Wenn der Stammbaum knurrt
Monia Ben Hamouda im ChertLüdde Bungalow

13. Oktober 2021 • Text von

Fragen nach der eigenen Identität entfalten sich bei Monia Ben Hamouda zwischen zwei Welten, der italienischen der Mutter und der tunesischen des Vaters. Mit “Night of Hinnā” im ChertLüdde Bungalow erinnert sich die Künstlerin an alle Kontroversen, die an ihrem Stammbaum ranken. Ihre kaligrafischen Skulpturen sind wundersam zweidimensional, sie sind etwas zwischen Schrift und Figur, sie sind Text, Tier und Gewürz.

Monia Ben Hamouda, Night of Hinna, ChertLuedde Bungalow, Ausstellungsansicht
Monia Ben Hamouda: “Night of Hinna”, Installation View at Bungalow/ChertLüdde, Berlin, 2021. Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.

Wie knurrende Hunde oder Wildkatzen streifen Ben Hamoudas Schrift-Skulpturen durch den Raum. Die kaligrafisch geschwungenen Linien – der Vater der Künstlerin arbeitet als Kaligraf – zeichnen tierische Formen wie Tatzen und Krallen nach, aber so ganz erkennbar wird die Figur nicht. Die Schriftzeichen fließen von oben zur Kralle hinunter und sind dabei kein eindeutiges Wort und kein eindeutiges Tier.

In diesem Dazwischen thematisiert Ben Hamouda zwei Verbote, die im muslimischen Glauben gelten: Figuren sollen nicht abgebildet werden, denn man soll sich kein Bild machen, sondern sich den reinen Inhalten annehmen. Der Haushalt soll nicht durch das Halten eines Haustieres verunreinigt werden. Ben Hamouda selbst hat einen Hund. Sie windet sich genauso wie ihre Schriftzeichen zwischen den Verboten, strampelt sich von der Enge der Traditionen frei und nimmt sich ihnen gleichzeitig an. Sie arbeitet mit ihren Erinnerungen, wie ein Hund, der an der Leine zieht. Heute lebt die Künstlerin zwischen Mailand und al-Qayrawan.

Monia Ben Hamouda, Night of Hinna, ChertLuedde Bungalow, Skulpturen, Tatzen-Details
Monia Ben Hamouda: “Aniconism as Figurative Urgency (Wahid”), detail, 2021. Laser cut steel, spice powders, circa: 183 × 147 × 0.3 cm. Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.

Die titelgebende “Night of Hinnā” durchlebt jede Frau in Tunesien am Abend vor der Hochzeit. Es ist ein Abend, an den die Künstlerin intensive Kindheitserinnerungen hat. Mit großen Kinderaugen beobachtete sie, wie ihre Tante die Henna-Farben anrührte, wie die Farbpigmente eine Masse wurden, die dann kunstvoll auf Händen und Füßen der Braut aufgetragen wurde. Über Nacht trockneten die bemalten Körperteile in Stoff eingewickelt und durften dabei nicht den Boden berühren. 

Auch Ben Hamoudas Skulpturen berühren den Boden nicht. Sie schweben, obwohl ihre stählernen Körper schwer sein müssen. Sie durchleben die “Night of Hinnā”, die in ihrer Tradition und Spiritualität beeindruckend, aber auch beängstigend sein kann. Indem Ben Hamouda in ihren Skulpturen Verbote, Traditionen und Bräuche direkt nebeneinander thematisiert, wirken ihre Erinnerungen an das Fest nicht nur leichtfüßig. Diese Skulpturen umgibt eine Aura, die auch erwachsene Augen staunen lässt.

Monia Ben Hamouda: "Aniconism as Figurative Urgency (Thalaathah)", 2021, Laser cut steel, spice powders circa: 177 × 93 × 0.3 cm Photo by Andrea Rossetti, Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.
Monia Ben Hamouda: “Aniconism as Figurative Urgency (Thalaathah)”, 2021, Laser cut steel, spice powders circa: 177 × 93 × 0.3 cm Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.

