Was bleibt
„Neue Kunst in Hamburg“ Stipendiat*innen auf der Fleetinsel

15. Januar 2024 • Text von

Seit 1997 ermöglicht das Reisestipendium „Neue Kunst in Hamburg“ den Geförderten, ihre Praxis über gewohnte örtliche Grenzen hinaus zu erweitern. In der abschließenden Ausstellung in den Galerien auf der Fleetinsel werden neue Werke gezeigt, die die gesammelten Erfahrungen mit ihrem Schaffen vereinen. Die fünf Ausstellungen zeugen von unterschiedlichen Annäherungen und sind vereint durch Momente der Aktivierung.

Leyla Yenirce, Fountain, Ausstellungsansicht, Sfeir-Semler Gallery, 2024. Foto: Fred Dott für Neue Kunst in Hamburg

In der Literatur greift ein Epilog das zuvor Erlebte noch einmal auf. Ohne zu Wiederholen knüpft er nahtlos an das Ende einer Geschichte an und lädt dazu ein, mit einer neu gewonnenen Distanz nochmal auf das Vorhergehende zu blicken. In den Galerieräumen der Fleetinseln sind aktuell fünf solcher Epiloge zu sehen. Kuratiert von Fatima Hellberg präsentieren die Geförderten im nunmehr 16. Zyklus des Reisestipendiums „Neue Kunst in Hamburg“ neue Werke, die im Rahmen der Förderung realisiert wurden. Am Ende der Auslandsaufenthalte kristallisiert sich aus Erfahrenem und Erlebtem eine Rückführung zur Praxis.

Dieses Zusammenführen kann in Leyla Yenirces Rauminstallation gleich mit mehreren Sinnen nachempfunden werden. Für „Fountain” nahm sie einen Moment zum Ausgang, dem sie im Washington Square Park beiwohnte. Die sich wiederholenden Bewegungen des Wassers eines Brunnens rahmen Yenirces Sofalandschaft ein, zu der die Künstlerin zu Tee und Keksen einlädt. Zwei Lautsprecher bringen die Nacht in den Ausstellungsraum und laden zum Verweilen und Nacherleben ein. Sorgsam auf dem Tisch platzierte Objekte geben einerseits Aufschluss über den dortigen persönlichen Alltag der Künstlerin, verweisen aber auch auf kolonialistische und industrielle Entwicklungen, die sich weitestgehend unbemerkt im Wohnraum abspielen.

Gerrit Frohne-Brinkmann, Prey and Protagonist, BittelvonJenisch, 2024. Foto: Fred Dott für Neue Kunst in Hamburg

Gerrit Frohne-Brinkmanns fantastisches Kabinett zeigt ungleiche Kombinationen tierischer Paare. Für „Prey and Protagonist” nahm der Künstler das Motiv der Klapperschlange in präkolumbianischen Darstellungen, die er während seines Aufenthaltes in Mexiko untersuchte, zum Ausgangspunkt seiner neuen Arbeiten. Jede seiner Keramikskulpturen wird von roboterartigen Katzen begleitet, die durch ruckartige Bewegungen auf sich aufmerksam machen.

In der Gegenüberstellung seiner Skulpturcollagen entsteht eine Gleichzeitigkeit der Ästhetiken: naturalistisch, technologisch, mythologisch. Seine Protagonist*innen hingegen ringen um die Hierarchie.

Elisa Barrera, The Painted Garden, Ausstellungsansicht, Galerie Karin Günther, 2024. Foto: Fred Dott für Neue Kunst in Hamburg

Elisa Barreras breitformatige Leinwände erinnern an die Inneneinrichtung von Caféhäusern. Für ihre Ausstellung „The Painted Garden“ beschäftigte sich die Künstlerin mit der Geschichte und Darstellungen von Botanik in der mediterranen Region. Auf ihrer Recherchereise entstand eine umfassende Sammlung an Motiven, die ihr als Grundlage ihrer Malereien dienten. Die in Werkkompositionen zusammengefassten floralen Motive sind sowohl naturalistisch als auch ornamental.

Die unterschiedlichen Orte und Darstellungen werden von Barrera schließlich in den Galerieräumen wieder zusammengeführt. Es entsteht eine zeitgenössische Ansammlung, zu deren Betrachtung eine große Bank in der Raummitte einlädt. Zentral in Barreras Ausstellung ist zudem die Frage, wie diese traditionellen Darstellungen und Motive heutzutage reproduziert werden.

Prateek Vijan, They told me, and I believed it. Chapter 2, Produzentengalerie Hamburg, 2024. Foto: Fred Dott für Neue Kunst in Hamburg

Prateek Vijan knüpft mit „They told me, and I believed it. Chapter 2” an seine andauernde künstlerische Behandlung eines kolonialistischen Artefaktes an. Ausgestattet mit einer falschen Identität begab er sich nach London, um die Gegebenheiten der Räumlichkeiten zu erfahren, in denen der Holzautomat „Tipus Tiger“ aktuell gezeigt wird. Angelehnt an einen fiktiven Raub des Objekts aus den Räumlichkeiten des Victoria and Albert Museums umkreist er das Thema der Konservation, sowie der infrastrukturellen Konditionen und Hierarchien der Sicherheit.

Seine gezeigten Skulpturen, Installationen und Druckgrafiken behandeln sowohl materielle, als auch immaterielle Umstände, unter denen das von den Briten geraubte Objekt gelagert wird. Präsentiert als subversive Restitutionsforderung zeigen sie die andauernden kolonialen Kontinuitäten der Gewalt auf.

Tatsuya Sugimoto, Please ask me if you have any questions, Galerie Holger Priess, 2024. Foto: Fred Dott für Neue Kunst in Hamburg

Für „Please ask me if you have any questions“ von Tatsuya Sugimoto gab es nur einmalig die Möglichkeit, einer Lesung des Künstlers beizuwohnen, gleichzeitig werden die Ausstellungstexte als nummerierte Edition angeboten. Er präsentiert die Galerie als Ort der Interaktion, die durch Flüchtigkeit und Verknappung eingerahmt wird. Der von dem Künstler geschaffene Rahmen macht das sichtbar, was normalerweise keine Beachtung findet und legt den Fokus auf die dabei entstehenden dialogischen Perspektiven zwischen dem Künstler, den Betrachtenden und der Galerie.

Im Epilog liegt auch eine transformative Kraft, die in den fünf Ausstellungen offengelegt wird. Stück für Stück führen die Arbeiten der Künstler*innen durch das persönlich Erlebte. Trotz der vielfältigen Auseinandersetzungen vereint die Ausstellungen, dass allen ein aktivierender Moment inneliegt, der Betrachtende an ihren Erfahrungen teilnehmen lässt.

WANN: Die Ausstellungen der “Neue Kunst in Hamburg” Reisestipendiat*innen laufen bis Samstag, den 20. Januar.
WO: Galerien auf der Fleetinsel, Admiralitätstraße 71, 20459 Hamburg.

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