DOUBLE TAP #12
Erin M. Riley

10. Januar 2020 • Text von

Erin M. Riley webt, was meist verborgen bleibt. Ihre Werke erzählen von sexueller Selbstbestimmung, aber auch von Gewalt und Trauma. Einmal entdeckt, gehen sie einem nicht mehr aus dem Kopf. Mit gallerytalk.net spricht Riley über Sternzeichen, ihre absurden Arbeitszeiten und die emanzipierende Funktion von Nacktfotos.

Erin M. Riley: Reflections. Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Meine Großmutter hat mich mal an einen Webrahmen gesetzt – mit denkbar mäßigem Erfolg. Weben hat ein eher angestaubtes Image, wie bist du dazu gekommen?
Erin M. Riley: Ich habe die Weberei während meines Masterstudiums in Boston für mich entdeckt. Ich hatte vorher schon mal mit Perlen gewebt, aber das ist etwas völlig anderes. Man arbeitet mit einer ziemlich vereinfachten Form eines Webrahmens. An großen Webstühlen zu arbeiten, mit dem ganzen Webgeschirr, den Litzen und so weiter – das war mir völlig fremd.

Was macht das Weben für dich zur perfekten Form künstlerischen Ausdrucks?
Die Arbeit braucht Zeit und ich genieße den Prozess. Es lassen sich viele Bezüge zur Tapisserie des Lebens herstellen. Ich denke da etwa an all die Fäden, die uns miteinander verbinden. Bis zu dem Moment, in dem sie vollständig sind, existieren meine Arbeiten nicht. Jeder Fleck ist nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Fertigstellung.

Erin M. Riley. Courtesy of the artist.

Stimmt es, dass du manchmal 12 bis 15 Stunden am Stück arbeitest? Wie schaffst du das?
In meinem Leben gibt es nicht viel anderes, also webe ich. Ich war schon immer eine Einzelgängerin, meine Abenteuer erlebe ich im Kopf. Und das Weben fühlt sich für mich nicht wie Arbeit an. Sonst würde ich das auch nicht machen. Es ist für mich die angenehmste Ausdrucksform.

Wie kann man sich also deine Arbeitsroutine vorstellen?
Ich wache auf, esse etwas, hole mir Kaffee und fange an. Wenn ich an einem Projekt arbeite, kann ich es kaum erwarten, loszulegen. Ich muss mich eher zwingen, ins Bett zu gehen. Nach mehr als 12 Stunden rede ich innerlich auf mich ein, dass mein Urteilsvermögen nun eingeschränkt ist und meine Hände eine Pause brauchen. Erst dann kann ich aufhören und mit meiner Entspannungsroutine beginnen: Ich schaue mir an, was ich geschafft habe, und mache mir Gedanken darüber, womit ich am nächsten Tag weitermachen möchte. Meist muss ich mich dann nochmal daran erinnern, dass jetzt Schlafenszeit ist und die Arbeit bis zum Morgen nicht wegläuft. So funktioniert das unterm Strich ganz gut.

Erin M. Riley: Cutie, 2017. Courtesy of the artist.

Mir gefallen besonders deine Arbeiten, die wilde Ansammlungen von Gegenständen zeigen – Kassetten, die Pille, Spielkarten, Kondome. Sie gewähren einen Intimen Einblick in das Leben einer Frau, als würde man jemandem in die Nachttischschublade gucken. Wieso zeigen, was oft verborgen bleibt?
Was wir verbergen ist, worum es wirklich geht. Die Arbeiten sind für mich auch eine Übung in Verletzlichkeit. Ich arbeite nach dem Prinzip „fake it till you make it“. Ich bin Skorpion und als solcher notorisch für meine emotionale Verschlossenheit bekannt. Mir fällt es schwer, Andere mein wahres Ich sehen zu lassen. Ich mache sie dafür verantwortlich, aber oft verstecke ich mich auch einfach. Mit meiner Kunst lege ich mein Inneres offen. Viele halten das für selbstbewusst. In Wahrheit ist es ein Schrei in die Leere. Ich arbeite jeden Tag daran, meiner Angst vor dem Unbekannten und dem Unfassbaren mit Anmut zu begegnen.

Du behandelst oft tabuisierte Themen wie sexuelle Gewalt oder Masturbation. Wie wünschst du dir, dass deine Arbeiten gelesen werden?
Ich möchte die Leute auf jeden Fall zum Nachdenken anregen. Wir alle müssen verständnisvoller werden, um einander wirklich zu erkennen. Wir müssen lernen, die Momente, die wir erleben, und die Körper, in denen wir sie erleben, mehr zu schätzen. Und wir müssen verstehen, dass wir manchmal instinktiv defensiv reagieren. Ich möchte auch, dass die Leute Fragen stellen. Ich habe nicht immer Antworten parat, aber manchmal wachsen beide Seiten an einem Gespräch. Wenn mir Menschen sagen, dass sie einen persönlichen Zugang zu meiner Arbeit haben, freut mich das.

Erin M. Riley: Evidence, 2017. Courtesy of the artist.

