Sexy Feminismus
Anna Ehrenstein hinterfragt universelle Ideen von Frauenrollen

30. April 2020 • Text von

Wie sollen sich feministische Frauen ausdrücken? Und kann man das überhaupt festlegen? Anna Ehrenstein sitzt gerade auf einem Berg in Kolumbien fest und findet, dass Repressionswerkzeuge auch Spaß machen können, wenn man sie sich zu Eigen macht.

(c) Courtesy the artist

gallerytalk.net: Wo bist du gerade?
Anna Ehrenstein: Ich bin gerade auf einem Berg bei Medellin in Kolumbien. Ich habe eigentlich ein Stipendium für ein Recherchesemester in Bogota bekommen und hatte da auch ein nettes Studio, aber als der Lockdown hier angefangen hat, sind mein bester Freund und ich nach Medellin abgehauen, weil es dort wärmer ist, als in Bogota. Wir dachten uns, wenn wir uns schon einen Monat nicht bewegen können, dann wollen wir dabei wenigstens nicht frieren. Blöderweise regnet es auf dem Berg jetzt auch.

In deinen Arbeiten, die du gerade in der Galerie Anton Janizewski zeigst, geht es um Hyperfeminismus und Manipulation der Darstellung. Was bedeuten diese Themen für dich?
Ich zeige zwei Arbeiten aus unterschiedlichen Werkkomplexen. Zu dem Standing Banner habe ich vor etwa drei Jahren meine erste Monografie veröffentlicht. Der Werkkomplex hieß „Tales of Lipstick and Virtue“ und es ging vor allem darum, warum wir Dinge als authentisch erfahren oder eben nicht. Dies wurde aus der Sicht der Frauen aus meiner Heimatstadt Tirana in Albanien und durch Imitationstextilien gezeigt. Wichtig waren die Beziehung zwischen Mensch und Objekt und die Frage danach, warum man ein Objekt als authentisch wahrnimmt oder wie man Materialität eines Objekts betrachtet. Intellektuelles Eigentum wird als neokoloniales Instrument eingesetzt, Objekte können jedoch auch abseits dieses Faktors gewertet werden. Dazu spielt die Beschreibung von Authentizität im Feminismus eine wichtige Rolle.

Inverted Appropriation, Bazament Tirana, Foto: Bazament

Wie hast du diese Thematik ausgearbeitet?
Für das Projekt habe ich in Tirana über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren mit über 80 Frauen gearbeitet. Ich habe die Ergebnisse danach runter gebrochen und auf den beiden Bannern die Social Media Kanäle der Frauen verarbeitet. Zu Beginn habe ich mit jeder Frau darüber gesprochen, wie sie ihr „Retouching“ möchte, und allen dann 30 Arbeiten ihres „Retouchings“ geschickt, um zu sehen, wie sie ihr virtuelles Selbst kuratieren und welche Bilder sie hochladen. Die Ergebnisse habe ich auf den Bannern mit Mythologien gemischt, die einem westlichen feministischen Kanon angehören. Darunter fällt zum Beispiel, dass das wahre Selbst vielmehr ein natürlich gegebenes Selbst sein sollte und weniger ein Spekulatives, das seinen Körper als Utopie betrachtet. Auch das mitunter mangelnde Interesse einiger populären Frauen, sich mit Themen wie Rasse oder Klassen auseinanderzusetzen, spielt eine Rolle.

(c) Courtesy the artist

Diese Zentrierung vieler feministischer Frauen auf sich selbst und ihr Umfeld ist ja auch eine häufige Kritik, oder?
Genau darum geht es auch in der Arbeit und darum, wie dies Privileg für den einen, für den anderen jedoch Degradierung bedeuten kann. Das kommt einfach dadurch, dass viele eine universelle Idee von Feminismus haben, die natürlich nicht überall gleich funktioniert. Im albanischen Kontext ist es zum Beispiel so, dass viele Rechte durch den Kommunismus gegeben waren, die sich Frauen in Deutschland erst erkämpfen mussten. Man kann aber nicht sagen, dass eins besser ist als das Andere. In Albanien sowie in vielen anderen kommunistischen Ländern dienten feministische Ansätze häufig dazu, Frauen als Arbeitskräfte einzuschließen, ohne dass eine sexuelle Revolution stattgefunden hätte. In den westlichen Ländern kam die Idee des Feminismus später, aber dafür direkt in Kombination mit der Bewegung für freie Liebe. Sexy sein war plötzlich keine Degradierung mehr.

(c) Courtesy the artist

Inwiefern hat sich das „Sexy-Sein“ der Frau geändert?
Es hat sich immer mehr gezeigt, dass Dinge, die vorher Repressionswerkzeug waren, auch Spaß machen können, wenn man sie sich zu Eigen macht. Da gibt es ja große Bewegungen wie den Slut Walk oder andere feministische Strömungen.

Wo liegen deiner Meinung nach die Unterschiede im Ausdruck des Feminismus zwischen Albanien und westlich orientierten Ländern?
Ich wurde während der Konzeption der Arbeit oft gefragt, ob die Frauen als Feministinnen gelten würden, wenn sie es selbst nicht vokalisieren. Das empfinde ich als extrem problematisches, tradiertes Denken. Man kann quasi nur Feministin sein, wenn man Zugang zu einem Genderstudies-Programm hat. In Albanien ist Emanzipation von Frauen nur schwer möglich, weil das gesamte Land nicht emanzipiert ist. Solange das Land ein Ressourcenland für billige Arbeit und Mineralstoffe ist, funktionieren feministische Ansätze nur bedingt. Ein Umstand, der in Deutschland die Emanzipation beschleunigt hat, war die Möglichkeit sich von einem Partner zu trennen, weil das System Unterstützung wie Arbeitslosengeld und Kindergeld bietet. Ohne diese Strukturen ist man sehr auf nukleare Familien angewiesen, was nicht gesund ist.

Zen For Hoejabi, Fotomuseum Winterthur, Foto : Phillip Ottendörfer

Wie siehst du dies in Bezug auf Gendernormen?
In Albanien gibt es eine Mentalität, die Feminität anders sieht als der Westen und Gendernormen anders definiert. Dort wird nicht so schnell hinterfragt, warum du High Heels trägst und ob du dann Feministin sein kannst oder nicht. Sobald man etwas als nicht ermächtigend für sich selbst ansieht, denkt man schnell, der andere könne das auch nicht. Das sieht man oft in kulturellen Stereotypen, die zum Beispiel durch die Berichterstattung der deutschen Presse über Twerking oder Dancehall deutlich werden. Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass so etwas emanzipatorisch Spaß machen kann und eine körperliche Sprache ist, die man selber vielleicht nicht kennt, die aber dadurch nicht gleich degradierend ist.

WANN: Anna Ehrensteins aktuelle Ausstellung „ADLER EHRENSTEIN LEY“ kann noch bis zum 4. Juni besucht werden. 
WO: Galerie Anton Janizewski, Goethestraße 69, 10625 Berlin.

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