SOLID GOLD #3
Zuzanna Czebatul

9. September 2019 • Text von

Zuzanna Czebatul ist Europäerin. Sie wurde 1986 in Międzyrzecz, Polen, geboren, studierte an der Städelschule in Frankfurt am Main, der Universität der Künste in Berlin sowie in New York an der Cooper Union und dem Hunter Collage. Von Bratislava über London bis nach Amerika; ihre Werke finden internationale Beachtung. Als weibliche Bildhauerin sticht sie im männlich geprägten Genre hervor – mit monumentalen Skulpturen, wie riesigen, ineinander verschlungenen Gliedmaßen, kolossalen Drachenköpfen oder Toren aus Stahl. Aber das ist noch nicht alles. Czebatul hat etwas zu sagen. Womit sie sich in ihrem künstlerischen Universum beschäftigt, erfahrt ihr im nachfolgenden Interview.

Zuzanna Czebatul und Barbara Green. Foto: Adam Naparty.

gallerytalk.net: In Deinen Ausstellungen beschäftigst Du Dich mit den Werten Europas, gehst auf Genderfragen ein, hältst dem Kapitalismus im Kunstmarkt einen Spiegel vor und sprichst die Kommerzialisierung unserer Zeit an. Bezeichnest Du Dich selbst als politische Künstlerin? Aktivistin? Welche Fragen beschäftigen Dich inhaltlich?
Spannende Frage. Ich finde es schwierig, mir als Künstlerin Adjektive zuzuschreiben. In meiner Arbeit geht es um Herrschaftssysteme und Machtverhältnisse, gesellschaftliche Themen oder Freiheit. Dadurch bin ich vermutlich eine politische Künstlerin. Das steuere ich aber nicht bewusst. Da ich nicht selten mit männlich konnotierten Materialien wie Beton oder Stahl arbeite, ist man vielleicht geneigt, zu denken, dass Feminismus in meinen Arbeiten eine Rolle spielt, wohingegen ich mir diese Frage nicht stelle. Ich mache einfach, was ich machen will. 

Zuzanna Czebatul, Installationsansicht Orient2, Kunsthalle Bratislava.

Und formal? Es sieht nicht so aus, als ob es ein Material gäbe, welches von Dir bevorzugt wird, oder? Eisen, Stoff, Plastik – Du stellst Dich einem großen Spektrum …
Ich bin sehr schnell gelangweilt und häufig sind meine Projekte intensiv und aufwendig. Wenn etwas abgeschlossen ist, bin ich froh, dass ich mich einer anderen Stofflichkeit zuwenden kann. Um nicht mehr gelangweilt zu sein und weil ich keine Hierarchie zwischen Materialien sehe – alle sind spannend. Es ist bisschen wie mit Menschen, die verschiedene Charaktereigenschaften haben: Den einen mag man, weil er ruhig und sensibel ist, der andere ist anstrengend aber energetisch. Ich vergleiche das auch gerne mit Freundschaft.

Zuzanna Czebatul, Whacko In & Loco Out, Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Berlin,photo: Linus Müllerschön/ All images copyright and courtesy of the artist.

Große mediale Aufmerksamkeit hast Du durch eine Bodenarbeit im Entree der Art Cologne 2018 erreicht. Der Teppich „Higher Than The Sun“ spielt auf das Interieur von Spielcasinos in Las Vegas und gleichzeitig auch auf eine Zockermentalität im Kunstmarkt an. Kann man das so sagen oder wie würdest Du Deine Intention beschreiben?
Sicherlich ist das eine legitime Interpretation. Wert, Wertsteigerung, Risikofaktor, Investment und eben auch Verlust sind Teil des Kosmos. Der Kunstmarkt versucht, eine Art Zugänglichkeit zu schaffen, die es leicht macht, sich für etwas zu begeistern. Er kreiert ständig einen Hype nach dem anderen. Jeder Galerist, Kurator und auch Künstler wirbt und umgarnt. Es geht viel um Verführung, Verlockung und Anziehungskraft. Die beiden Metiers haben viel gemein und das finde ich spannend. Wenn man sich ansieht, wie Kasinos designt werden – häufig fensterlos, überall blinken grelle Farben, Sauerstoff wird reingeblasen: Die BesucherInnen sollen so lange wie möglich wach bleiben und im besten Falle so dizzy werden, dass keine rationalen Entscheidungen mehr getroffen werden und man nur noch dem Gewinn hinterher eifert. Die Kunstwelt erscheint manchmal ähnlich delusional. Es wird viel gefeiert und wenig über Kritisches geredet. Teppich- und Tapeten-Designs in Kasinos schaffen häufig eine psychodelische Atmosphäre, die einen ins Taumeln bringt und überreizt, das empfand ich als gute Analogie zum Kunstmarkt.

