DOUBLE TAP #2
Leah Schrager

15. Februar 2018 • Text von

Fame, Sex und Instagram. Leah Schrager erweitert in ihrer künstlerischen Praxis die Grenzen von Kunst, Erotik, Performance, Prominenz und Feminismus. Einige Arbeiten von Leah Schrager sind derzeit Teil der viel beachteten Ausstellung „Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Wir konnten die Künstlerin nach ihrem Ansatz befragen.

Leah Schrager: Infinity Selfie I (or SFSM – Safe for Social Media), 2016.

gallerytalk.net: Du hast in deinem Werk unterschiedliche Charaktere etabliert. Du warst die nackte Therapeutin Sarah White und als ONA hast du mehr als 1,4 Millionen Follower auf Instagram. Wie gut, meinst du, unterscheiden die Menschen in Ihrer Wahrnehmung zwischen diesen Charakteren und der Künstlerin Leah Schrager?
Leah Schrager: Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob diese unterschiedlichen „Wirs“, auf die du dich beziehst, dieselbe Person sind. Sie haben so unterschiedliche Ziele. Sie teilen nicht die gleichen Freunde, Welten, kulturellen Vorlieben oder gar Arbeitszeiten.

Wie differenzierst du selbst? Sind es Rollen, die du spielst oder überschneiden sie sich auch? Oder ist diese Frage überhaupt relevant?
Rollenspiel ist ein oberflächlicher Begriff für eine temporäre Identität. Die sozial vermittelte Welt, in der ich/wir agieren, ist keine Sache, die wir „anprobieren“, wie verschiedene Kleidungsstücke oder Kostüme. Ich glaube, es ist ein radikaler Bruch in der Art und Weise, wie wir uns selbst heute verstehen. Es könnte als eine alternative Form des Bewusstseins beschrieben werden, die jeden von uns auf einer „granularen“ Ebene durchdringt. Ich treibe mich in diesem neuen omni-dimensionalen Raum herum, und je nachdem, wann ich gefragt werde, fühle ich mich entweder beschwingt, erschrocken oder erschöpft davon, als wäre es alles real, was es schließlich ja auch ist.

Leah Schrager: digital Image, 2016.

In deiner Arbeit sprichst du Konzepte wie Selbstvermarktung und Ausbeutung an. Siehst du es als einen Akt der (Selbst-) Ermächtigung an, solche Methoden aktiv und bewusst einzusetzen?
Als ONA sprechend, ja. Es ermächtigt mich ja tatsächlich finanziell, sozial, künstlerisch, emotional, und psychologisch. Und ein Teil dieser Ermächtigung kommt durch gelenkte und sogar unkontrollierbare Formen der Ausbeutung, die ich so gut wie möglich zu meinem eigenen Vorteil nutze.

In einem deiner Texte schreibst du über den unterschiedlichen Wert, den eine Gesellschaft Frauen zubilligt. Die Gesellschaft unterscheide zwischen Frauen, die „zu Kunst gemacht werden“ und Frauen, die selbst „Kunst machen“. In deiner künstlerischen Praxis erfüllst du beide Rollen?
Kontrolle über die eigene Marke zu besitzen, ist das Ziel aller Künstler. Ansonsten „vermieten“ sie sich nur an jemand anderen. Künstlerinnen machen diesen Fehler schon seit langem. Ich plane, diesen Fehler zu vermeiden.

https://www.instagram.com/onaartist/

Kannst du bestimmte KünstlerInnen nennen, die deine Arbeit beeinflusst haben?
Laurel Nakadate, Marina Abromovic, Eva Hesse, Cindy Sherman.

Dein künstlerischer Ansatz ist ausgesprochen sexuell aufgeladen. Ist die Art und Weise, wie dieser Aspekt wahrgenommen wird, in welchem Kontext, Teil deines Denkprozesses?
In der Kunst geht es immer um den Körper. Ich mag es, meinen Körper zu benutzen, um Kunst zu machen und habe festgestellt, dass mein Körper auch benutzt werden kann, um Geld zu verdienen. Ich mag es besonders, wenn diese beiden Aspekte, durch die Anstrengungen meines Körpers, gleichzeitig passieren. Kunst zu machen, die sich nicht auf eine Sprache sexueller Erregung einlässt, fühlt sich für mich tot an, wie Berge, die kein Wasser bekommen. Der Kontext des sexuellen Begehrens verbindet und begeistert meine ästhetischen Neigungen, durch meinen organischen Drang zu kopulieren, mich zu zeigen, gewollt zu werden, gekauft zu werden, kraftvoll zu sein. Es ist eine lebendige Kunst, die für Entitäten von Bedeutung ist, die daran arbeiten, mittels Vergnügen zu überleben.

Leah Schrager: digital image, 2017.

Wie wird dein Celebrity-Projekt ONA weitergehen?
ONA und ich werden alles in unserer Macht Stehende tun, um eine maximale Exposure zu erreichen. Ich werde Musik, Musikvideos (bekleidet kostenlos, nackt gegen Bezahlung) und Merchandise online verkaufen. Im März werde ich meine „Undisclosed Location Tour“ mit 10 Terminen im Laufe des Jahres beginnen. Fans können Tickets für jedes Datum kaufen, und dieses Ticket verschafft ihnen Zugang zu meiner privaten Pay-per-view-Tourshow, bei der ich per Webcam zu meinen Songs tanze und singe, mit Stripping und Happy End. Es wird auch viel Snap-Chat und Instagram Live-Übertragungen während meiner Zeit an jedem unbekannten Ort geben. Zudem will ich einen Dokumentarfilm über meine Leistung herausbringen, 1 Million Anhänger auf Instagram zu erreichen, und ich werde einen Film über meine „Undisclosed Location Tour“ drehen. Außerdem werde ich Kunstwerke verkaufen, die in Verbindung mit jedem Song, Musikvideo und Fotoshooting entstanden sind, während der Produktion des Albums. Dann im Jahr 2019 werde ich mein zweites Album veröffentlichen und am 1. Januar 2020 endet dann alles. An diesem Punkt werde ich eine Einschätzung vornehmen. Meine Ziele waren schon immer: 10 Millionen Social-Media-Anhänger, ein Foto von meinem Arsch auf dem Cover des Rolling Stone Magazin, 1 Million Song-Downloads und die Repräsentanz durch eine große Galerie.

Warum ist Instagram deiner Meinung nach die am besten geeignete Plattform für deine Arbeit?
Der Hashtag ist die sozial vermittelte DNA unserer neuen digitalen Körper im Internet. Die Rekombination und Vermehrung der eigenen Reichweite ist eine Form von Social Media-Gen-Technologie. Instagram ist die derzeit beste Möglichkeit, unsere sozial vermittelten Körper neu aufzuteilen. Ich gehe aber davon aus, dass in Kürze schon neuere und elegantere Formen zur Verfügung stehen werden.

WANN: Die Ausstellung Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0 ist noch bis zum 8. April zu sehen.
WO: Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10, 04109 Leipzig.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, welche Instagrammer wir in unseren Timelines entdeckt haben.