Ein aufsässiges Leben in der Gezeitenzone
Philipp Modersohns "The Selfish Shellfish" in der Galerie Guido W. Baudach

23. September 2022 • Text von

Seepocken sind die wohl sesshaftesten Wesen unseres Planeten – und zudem die wohl aufsässigsten. Sie trotzen den Gezeiten, setzen Landstreifen ihren eigenen Stempel auf und sind wie Minivulkane, aus denen unerwartetes Leben herausbricht. Seine Faszination für die Seepocken teilt Philipp Modersohn aktuell in der Galerie Guido W. Baudach. “The Selfish Shellfish” umfasst eine gleichnamige Video- und eine skulpturale Arbeit des Künstlers. Sehr reduziert, aber pointiert werden Besucher*innen zu Fans der passiven Filtrierer.

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Philipp Modersohn: “The Selfish Shellfish”, 2022, HD-Video, color, sound, 3:30 min, No. 1/3 (Edition 3 + I AP. Courtesy the artist & Galerie Guido W. Baudach, Berlin. Photo: Roman März.

Auf leisen Sohlen, verlangsamt und wenn überhaupt nur leise flüsternd nähern sich Besucher*innen der Leinwand, suchen sich einen guten Platz vor ihr und verharren dort die nächsten dreieinhalb Minuten, oder sieben, oder zehneinhalb. Völlig unbemerkt verhalten sich Besucher*innen in diesem verdunkelten Ausstellungsraum genauso, wie die Seepocke in ihren ersten Lebensminuten. Im Larvenzustand, als Neuankömmling, versucht sie sich schnellstmöglich in ihrer Umgebung zurecht zu finden und entscheidet dann, wo sie bleiben will. Ihre Entscheidung lässt sich jedoch für den Rest ihres Lebens nicht mehr rückgängig machen. Wo sie sich absetzt, bleibt sie für immer. Eine eindrucksvolle Entscheidungsfreude, eine Fähigkeit, die vielen Menschen trotz Mobilität ein Leben lang Schwierigkeiten bereiten kann. 

Eine Felswand wie eine Kuppel wölbt sich auf der Leinwand. Kühles Grau dominiert das beinahe gänzlich unbewegte Bild, während die klirrende Stimme eines Countertenors den Raum geisterhaft erfüllt. In einem alles einteilenden, warm und hölzern klingenden, von aneinanderschlagenden Muschelschalen erzeugten Takt ploppen am Fuße der Steinkuppel Pocken auf. Mit jedem Schlag eine Pocke. Sie sehen seltsam artifiziell aus, wie digitaler Stein. Bringen sie Leben ins Bild? Nicht wirklich, Bewegung bringen sie in jedem Fall.

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“The Selfish Shellfish”, Installation view, Courtesy the artist & Galerie Guido W. Baudach, Berlin. Photo: Roman März.

Ihre zwischen Subjekt und Objekt schwankenden Körper sind gleichermaßen hart und weich, in Kalk wohnendes Weichtier, ein festsitzendes, aufsässiges Innen und Außen, ein Zwischen- und Zwitterwesen, das in Philipp Modersohns Soloshow bei Guido W. Baudach ins Rampenlicht gerückt wird. Der Künstler widmet sich dem geheimnisvollen, obwohl nicht unbekannten Tier auf feinfühlige und würdigende Art und Weise. Sie zum Thema der Kunst zu machen, lässt die Kunst zur Naturwissenschaft werden und umgekehrt. Die Pocke wird zum Stellvertreter der Zerbrechlichkeit der Natur, der Kleinsten im Großen und gleichzeitig verschafft ihr Modersohns künstlerische Plattform ein humorvolles Gehäuse. Er lässt sie auf der Leinwand tanzen, sie führen ihre rhythmische Choreografie auf, “machen einfach weiter so ihr Ding”, wie es der Künstler im Gespräch selbst beschreibt. 

Pocken sind absolut unabhängig, einzig und allein angewiesen auf ihre Befestigung an einer gut gewählten Oberfläche und einer, oder bestenfalls mehrerer Pocken in ihrer Nähe, damit sie sich zwischendurch gegenseitig befruchten können. Ein ziemlich unromantischer Vorgang. Mit ihrem Geschlechtsorgan, das in der Natur verhältnismäßig zum Körper zu den größten gehört, tastet die Pocke ihr Umfeld ab, findet eine andere Pocke und das war’s, ein Handschlag, wenn man so will. “When the rock is the body, and the body is the rock, we decide to multiply” singt der Countertenor die von Modersohn komponierten Zeilen, die Hymne einer unbeweglichen sich fortpflanzenden Pocke.