Inwieweit teilen Frauen bestimmte Erfahrungen?
Man trifft nur selten eine Person, die sich als weiblich begreift, in deren körperliche Autonomie nicht gegen ihren Willen eingegriffen wurde. Wer von uns wurde nicht unterschätzt, ignoriert und beleidigt? Ich denke allerdings, dass wir alle diese Erfahrungen unterschiedlich verorten – abhängig von unserer Herkunft, dem Grad an Unterdrückung, den wir erfahren haben. Wer in dieser Welt sicher lebt, an dem können viele Dinge abprallen. Dieses Privileg macht dessen Inhaber*innen oft wahnsinnig unsensibel denjenigen gegenüber, die Rassismus, frühe Über-Sexualisierung, Missbrauch oder Trauma erlebt haben und die deswegen besonders gehört werden müssten. Wir müssen einander alle besser zuhören.

Für einige Arbeiten hast du Bildmotive gewählt, die man wohl im Bereich des Sexting verorten würde. Provozieren diese Arbeiten Voyeurismus oder verhindern sie ihn sogar vielleicht?
Beides stimmt ein bisschen. Anfangs wollte ich mich auf diese Weise gegen Revenge Porn wehren. Indem ich meine Nacktfotos selbst veröffentliche, stehe ich zu meiner Sexualität und verhindere, dass jemand mit den Aufnahmen Macht über mich ausüben kann. Ich erlaube Menschen, Intimität mit mir zu erleben, doch diesen Moment kann ich nutzbar machen. Ich lade die Leute dazu ein, mich als Person zu betrachten, die einen Körper hat. Einen Körper, der vollsten Respekt und Selbstbestimmtheit verlangt, aber auch Zuneigung und Lust genießt. Viele, vor allem heterosexuelle cis-Männer, begreifen diese Dichotomie nicht. Sexting kann einem wie die sicherste Form sexueller Befriedigung vorkommen. Dafür muss man sich nicht schämen.

Dass du das auf den Bildern bist, ist unschwer zu erkennen. Dennoch lässt du die Gesichter in deinen Arbeiten leer. Wieso?
Ich habe eine Zeit lang mit Fotos aus meiner Kindheit gearbeitet und dabei nur die Silhouetten meiner Schwestern und mir gemalt. Die Arbeiten waren Vorläufer meiner ersten Webarbeiten. Ich habe mich damals in die schemenhafte Darstellung von Gesichtern verliebt, die Vereinfachung von Identität. Mein Bild konnte fürs Mädchen-Sein stehen, dafür was es bedeutet, das mittlere Kind zu sein, Schwester von Suchtkranken und so weiter. Ich war nicht mehr speziell Erin, mein Gesicht wurde zum Symbol. Diese Idee begleitet mich seitdem.

Auf Instagram hast du eine beachtliche Reichweite. Wie nutzt du die Plattform?
Ich habe 2011 aus Spaß mit Instagram angefangen. Diese direkte Form Inhalte zu teilen hat sich ganz anders angefühlt als die Kommunikation über Facebook oder MySpace. Die Plattform hat sich seitdem extrem verändert, für mich bietet Instagram trotzdem noch coole Möglichkeiten, von meiner Arbeit und meinen Erfahrungen zu berichten, ohne meinen Webstuhl zu verlassen. Aber die App ist nicht für jeden etwas!

Courtesy of the artist.

Ich finde es toll, dass du dort nicht nur deine Arbeiten zeigst, sondern regelmäßig auch die von Kolleg*innen. Das ist nicht selbstverständlich. Wieso machst du das?
Aus verschiedenen Gründen, aber vor allem weil ich die Arbeit der Künstler*innen großartig, inspirierend und bewundernswert finde. Mir geben sie Energie und das will ich teilen. Unter meinen aktuellen Favoriten sind @hellenascoli, @mexicomilk, @_____fin, @fallwestkim, @whoalia, @carveraudainstudio, @ramirogomezjr und @thenjiwe_niki_nkosi – deren neuere Arbeiten zeigen übrigens alle leere Gesichter. Und ich liebe auch so viele ältere Künstler*innen, die Instagram nicht nutzen. Kunst ist einfach cool.

Haderst du manchmal mit der Tatsache, dass viele deine Arbeiten nur über einen Bildschirm sehen und somit nie in Gänze erfahren werden?
Nein, gar nicht. Die Möglichkeit, Arbeiten online zu sehen und zu teilen, möchte ich nicht missen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Arbeiten sich so gut fotografieren lassen. Wenn man sie dann in echt sieht, ist es beinahe, als würde man einen Schatz bergen. Die Erfahrung der Betrachter*innen ist in dem Fall natürlich eine ganz andere. Sie können so viel mehr sehen und ich hoffe, dieses Aha-Erlebnis macht sie dann noch neugieriger.

Erin M. Riley: So Over, 2016. Courtesy of the artist.

Arbeiten von Erin M. Riley sind ab dem 13. Februar im Rahmen der Felix Art Fair in Los Angeles bei P.P.O.W Gallery  sowie ab dem 20. Februar bei der Henie Onstad Triennial for Photography and New Media im norwegischen Sandvika zu sehen. Mehr von Erin gibt’s auf ihrer Website www.erinmriley.com Oder schaut auf Erins Instagram-Account vorbei.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#1 Esteban Schimpf
#2 Leah Schrager
#3 Richie Culver
#4 Amber Vittoria
#5 Andy Kassier
#6 Louis-Philippe van Eeckhoutte
#7 Aaron Scheer
#8 Tim Berresheim
#9 Arno Beck
#10 Jill Senft
#11 Lydia Blakeley