aber es ist schon so, dass man mit den sozialen Medien viel Zeit verschwenden kann.

Barbara Green und Caroline Kryzecki im Atelier, Foto: Meike Kenn.

Wie wirkt sich die Digitalisierung Deiner Meinung nach auf die Kunst aus?
Es gibt momentan eine Bewegung parallel zur Digitalen Kunst, in der das Handgemachte eine große Rolle spielt. Viele Künstlerinnen arbeiten auf Papier, mit Textilien oder sie weben. Papierarbeiten wurden früher gegenüber der Malerei als nicht ebenbürtig betrachtet. Sie wurden als Skizzen oder Studien angesehen, nicht aber als eigenständiges Medium. Das hat sich zum Glück geändert, weil es nicht mehr zeitgemäß ist. Deswegen würde ich nicht sagen, dass das Digitale das Analoge verdrängt, ich nehme eher das Gegenteil wahr. Das kann natürlich auch meine subjektive Wahrnehmung sein, weil ich oft an digitalen Arbeiten einfach vorbei laufe. Obwohl meine Arbeiten durchaus vom Prinzip des binären Systems beeinflusst sind. Wahrscheinlich gibt es aufgrund der ganzen Screens, von denen wir umgeben sind, die Sehnsucht nach etwas Direktem. Ab jetzt werde ich nur noch Briefe schreiben.

Atelier von Caroline Kryzecki , Foto: Meike Kenn.

Du musst sehr konzentriert sein, gleiche Schritte vollziehen, wirkt das meditativ oder fangen nach einiger Zeit einfach Deine Arme und Hände an zu schmerzen?
Viele assoziieren mit meinen Arbeiten den Aspekt des Meditativen. Das mag nicht grundsätzlich falsch sein, allerdings geht es beim Zeichnen in erster Linie um Konzentration: Wenn mir bei meiner Arbeitsweise Fehler unterlaufen, kann ich diese nicht rückgängig machen. Vielleicht kann ich noch ein zweites oder drittes Linienraster darüber zeichnen, aber ich muss auf Fehler reagieren und kann sie nicht auslöschen. Natürlich ist die Arbeitsweise körperlich herausfordernd, ich kann das nicht acht Stunden am Tag machen. Insbesondere die Großformate, bei denen ich vorwärts und rückwärts laufe und mitunter seitlich zeichne.

Du nutzt für Deine Bilder den Moiré-Effekt, der immer dann entsteht, wenn sich zwei Raster überlagern – durch die Überlagerung entsteht eine Art optische Täuschung. Du gehst aber über den herkömmlichen Effekt hinaus und hast ein eigenes System entwickelt, mit dem Du arbeitest. Kannst Du das kurz erläutern?
Ich arbeite immer mit den vier klassischen Kugelschreiber-Farben Schwarz, Blau, Rot und Grün. Jede Zeichnung ist so aufgebaut, dass mindestens zwei Linienraster übereinander gezeichnet sind. Die erste Schicht besteht aus parallelen horizontalen oder vertikalen Linien. Darüber kommen weitere Linien, die aber leicht versetzt sind. Je nachdem wie der Winkel des ersten Rasters auf das zweite trifft, entsteht eine größere oder kleinere Moiré-Struktur. Das ist die Grundlage, auf der alles aufbaut. Daraus habe ich in den letzten Jahren eine Code-Sprache entwickelt, anhand derer ich neue Arbeiten entwickeln kann. Für jede Zeichnung gibt es einen Code, den ich in ein Buch schreibe. Für die Parameter, die für die Zeichnung wichtig sind, gibt es Abkürzungen und aus diesen entwickle ich den Code. Es ist eine Art analoge Programmiersprache. Es gibt Arbeiten, die sich streng nach diesem Code richten, bei anderen werfe ich die Ausgangsidee wieder über Bord oder habe eine intuitivere Herangehensweise.

Detail am Arbeitsplatz von Caroline Kryzecki, Foto: Meike Kenn.