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Philipp Modersohn: “The Selfish Shellfish”, 2022, HD-Video, color, sound, 3:30 min, No. 1/3 (Edition 3 + I AP. Courtesy the artist & Galerie Guido W. Baudach, Berlin. Photo: Roman März.

Das Video wechselt in eine dunkle Sequenz. Ein Schwarz erfüllt die Leinwand und verschluckt das Licht. Ein transparentes fischähnliches Wesen gleitet im Schwarz herum. Die Sphäre und der Aggregatzustand des Schwarzes sind unklar. Ein Innenraum, die Tiefsee? Das Schwarz schafft eine undefinierbare mysteriöse Dimension, in der das weiche gläserne Lebewesen herumwabert. “Where the inside is the outside and the outside is the inside, we decide to linger on, we decide to outlast.” 

In seinen wechselnd hellen und dunklen Sequenzen tastet sich Modersohns Videoarbeit durch das Leben des Urtiers, eines Urgesteins auf dieser Erde. Sie tanzen in der Gezeitenzone, kümmern sich nicht um den endzeitlichen Charakter der heutigen Zeit, denn die Zeit und die Witterung kann diesen geübten Egozentrikern die Kalkkruste runterrutschen. Doch die Zementdrüse will sorgsam eingesetzt werden. Die weitsichtige Pocke sollte sich in Zukunft vielleicht seltener auf Walen oder Schildkröten zementieren, nur ein kleiner zukunftspessimistischer Tipp von außen.

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Philipp Modersohn: “Gezeitengeist”, 2022, Silikon, Beton, Glas, Kupfer, Stahl, Drehmotor, 38 x 24 x 29 cm. // “The Selfish Shellfish”, 2022, HD-Video, color, sound, 3:30 min, No. 1/3 (Edition 3 + I AP. Courtesy the artist & Galerie Guido W. Baudach, Berlin. Photo: Roman März.

Ob die Auseinandersetzung mit Urtier und Urgestein nun optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft blicken lässt, klärt auch der “Gezeitengeist” nicht. Die Skulptur dreht sich verloren im Raum um sich selbst. Eine Art Beton-Wirbelsäule, versteinertes Gelenk verbindet eine durchscheinende Blase und ein dunkles knorpeliges Gebilde, als stünden sich gut- und bösartig gegenüber. Sehr organisch anmutend bringt das Objekt Bilder von Eierstock, Embryo und Tumor hervor, die aufgrund eines integrierten Motors konstant umeinander zirkeln und nebeneinander, unberührt von der anderen Seite existieren. Ein beruhigender Anblick, ein friedliches Miteinander und doch eine bedrohliche Verkörperung einer omnipräsenten Unsicherheit – der “Gezeitengeist” eben.

Auf dem Weg nach draußen grüßt noch einmal der von weißem Schlacke-Staub verwehte Felsen, von dem die Pocken ihr immerwährendes Hallo und auf Wiedersehen winken. Sie warten geduldig auf die nächste Welle, um in rhythmischem Fangschlag der Gischt ein wenig Plankton zu entlocken. Als unerwartet lehrreich entpuppt sich die Auseinandersetzung mit dem zwar egoistischen, aber auch äußerst bescheidenen Schalentier. Eine Kalkkruste ermöglicht ihnen einen andauernderen, optimistischeren Blick in die Zukunft und ihre beharrliche Sesshaftigkeit verlangt den Gegebenheiten, den Zeiten in die Augen zu sehen. Ausweichen ist nicht möglich, Anpassung schon. Mensch, pfeif auf die Optik, leg dir eine Kalkkruste zu – metaphorisch gemeint. Mit “The Selfish Shellfish” gelingt es Philipp Modersohn, der Seepocke ihren parasitären Charakter abzusprechen und sie augenzwinkernd als Vorbild anzuerkennen.

WANN: Die Ausstellung “The Selfish Shellfish” läuft noch bis Donnerstag, den 29. Oktober.
WO: Galerie Guido W. Baudach, Pohlstraße 67, 10785 Berlin. 

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