Zuzanna Czebatul, Higher Than the Sun, 2018. Installation view, Koelnmesse trade centre, Art Cologne.

Ist es Ironie, die Besucher, die nach diesen Regeln leben, über Deinen Teppich laufen zu lassen? Welche Reaktionen hast Du dazu bekommen?
„Higher Than The Sun“ ist eine kritische Arbeit, die dennoch die Sache an sich zelebriert. Ich denke, sowohl für die Art Cologne, als auch für mich war die Auseinandersetzung mit den in der Arbeit behandelten Themen wichtig. Und mir schien, dass viele Besucher*innen das auch so lesen konnten. Es gab natürlich welche, denen die Arbeit ästhetisch nicht gefallen hat. Ästhetik ist ja etwas Subjektives und das Teppich-Design formal sehr spezifisch. Aber auch die Konfrontation mit den wunden Punkten wurde sicherlich von der einen oder anderen Nase rümpfend angenommen.

Zuzanna Czebatul / Deatilaufnahme im Atelier Foto: Adam Naparty.

Ich fand’s gut, denn auf Kunstmessen bin ich oft schnell gelangweilt, weil alles so gefällig und extra für den Markt produziert ist. Ich vermisse auf den Messen Künstler*innen, die sich etwas trauen. Woran liegt das Deiner Meinung nach?
Die Künstler, die sich was trauen, gibt es ja, doch weniger häufig die Gelegenheit, in so tradierten Kontexten wie der Art Cologne etwas zu machen, das anders ist und dabei ein bestimmtes Format haben darf. Über die Einladung Daniel Hugs, der die erste Version der Arbeit 2016 bei Schmidt & Handrup in Köln gesehen hat, habe ich mich daher sehr gefreut. In Zeiten, in denen Kunstmessen viel Kritik ausgesetzt sind, müssen sie sich selbst hinterfragen und gegebenenfalls anpassen oder neu erfinden. Auf 1800 Quadratmetern zu zeigen, dass man sich dieser Kritik gewahr ist und diese auch angehen möchte, erscheint daher wie ein guter Marketing Move.

Deatilaufnahme im Atelier Foto: Adam Naparty.

Auf Deiner Homepage ist keine Galerie angegeben. Von wem wirst Du derzeit vertreten?
Ich habe derzeit keine Galerie-Vertretung. Es gibt ein paar Gespräche, allerdings bin ich, was dieses Thema angeht, sehr nüchtern und geduldig, da ich eine bestimmte Vorstellung habe, wie eine Zusammenarbeit aussehen sollte.

Wie würde eine Traumzusammenarbeit mit einer Galerie aussehen? Was müsste passieren, was müsste auf jeden Fall gegeben sein und was darf auf gar keinen Fall passieren?
Der Dialog ist sehr wichtig. Beim Entwickeln neuer Ausstellungen oder Arbeiten bin ich darauf angewiesen, mich mit Vertrauten zu besprechen. Die Traumgalerie ist ein guter Gesprächspartner, ein Berater und Freund, der nicht nur nach dem Wirtschaftlichen schaut, sondern danach, was die Arbeit weiterträgt, und da auch Kompromisse eingeht und gleichzeitig kompromisslos ist. Das ist die erste Ebene und auf dieser kann man die dahinterkommenden Dinge sicherlich gut aushandeln. Ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass jemand, der groß und skulptural arbeitet, für eine Galerie ein anderer Kostenfaktor ist – bezüglich Logistik, Verpackung, Lagerung und vielen anderen Dingen. Ich habe 40 Kilometer entfernt von Berlin ein Storage, eine alte Kartoffellagerhalle. Da fahre ich mit dem LKW zum Ein- und Ausladen rein. Wenn ich mir vorstelle, dass eine Galerie die ganze Halle haben müsste, um ihre Künstler zu lagern … Das kann man in Berlin heutzutage nicht mehr so leicht wuppen wie vor zehn, fünfzehn Jahren.