Willst Du Irritation bewusst erzeugen?
Ich habe bestimmte Erfahrungswerte und weiß, was ich wie erzeugen kann. Jedoch gibt es immer wieder Überraschungsmomente und oft verstehe ich nicht, warum eine Struktur völlig anders aussieht als erwartet. Das hat mit der Relation der gleichbleibenden Kugelschreiberlinie zu den verschiedenen Papierformaten und dem jeweiligen Code zu tun. In den letzten Jahren haben sich verschiedene Richtungen herauskristallisiert. Viele der großen Arbeiten haben einen flächigen Farbverlauf, als sei Farbe mit einem großen Pinsel aufgetragen. Sie suggerieren Geschwindigkeit, obwohl sie ganz langsam entstanden sind. Andere Arbeiten wirken eher textil, weil sie horizontal und vertikal gezeichnet sind. Und dann gibt es noch die Raster-Arbeiten, die durch minimale Variationen eines Codes entstehen. Je länger ich mich mit dem System beschäftige, desto vielfältiger wird es. Der Code ist aber letztlich nur ein Werkzeug. Am Ende muss die Arbeit für sich stehen. Mir gefällt der Gedanke von Leibniz, dass unsere Welt die an Prinzipien einfachste und an Vielfalt der Erscheinungen reichste sei.

Atelier Caroline Kryzecki, Foto: Meike Kenn.

Deine Kugelschreiber-Zeichnungen haben einen hohen Wiedererkennungswert. Hast du Dir ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen?
Das sollen andere beurteilen. Ich gehe natürlich nicht mit der Intention ins Atelier, und sage mir „Heute mache ich mal etwas Wiedererkennbares“. Dahinter steht ein langer und intensiver Arbeitsprozess. Die Arbeiten, die am einfachsten und konsequentesten erscheinen, sind häufig die Schwierigsten. Ich bin aber davon überzeugt, dass man mit der Absicht, etwas Wiedererkennbares zu entwickeln, sehr wahrscheinlich nichts Wiedererkennbares entwickeln wird. Ich glaube, das Besondere an meinen Kugelschreiber-Zeichnungen ist, dass ich mich nicht nur mit dem Effekt beschäftige. Es ist eine bewusste Entscheidung von mir, nicht mit dem Computer zu arbeiten, sonst hätte sich meine Arbeit vermutlich ganz anders entwickelt. Das Handgemachte und Nicht-Perfekte sind wesentliche Bestandteile. Bestimmte Arbeiten entstehen erst dadurch, dass ich mich verzeichne und ein neues Werk entsteht. Bei einer Zeichnung funktioniert das ja anders als bei einem Ölbild, bei dem man noch korrigieren oder übermalen kann.

Atelier Caroline Kryzecki, Foto: Meike Kenn.

Natürlich möchte ich noch wissen, wie viele Kugelschreiber Du für eine Zeichnung verbrauchst?
Die Kugelschreiber fülle ich mit Minen nach. Ich sammle alle leeren Minen in einer Kiste, die mittlerweile ziemlich schwer ist. Für eine große Arbeit kommen da schon einige zusammen – bis zu 100 Stück.

Was war davor, also vor deiner Kugelschreiber-Zeit, während Deines Studiums?
Wenn ich Leute im Atelier zu Besuch habe, finde ich es spannend, auch ältere Arbeiten zu zeigen, weil es eine Entwicklung ist, die man nicht unbedingt erwartet. Die Arbeiten, die ich an der Universität der Künste Berlin gemacht habe, sehen komplett anders aus. Ich habe sehr schnell und sehr viel produziert und mit allen Materialien gearbeitet, die mir zwischen die Finger kamen. Also eigentlich das Gegenteil von meiner jetzigen Reduktion der Mittel.

Ausstellungsansicht „Come out (to show them)“, Sexauer Gallery, Berlin 2017, Foto: Marcus Schneider.

Wie sehr haben Dich an der Kunsthochschule Deine Lehrer Daniel Richter, Anselm Reyle und Robert Lucander beeinflusst?
Von 2003 bis 2009 habe ich an der Universität der Künste in Berlin studiert. Es war eine Umbruchphase und es gab viele Klassen, die keinen Professor hatten, da eine komplette Generation in den Ruhestand ging. Ich war in einer Klasse, in der die genannten Professoren nacheinander kamen und gingen. Das entspricht eigentlich nicht dem Lehrkonzept der UdK, für mich war es aber gut, weil ich bei drei sehr unterschiedlichen Charakteren studiert habe. Gemeinsam war ihnen, dass es in der Lehre nicht um eine bestimmte Technik oder Ästhetik ging, sondern eher um Haltung, Konsequenz und Positionierung.

Welche weiblichen Vorbilder haben Dich geprägt?
Es gibt viele Künstlerinnen, die mich interessieren, ob das in der Studienzeit war oder danach. Agnes Martin hat großen Einfluß, dann Anni Albers, Mary Heilmann, Carmen Herrera, Teresa Burga, Channa Horwitz, Dorothea Rockburne … Oder kürzlich die Schauen von Hilma af Klint im Guggenheim in New York oder Emma Kunz in der Serpentine Gallery in London. Es gibt ja viele Frauen der Generation, die erst mit achtzig bekannt wurden.