Bewiesenermaßen werden durch Gerüche starke Erinnerungen geweckt – man nennt das in der Neuropsychologie den “Proust-Effekt”. Wenn man Ben Hamoudas kaligrafischen Tiere betrachtet, meint man ihre kulturelle Identität riechen zu können. Sie riecht nach Curry, Zimt und Kurkuma. Und ein bisschen nach verbrannter Erde. Sie hat ihre herumgeisternden Typo-Viecher mit diesen farbintensiven Gewürzen bestäubt. Hierfür hielt sie das angehäufte Pulver in ihren Händen und hat es pustend an ihre Arbeiten gebracht. Die gelben und orangenen Farben der Gewürze untermalen die Skulpturen, teilweise haften sie an ihnen oder legen eine staubige Spur auf den Boden. Das Tier hat eine Kratzspur hinterlassen. Grrrr. Wieder Farbpigmente, aber auch kulinarische DNA. Düfte sind Erinnerung, sie brennen sich ein.

Monia Ben Hamouda, "Night of Hinna", Details, Bungalow/ChertLüdde, Berlin, 2021. Photo by Andrea Rossetti Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin. Kalligrafie, Skulpturen
Monia Ben Hamouda: “Night of Hinna”, Details, Bungalow/ChertLüdde, Berlin, 2021. Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.

Drei Paar Handschuhe ragen aus den Wänden. Sie sind schmal, sie sind schwarz, weiß, braun, in Henna gefärbt. Die Handflächen zeigen nach oben. Bitten sie? Betteln sie? Beten sie? Die Künstlerin hat die Handschuhe an ihren Händen angepasst, aber sie sind doch ein bisschen zu klein. Sie engen die Finger ein, sperren sie ein, machen sie bewegungsunfähig. Macht Tradition handlungsunfähig? Es sind kritische Fragen, die sich eröffnen. Es sind aber auch warme, geborgene Gefühle, die einem von Ben Hamoudas tunesischer und italienischer Herkunft entgegen gepustet werden – und haften bleiben. Man will fauchen und knurren, ausbrechen und bleiben.

Monia Ben Hamouda: Night of Hinnā (Aamti Saadiya) II, 2021 and Night of Hinnā (Jedda Mabrouka), 2021, Synthetic leather, henna, iron wire Dimensions variable. Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin, Leder Handschuhe, Henna
Monia Ben Hamouda: Night of Hinnā (Aamti Saadiya) II, 2021 and Night of Hinnā (Jedda Mabrouka), 2021, Synthetic leather, henna, iron wire Dimensions variable. Photo by Andrea Rossetti. Courtesy of Monia Ben Hamouda, Milan and BUNGALOW/ChertLüdde, Berlin.

Familie ist verstrickt, Familie schreibt sich ein. Ben Hamoudas Verweise sind überall und vielschichtig, alles hat Bedeutung, alles ist verknüpft mit einer ihrer Erinnerungen. Je mehr von ihnen aufgedeckt werden, desto stärker füllen sich die Skulpturen mit Leben. Jede Erinnerung der Künstlerin hinterlässt eine Spur in ihren Werken, manche liegen tief verborgen, wie Jahresringe hinter der Rinde. Manche jedoch lassen direkte Verbindungen zu ihrer Familiengeschichte zu, sodass sich ihre Werke wie ein Stammbaum zu verästeln scheinen. Welche Geschichten in ihrem Leben Kreise ziehen, wessen Ast bis in ihr Jetzt reicht erforscht Monia Ben Hamouda stetig.

WANN: Die Ausstellung “Night of Hinnā” läuft noch bis Samstag, den 30. Oktober.
WO: ChertLüdde Bungalow, Ritterstraße 2A, 10969 Berlin.

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