Künstliche Objektophilie
"Testing into Compliance" von Anna Nero bei Feldbusch Wiesner Rudolph

22. November 2022 • Text von

Anna Nero zeigt in “Testing into Compliance” bei Feldbusch Wiesner Rudolph in Berlin ihre neuesten abstrakt-gegenständlichen Malereien und Keramiken, die vieles sein könnten: ein Plumbus von Rick & Morty, Laborutensilien oder doch eher Sexspielzeug. Die Werke fetischisieren Dinge, deren Funktion letztlich unklar bleibt. Sie spielen mit Formen, Farben und Übergängen und erzeugen eine Künstlichkeit – wie in einem Labor.

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Ausstellungsansicht “Testing into Compliance” von Anna Nero bei Feldbusch Wiesner Rudolph mit den Arbeiten “Sticky Substance”, “PurpleBalls” und “untitled”, 2022.

Der Titel “Testing into Compliance” (= “Testen bis zur Übereinstimmung”) der neuen Einzelausstellung von Anna Nero geht auf eine Bezeichnung aus der Pharmazie und der Arbeit in Laboren zurück. Sie steht dafür, dass etwas solange getestet wird, bis es “zufriedenstelled” oder vermeintlich “richtig” ist. Eine Probe wird solange analysiert, bis das gewünschte Ergebnis erzielt wird – dabei werden alle vorherigen Ergebnisse ignoriert. Eine Herangehensweise, die sich auch auf die Arbeitsweise von Anna Nero übertragen lässt, nur, dass in ihrem Fall unproblematische und ästhetische Produkte entstehen. Die Künstlerin arbeitet mit einer Art Trail-and-Error-Methode: Ganz ohne Skizzen bringt sie ihre Ideen direkt auf die Leinwand, was nicht immer auf Anhieb zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führt. Manche Ideen werden im Prozess verworfen und neu begonnen. Bei jedem neuen Versuch landet die Farbe wieder ohne Umschweife auf der Leinwand.

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Ausstellungsansicht “Testing into Compliance” von Anna Nero bei Feldbusch Wiesner Rudolph mit den Arbeiten “Missing Link”, “Wrecking Ball” und “False Green”, 2022.

Die Malereien von Anna Nero sind hochtechnisch und handwerklich angelegt. Mal scharfkantig und von perfekt abgetrennten Farbflächen dominierte Sujets, mal, im Gegenteil, mit weniger Kontur und prominenten Farbverläufen, zwischen denen sich einzelne Objekte auf der Leinwand aufzulösen scheinen. Im Gespräch mit gallerytalk.net erwähnt die Künstlerin, dass ihr auch die weniger eindeutigen Bildelemente sehr wichtig seien, da sie immer wieder eine Erinnerung daran sind, dass man der Kunst nicht alles glauben sollte. Die Kunst sei nur eine Pseudowissenschaft. Die zufriedenstellenden Ergebnisse landen letztlich im Ausstellungsraum, während alles andere nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Der Weg hin zum perfekten Ergebnis wird ausradiert.

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Ausstellungsansicht “Testing into Compliance” von Anna Nero bei Feldbusch Wiesner Rudolph mit den Arbeiten “Zentrifuge”, “Cold Pressed Juice” und “Stellschraube”, 2021/22.

Anna Neros Malereien und Keramiken stellen Dinge dar, deren tatsächliche Funktion für die Betrachter*innen unbekannt bleibt, sie haben keinen eindeutigen Nutzen und können im Prinzip alles sein, was die Imagination so hergibt. Mit ihren Werken bringt die Künstlerin ihr Interesse für Gegenstände, ihre Materialität und Farben zum Ausdruck. Ihnen wohnt eine Künstlichkeit inne, die über die bewusst satt angerührten Farben transportiert wird. Auch die dargestellten Objekte haben einen extremen artifiziellen Charakter, da sie wie auf Hochglanz poliert zu sein scheinen. Warme, erdige Töne wird man in Anna Neros Arbeiten nicht finden. Bei Feldbusch Wiesner Rudolph werden Anna Neros Werke in den gesamten Raum eingebettet. Auch die Wände wurden in Farbflächen, die in ihrer künstlerischen Arbeit von großer Bedeutung sind, gestaltet und lassen so – auch wenn jedes Werk einzeln für sich steht – Werkgruppen miteinander korrespondieren.

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Ausstellungsansicht “Testing into Compliance” von Anna Nero bei Feldbusch Wiesner Rudolph mit den Arbeiten “In the cellar”, “Plumbus Nr 2” und “Big Nose File”, 2022.

Ihre Themen entstehen aus dem Unterbewusstsein heraus, aus ihrer eigenen Lebensrealität, berichtet die Künstlerin im Gespräch. Ihr jüdischer Glaube, antisemitische Verschwörungstheorien, aber auch ihr ausgeprägtes Interesse an Laboren, Wissenschaft, True Crime und Obduktion beeinflussen ihr künstlerisches Schaffen. Gleichzeitig bleiben ihre Arbeiten aber frei und unpolitisch, sind mehrdeutig und offen für allerlei Interpretationen und sexy Assoziationen. Und auch an Witz und Humor fehlt es den Arbeiten nicht. Die Keramikarbeit “Plumbus Nr 2” beispielsweise ist angelehnt an den Plumbus aus der Serie Rick & Morty – ein Alltagsgegenstand, der ebenfalls keinen eindeutigen Nutzen hat. “Big Nose File” könnte ein Wasserhahn sein oder aber auch einen Phallus darstellen. Läuft es gleich aus ihm heraus? Kann er saugen? Kann er sabbern? Wer weiß das schon? Und auch die “PurpleBalls”, die von der Decke hängen und beim Eintritt in die Galerie nicht zu übersehen sind, erinnern stark an Liebeskugeln.

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Anna Nero, “Plumbus Nr 2”, 2022, glazed ceramic, 20 x 10 x 10 cm.

Die Dinge, die Anna Nero malt und formt, sind in ihrer Darstellungsweise so präzise ausgeführt, dass sie teilweise aus ihrer Abstraktheit heraustreten und zum Leben erweckt werden. Schaut man sich die funktionslosen Objekte an, überkommt einen das Gefühl, man könnte sie tatsächlich anfassen und benutzen – für was auch immer. Vielleicht zum erotischen Vergnügen oder lustvollen Herumexperimentieren? Die Frage danach, was hier eigentlich dargestellt wird, umkreist einen während des Ausstellungsbesuches permanent. Doch die Antworten kann man höchstens für sich selbst finden.

Der Künstlerin gelingt es, mit ihrem Einsatz von Formen und Farbe eine Oberflächenstruktur und Materialität zu beschreiben, die es in der Realität eigentlich nicht gibt und reizt das Spiel mit der Künstlichkeit bis auf das Äußerste aus. Was ist Wahrheit und was ist fake? Was kann man glauben und was nicht? Fragen wie diese werden in der Auseinandersetzung mit Anna Neros Kunst immer wieder aufgeworfen. Das, was die Besucher*innen hier in den Ausstellungsräumen sehen, ist das perfekte Produkt aus dem eigenen künstlerischen “Labor” von Anna Nero, ihre ganz eigene Pseudowissenschaft, der wir Glauben schenken können oder eben nicht. Spaß macht sie in jedem Fall und setzt unzählige, teilweise schlüpfrige, Assoziationsketten frei. In den Gedanken ist schließlich alles erlaubt.

WANN: Die Ausstellung “Testing into Compliance” läuft bis zum 21. Januar 2023. 
WO: Feldbusch Wiesner Rudolph, Jägerstr. 5, 10117 Berlin.

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