Caroline Kryzecki, Meisterschülerausstellung UdK Berlin 2009, Foto: Caroline Kryzecki.

Gerade bist Du in einer Doppelausstellung in London zu sehen, zusammen mit der fünfundsiebzigjährigen New Yorker Künstlerin Susan Schwalb bei Patrick Heide Contemporary; also auch eine Künstlerin im höheren Alter. Wie siehst Du die Rolle von Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt, in den Museen und der öffentlichen Wahrnehmung? Verändert sich gerade etwas in Richtung Gleichwertigkeit?
Natürlich verändert sich gerade etwas. Von einer Gleichwertigkeit können wir allerdings noch längst nicht sprechen, so lange Künstlerinnen noch immer strukturell unterrepräsentiert sind und schlechter bezahlt werden. Dem jungen Künstler kann noch immer der Status des Künstlergenies zugesprochen werden, auch wenn die affige Malerfürsten-Zeit zum Glück vorbei ist. Frauen müssen dafür 80 Jahre alt werden und brillant sein, während Männer für Mittelmäßigkeit Applaus bekommen.

Caroline Kryzecki im Atelier / Eingangstür Studio Kryzecki, Foto: Meike Kenn.

Erzähl uns von Deiner Residency bei der Josef und Anni Albers Foundation. Haben Dich Kunstwerke und Literatur zu Anni Albers beeinflusst?
Die Josef und Anni Albers Foundation hat mich eingeladen, einen Monat in Connecticut in ihrer Residency im Wald zu verbringen. Ich habe mich schon vorher intensiv mit dem Werk von Anni Albers beschäftigt und insofern hat das gut gepasst. Da ist man natürlich ganz nah dran, das ist das Epizentrum von Josef und Anni Albers, das Albers-Land! Ich war sehr intensiv von den Arbeiten der beiden umgeben. Josef Albers war für mich bis dahin nie ein Thema. Ich hatte einen größeren Zugang zu Anni Albers‘ Arbeiten. Mittlerweile finde ich den Ansatz von Josef auch spannend, insbesondere die Fotografien, die während der Lateinamerika-Reisen entstanden sind. Das Tolle an der Residency war, dass ich Zugang zum Archiv hatte. Dort konnte ich die Korrespondenzen der beiden einsehen und mir Arbeiten zeigen lassen.

Mitten in der Natur, ohne die Hektik einer Großstadt. Das war bestimmt ein ganz großartiger Aufenthalt …
Auf jeden Fall, ich hatte ein wunderschönes Wohnatelier und wenn man aus der Tür trat, stand man im Wald. In der Nähe ist ein kleiner See. Es gab keine Ablenkung und ich habe von morgens bis nachts gearbeitet. Ich hatte einen sehr intensiven Arbeitsprozess und war ziemlich produktiv. Keine Verpflichtungen, keine Verabredungen, keine Ausstellungseröffnungen – das fällt komplett weg. Ich habe gemerkt, dass es mir überhaupt nichts ausmacht, für ein paar Tage niemanden zu sehen oder zu sprechen. Im Gegenteil, es tut mir gut.

The Josef and Anni Albers Foundation, Connecticut – Artist Residency, Foto: Caroline Kryzecki.

Hat sich in Deiner Kunst etwas verändert, wirst Du beim Kugelschreiber bleiben?
Das Schöne bei der Arbeit während einer Artist Residency ist ja, dass die Arbeiten nicht zielgerichtet, also für eine Ausstellung bestimmt sind. Ich mache dann grundsätzlich etwas anderes, denn sonst könnte ich auch genauso gut in meinem Berliner Atelier bleiben. Inwiefern die neuen Impulse dann die Richtung meiner Arbeit beeinflussen, wird sich zeigen. Das ist ein längerer Prozess. Aber der Einfluss von Residencies auf die Arbeit kann schon ganz schön groß sein. Nach meinem Aufenthalt in Istanbul habe ich mit meinen älteren Arbeiten komplett aufgehört und mit den Kugelschreiber-Zeichnungen angefangen.

An dieser Stelle horchen wir auf; bekommen aber keine weiteren Informationen von Caroline, in welche Richtung die neusten Werke gehen. Ob der Kugelschreiber abgelöst wird? Es bleibt spannend.

Vielen Dank für das Interview!

WO: Caroline Kryzecki wird in Berlin von der Galerie Sexauer vertreten,  Streustraße 90, 13086 Berlin.

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