Über die Erhöhung des Selbst im Widerstand
Leyla Yenirce im Kunsthaus Hamburg

7. November 2022 • Text von

Leyla Yenirce beschäftigt sich mit Held*innen, Märtyrertum und der Repräsentation feministischen Widerstands. In ihrer ersten Einzelausstellung “So Much Energy” im Kunsthaus Hamburg zeigt Yenirce eine mehrteilige Multimedia-Installation, die den Kampf einzelner Frauen gegen gewaltsame Dominanzstrukturen würdigt. (Text: Katrin Krumm)

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Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye.

Die Installation im hinteren Teil des Eingangsbereich des Kunsthaus Hamburg bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Doch befindet sich dort, sorgfältig an der Seitenwand positioniert, der erste Teil der Einzelausstellung der Hamburger Künstlerin Leyla Yenirce. Zu sehen ist ein behutsam nachgestellter Bereich aus dem Wohnzimmer der Künstlerin.

Auf der dänischen Holzkommode liegen ihre persönlichen Gegenstände: ein kleiner Bastkorb, gerahmte Fotografien, etwas Kleingeld und ein Schlüssel. Unmittelbar über der Kommode hängen drei Kalender: ein jesidischer, einer zur kurdischen Freiheitsbewegung und einer mit chinesischen Tierkreiszeichen, den Yenirce aus einem chinesischen Restaurant in Oldenburg erhielt; der Stadt, in der die Künstlerin aufwuchs.

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Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye. // Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye.

Neben den Kalendern ist ein Bildschirm an der Wand montiert. Dieser zeigt tagebuchähnliche sequenzielle Videoaufnahmen aus dem Alltag einer Frau, die in freundschaftlicher Weise mit der Person hinter der Kamera spricht. Yenirce hat als Kamerafrau die Interaktion zwischen sich und einer befreundeten Schauspielerin auf Sylt dokumentiert. Ziel des Aufenthalts war eine Reinszenierung der letzten Tage der jüdischen Malerin Anita Rée, ehe diese nach persönlichen Diffamierungen und infolge der nationalsozialistischen Bedrohung Suizid beging.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Yenirce der poetische Moment, in dem sich die Haare der befreundeten Schauspielerin an einem Strandspaziergang im Wind bewegten. Dieses Bild sollte der Künstlerin als visueller Ausgangspunkt für den zweiten Teil ihres mehrteiligen Werks dienen.

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Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye.

Dieser kündigt sich durch gedämpfte Bässe an, die durch die Eingangstür aus dem Hauptraum dringen. Der Raum ist komplett abgedunkelt und wird nur durch die Videoarbeit sowie vereinzelte Lampen in kühlem Blau beleuchtet. Bereits beim Eintritt spürt man einen leichten Gegenwind, der durch vier gleichmäßig verteilte, in einem Halbkreis angeordnete Drohnenpropeller erzeugt wird. Befestigt sind die Maschinenteile jeweils auf minimalistischen Stahlkonstruktionen – der Motor liegt frei. Die lineare, militärisch anmutende Anordnung verstärkt die bedrohliche Energie, die von den Propellern ausgeht.

Dahinter steht eine gigantische Leinwand von zehn Metern Breite und drei Metern Höhe, auf der die Videoarbeit „Nacht. Schlaf. Die Sterne.” (2021) zu sehen ist. Was zunächst wie eine aufgepeitschte Landschaft wirkt, ist eine Nahaufnahme von langem schwarzem Haar, das sich energetisch im Wind bewegt.

gallerytalk Leyla Yenirce NACHT. SCHLAF. DIE STERNE., 2021
Filmstill: Leyla Yenirce, NACHT. SCHLAF. DIE STERNE., 2021.

Das Motiv der Haare hat im Zuge der feministischen Frauenkämpfe im Iran eine schmerzliche Aktualität: Das unverhüllte Tragen und Abschneiden von Haaren ist zum symbolischen Akt der Solidarität mit der feministischen Freiheitsbewegung im Iran und dem Widerstand gegen das iranische Regime geworden.

Über die Lautsprecher hört man kraftvolle, digitale Klänge, die sich langsam in bedrohlich-düsteren Noise verwandeln. Eine immer wiederkehrende, schreiende Stimme erinnert an Krieg und Protest. Für den Sound hat die Künstlerin sowohl verzerrte Panzergeräusche, Found-Footage-Klänge und Synthesizer verwendet als auch Samples, die sie aus Interviews generiert hat.

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Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye.

In den klaren Audioaufnahmen hört man die Stimmen der britischen Freiheitskämpferin Anna Campbell und der irakisch-jesidischen Menschenrechtsaktivistin Lamiya Aji Bashar. Diese überlebte den Genozid an der jesidischen Bevölkerung durch die islamistische Terrorgruppe Islamischer Staat und wurde für ihren Einsatz gegen dessen Menschenhandel und Versklavung jesidischer Frauen mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet.

Die treibenden, sich wiederholenden Klänge des Sounds ergreifen den Körper nicht unähnlich zu Gesängen, die auf Demonstrationen als Mittel verwendet werden, um die Menge anzutreiben und an das gemeinsame Ziel zu erinnern. „Als ob man sein Leben lang widerständig sein üben lernt“, sagt Yenirce im Gespräch mit Anna Nowak, der Kuratorin des Kunsthaus Hamburg, über ihre jezidisch-kurdische Identität. Als Angehörige der in vielen Ländern verfolgten ethnisch-religiösen Gruppe war die frühe Politisierung im Alltag selbstverständlich und gehörte zum Heranwachsen der Künstlerin, die gemeinsam mit ihrer Familie an wöchentlichen Demonstrationen teilnahm.

gallerytalk Leyla Yenirce NACHT. SCHLAF. DIE STERNE.
Leyla Yenirce – SO MUCH ENERGY, Installationsansicht, Kunsthaus Hamburg, 2022, Foto: Hayo Heye.

Auf klanglicher wie auch auf visueller Ebene erzählt „Nacht. Schlaf. Die Sterne.” eine ineinander verflochtene Geschichte von Frauen, die sich extremen Missständen widersetzt haben. In ihrer Reduktion auf universelle Motive kann die Arbeit als wertschätzende Anerkennung der Widerstände Einzelner gegen militärische und kulturelle Dominanzstrukturen gesehen werden.

In „So Much Energy“ werden die dramatischen und tragischen Kämpfe der in der Ausstellung porträtierten Aktivist*innen, Zeitzeug*innen und Genozidüberlebenden ins Heldenhafte erhoben und zelebriert. Sie ist gleichermaßen eine mahnende Erinnerung an die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers im Angesicht neuester Kampftechnologien, wie auch ein fast trotziges, poppiges Gegennarrativ zu dem Leid der Kämpfer*innen, die weiterhin für die kurdische Freiheitsbewegung in den Widerstand ziehen.

WANN: Die Ausstellung “SO MUCH ENERGY” von Leyla Yenirce läuft bis Sonntag, den 4. Dezember.
WO: Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15, 20095 Hamburg.

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