Einig Vaterland?
Nicholas Warburg betrachtet die BRD

24. Oktober 2019 • Text von

Nicholas Warburg, Mitglied der Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule, eröffnet seine erste Soloausstellung. Der Titel „BRDigung“ lässt auf einen Abschluss mit jüngster deutscher Vergangenheit vermuten – aber es gibt nun mal keinen Neuanfang ohne Aufarbeitung.

Nicholas Warburg, BRDigung, photo by Bela Feldberg

gallerytalk.net: Was interessiert dich an der BRD?
Nicholas Warburg: Es hat mich schon länger gereizt, zu dieser Art von Ästhetik zu arbeiten. Das Signature Piece der Ausstellung ist zum Beispiel eine große Holzvertäfelung mit Astaugen, die auch in Vereinsheimen oder schummerigen deutschen Partykellern hängen könnte. Auf die habe ich mit Edding eine Mind Map zur „BRD GmbH“ gemalt. Das zieht inhaltlich zwar auch Linien zur Gegenwart, aber die alt-bundesrepublikanische Aura von Objekten wie dieser Holzvertäfelung hat mich interessiert. Auch aus der Perspektive des Nachgeborenen, desjenigen, der nicht in der BRD gelebt hat, als noch die DDR existierte. Befremden und Faszination gegenüber dieser Zeit halten sich bei mir die Waage.

Nicholas Warburg, Die Arbeit, photo by Bela Feldberg

Würdest du sagen, es gibt große Unterschiede zwischen der BRD und dem heutigen Deutschland?
Es gibt Unterschiede sowie Kontinuität. Der offensichtlichste Unterschied ist natürlich der Wegfall der DDR. Diese fehlende direkte Konfrontation der zwei deutschen Staaten, hatte viele negative Auswirkungen. Von einem starken nationalen Taumel auf beiden Seiten hin, über einen sozialen Kahlschlag, zu einem erneuten deutlich spürbaren Rechtsruck. Der Umgang mit dem Ende der DDR, war natürlich auch krass – da wurde sehr viel abgewickelt. In der dominanten Geschichtserzählung ist die Rede von der großartigen Wiedervereinigung, über die sich alle freuen, aber ich möchte in diesen Jubelchor nicht einstimmen. Dafür gibt es zu viele negative Begleiterscheinungen.

Nicholas Warburg, Warburgwimpel, photo by E. G. Powell

Der Fokus liegt ja häufig auf der DDR und weniger auf der BRD. Eine Rolle spielt dabei vielleicht auch das Gefühl, die BRD würde sich nicht so sehr von dem unterscheiden, was wir heute leben, weil es eben die Siegermacht war, die alles geschluckt hat.
Wenn man im Westen aufgewachsen ist, redet man vermutlich weniger explizit über die BRD, weil man sich als Zentrum annimt. Denn dort wohnte man ja schon immer in Deutschland, die anderen waren das Drüben.

Nicholas Warburg, Tellerbord 2 (1985), photo by E. G. Powell

Welche Objekte aus der BRD standen für dich im Fokus?
Es gibt einige Sachen, die ich gekauft habe, die ganz offensichtlich aus der BRD-Zeit stammen. Zum Beispiel Tellerborde. Bei einem habe ich eine Rückwand mit dem Foto einer Szene des Soldatenfriedhofs in Bitburg angebracht. US-Präsident Reagan hat Deutschland während der Kohl-Ära besucht und sie haben gemeinsam an einem Tag zwei Ausflüge gemacht. Der eine führte sie zur KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen und der zweite zur Kriegsgräberstätte in Bitburg auf dem auch Angehörige der Waffen-SS liegen. Das hatte zurecht einen internationalen Skandal zur Folge, weil darin eine geschmacklose Gleichsetzung der Opfer gesehen wurde.
Aber es gibt ganz unterschiedliche Werke in der Ausstellung. Die konzeptuellste Arbeit ist eine Plexiglasbox, in der alle Postkarten sind, die mir meine Eltern je geschrieben haben. Etwa 40, 50 Stück, viele davon mit deutschen Motiven. Man kann die Postkarten nicht rausnehmen aber alle weiteren Karten, die meine Eltern mir schicken, sende ich beim Verkauf an eine etwaige Sammler*in weiter und die Person kann diese auch in den Würfel stecken.

Nicholas Warburg, Sie geht auf Reisen usw., photo by E. G. Powell

Passt das denn noch zur BRD?
Das passt insofern nicht, weil die Postkarten ja nicht aus BRD-Zeiten sind. Dafür bin ich zu jung und die Verschickung der Karten ist ja fortlaufend – aber mir geht es ja nicht um eine detailgetreue Retro-Schau, sondern eher um eine assoziative Auseinandersetzung mit der BRD und de facto leben wir ja immer noch in der BRD. Der Bundesrepublik Deutschland. Man benutzt nur die Abkürzung nicht mehr.

Inwieweit hat die Ausstellung politische Bedeutung?
Ich würde mich nicht dagegen wehren, wenn Leute sie politisch lesen und habe dies auch bei manchen Arbeiten nahegelegt. Auch, wenn das ein anderes Projekt ist, aber in der Frankfurter Hauptschule sind uns politische Ambivalenzen ja immer extrem wichtig und das hat mich stark geprägt. Wir legen Wert darauf, Aktionen zu bauen, die viele Sollbruchstellen und Angriffspunkten haben. Durch bewusst gesetzte Mehrdeutigkeit etwas einzubauen, was auf einer Ebene zwar politisch funktioniert aber auf anderer Ebene das Grundanliegen schon fast unterminiert, um nicht zu plakative Politkunst zu machen. Diese Haltung ist in die jetzige Ausstellung auch eingeflossen. Da werden sehr politische Themen verhandelt aber ohne eine thesenartige Politkunst zu machen. Hoffe ich.

WANN: Die Ausstellung eröffnet Freitag, den 25. Oktober um 19 Uhr und kann bis zum 12. November besichtigt werden.
WO: Galerie Anton Janizewski, Goethestraße 69, 10625 Berlin.

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