Detail / Zuzanna Czebatul und Barbara Green. Foto: Adam Naparty.

Du bist mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Und ich habe gesehen, dass Du Teil der Gruppenausstellung „Orient2“ in der Kunsthalle Bratislava warst. Da geht es um die osteuropäische Identität. Wie stehst Du persönlich zu der osteuropäischen Identität?
Ich habe einen deutschen und einen polnischen Pass. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, war ein markanter Moment in meinem Leben. Ich habe ein zweites Mal gelernt, dass ein Mensch durch seinen Pass ganz andere, bessere oder mehr Rechte hat. Das hat mich wütend gemacht. Daher empfinde ich mich als staatenlos. In Polen waren meine Familie und ich nach dem Wegzug so eine Art Nestbeschmutzer, die sich von ihrer Heimat abgewendet haben, um ein „besseres“ Leben zu leben. In Deutschland waren wir viele Jahre illegale Einwanderer mit Abschiebungsterror und Polizeigewalt – unter Helmut Kohl war Immigrationspolitik sehr streng. Als Kind habe ich ziemlich schnell gelernt, akzentfrei Deutsch zu sprechen. Man sah mir nicht an, dass ich ausländisch bin. Ich weiß nicht, wie es sein muss, eine andere Hautfarbe oder einen Akzent zu haben. Heute ist es für mich ein Zwischen-den Stühlen-Stehen, zwischen West und Ost, einerseits privilegiert, anderseits benachteiligt. Wie sich so eine im Osten nicht seltene Biografie in der Kunst verhandeln oder ausdrücken lässt, macht meine Arbeit vielleicht interessant für osteuropäische Kuratoren – als Teil einer jungen, osteuropäischen Identität.

Zuzanna Czebatul, T-Kollaps, Gdańska Galeria Miejska, 2019, photo: Bartosz Górka / all images copyright and courtesy of the artist and Gdańska Galeria Miejska.

Der Parthenon, ein Tempel, der auf der Akropolis von Athen errichtet wurde und der Göttin Athena Parthenos gewidmet ist, überlebte fast zweieinhalb Jahrtausende. Das Symbol der griechischen Demokratie, beziehungsweise seiner Überreste wird von Dir in der Ausstellung „T-Kollaps“ in Form von Plastiksäulen und -Kapitellen nachgestellt. Eine Metapher dafür, dass wir aktuell vor den Ruinen der Demokratie stehen?
Klar gibt es ein bestimmtes Narrativ hinter dieser Arbeit, von dem ich aber nicht viel kommunizieren muss, weil die Installation für sich spricht. Dass die Ausstellung zum ersten Mal in Polen gezeigt wurde und überhaupt durch die Einladung der Kuratorin Gabriela Warzycka entstand, ist natürlich verbunden mit der politischen Entwicklung, die sich derzeit in dem Land beobachten lässt. Doch nicht nur in Polen, sondern auch global sehen wir, wie sich Diskurse verschieben, wie sich der Ton und das Sagbare verändern und wie trotzdem, vor allem von Rechts, über das Abendland und dessen Grundpfeiler gesprochen wird. Diese Stimmen haben ein ziemlich schräges Verhältnis zu den Grundpfeilern ihres vermeintlichen Abendlandes. Und dadurch wirkt der Begriff Demokratie wie eine leere Worthülse. Wir leben in einer Zeit, in der Lobbyisten und Konzerne Politik machen. Es ist kein Zufall, dass das Material weißlich ist und der Raum rot. Für mich ist es immer wichtig, keine eindeutige Stellung zu beziehen, sondern ein Bild zu schaffen, ein Szenario mit einem offenen Ausgang.

Zuzanna Czebatul. Foto: Adam Naparty.

Wer skizziert das politische Bild einer Ausstellung?
Als Künstler möchte ich nicht der Richter sein. Ich freue mich natürlich, wenn Kuratoren nicht davor zurückscheuen, diese Art von Inszenierung auf ihre Bühnen zu holen. Und sich kritischen Besucher*innen stellen, die das genauso lesen und es sich für sie vielleicht ein bisschen wie ein Affront oder eine Unterstellung anfühlt. Danzig ist eine weltoffene Stadt und viele Danziger leiden darunter, dass Polen so abdriftet. Zeitgenössische Kunst muss keine verallgemeinernde Objektivität herstellen, sie kann aber verschiedene Ausgänge skizzieren. Privat habe ich eine klare politische Haltung: Ich organisiere Fundraiser-Parties für die zivile Seenotrettung und gehe auf Demos. Doch in meiner Arbeit möchte ich diese Haltung nicht zum Thema machen, sondern das Thema selbst behandeln.

Zuzanna Czebatul und Barbara Green. Foto: Adam Naparty.

Machen wir einen Zeitsprung von den alten Griechen in die Populär- und Clubkultur der 90er Jahre bis in die Gegenwart. Was fasziniert dich an der Ästhetik der Technogenreration?
Wir haben ja bereits Probleme angesprochen, die man als Zuwanderer haben kann. Mein ganzes Leben war ich anders. Die Rave-Kultur war der erste Ort, an dem das egal war. Da waren viele, die unterschiedlich gewesen sind. Man hat das zelebriert und als etwas Positives erachtet. Ich gehe in Clubs, seitdem ich 14 bin. Bis heute ist „Techno“ die letzte große, subkulturelle Utopie, die auch ein bisschen gelebt wurde. Das in den 1990ern entwickelte „we are the future“- und „alle zusammen“-Gefühl klingt bis heute nach und erfährt derzeit auch ein Revival. Ein Optimismus, der viele Bereiche des Lebens geprägt hat, weil es auch so ein massentaugliches Format wurde. Vor allem durch die Love Parade, wo der Sparkassenangestellte, die Omi und der BSR-Mitarbeiter zusammen auf der Straße waren und Musik hörten. Alle durften mitmachen und darauf waren die Raver stolz. Wir befinden uns in einer Zeit, in der neue Utopien nötig sind. Wir brauchen neue Hoffnungen, neuformulierte Gesellschaftsformen. Ich versuche, diese vergangene Utopie als Quelle zu nutzen, um zu sehen, warum es nicht funktioniert hat, und zu ermitteln, was das Heute braucht. Wie können wir von dieser Kultur lernen, um vielleicht neue Ideen zu entwickeln, was uns wieder hoffnungsvoll und positiv in unsere Zukunft blicken lässt?

Welche Projekte stehen als nächstes an oder sind aktuell zusehen?
Derzeit laufen noch diverse Gruppenausstellungen, unter anderem in der Kunsthalle Lingen und in der Kunsthalle Bratislava. Im Oktober zeige ich „T–Kollaps“ im Somersethouse London. Nächstes Jahr eröffne ich Solos im CAC Synagogue de Delme in Frankreich, in der Galerie EXILE in Wien und im Kunstpalais Erlangen. Die Zeit bis Ende des Jahres werde ich in Peking verbringen und 2020 ein Reisestipendium der Hessischen Kulturstiftung in New York antreten.

Vielen Dank für das Interview!

(Transkription: Lina Mannherz)

WANN: „Orient2“ ist bis zum 6. Oktober in der Kunsthalle Bratislava zu sehen.

Mit SOLID GOLD öffnen wir für euch eine Schatzkammer: Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Green wirft einen Blick hinter die Kulissen des Kunstbetriebs und besucht außergewöhnliche Künstler, Kuratoren und Galeristen in ihren Produktionsstätten. Ob aufregende junge Talente oder etablierte Ausstellungsmacher – das neue Interviewformat stellt Euch spannende Persönlichkeiten des Kunstbetriebs vor.

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