DOUBLE TAP #9
Arno Beck

2. August 2019 • Text von

Auf Instagram hat Arno Beck den besten Ort der Welt erfunden, analog malt er, was nach Digitalem aussieht. Irgendwie retro und doch völlig frei von Nostalgie. Mit gallerytalk.net spricht der Bonner Künstler über den Reiz grobpixeliger Computergrafik und das Frankfurter Bahnhofsviertel.

Installation View: ‚Crystal Math‘, Schierke Seinecke Gallery Frankfurt. Foto: Frank Blümler.

gallerytalk.net: Kann man Crystal Math rauchen?
Arno Beck: Kann ich nicht empfehlen … Was ich allerdings empfehlen würde, ist sich meine Ausstellung mit dem gleichnamigen Titel in der Frankfurter Galerie Schierke Seinecke anzusehen – läuft noch bis zum 31. August.

Der Ausstellungstitel passt hervorragend ins Frankfurter Bahnhofsviertel. Fühlst du dich da wohl?
Das berüchtigte Frankfurter Bahnhofsviertel ist eine Art begehbares Darknet. Dort fühlen sich meine Arbeiten selbstverständlich wohl.

Eigentlich gehen ja alle nach Berlin. Du bist nach dem Studium zurück nach Bonn, wo du auch geboren bist. Was ist so schön da?
Die Peripherie ist doch heute das neue Zentrum. Ich glaube, dass man durch das Internet und die sozialen Medien globaler agieren kann, ohne physisch vor Ort sein zu müssen. Deswegen ist die Berlinfrage für mich überholt. Ich bin nicht wirklich ortsgebunden und Bonn bildet lediglich den Lebensmittelpunkt, an dem ich meine Kommandozentrale errichtet habe.

Arno Beck, Foto: Falko Alexander.

Laut Instagram findet man im Stadtteil Godesberg „Pizza Internet“. Dein ganz eigenes Geotag?
„Pizza Internet“ klingt einfach verführerisch trashig und da siedele ich mich mit meinem Werk auch gerne an. Dorthin gehe ich immer, um Bilder bei Instagram hochzuladen, denn es gibt kostenloses Wifi und Pizza. Ein reines Wohlfühl-Ambiente, welches einen ausgezeichnet fruchtbaren Nährboden für meine Arbeit bietet.

Obwohl digitale Ästhetik bei deinen Arbeiten eine entscheidende Rolle spielt, arbeitest du nicht am Computer. Magst du mal ein bisschen erzählen, wie es zu der Kombi kam?
Ich verstehe mich als Maler und als solcher bilde ich ab, was mich umgibt, fasziniert und geprägt hat. Mein bildnerisches Schaffen ist von dem Bedürfnis getrieben, digitale Bildwelten greifbar zu machen und – im buchstäblichen Sinne – in die Hand zu bekommen. Daher die Übertragung von am Bildschirm Entstandenem in den physischen Raum.

Wie entstehen deine Arbeiten?
Im ersten Schritt am Computer, dann suche ich nach geeigneten analogen Übersetzungsmethoden, um das Dargestellte in den physischen Raum zu übertragen. Gerade habe ich eine Reihe großformatiger Zeichnungen fertiggestellt, bei denen ich Pixelgrafiken in Strichzeichnungen übersetze. Es geht mir um das Wechselspiel von Digitalem und Handgemachten, das sich gegenseitig durchdringt.

Installation View: ‚Crystal Math‘, Schierke Seinecke Gallery Frankfurt. Foto: Frank Blümler.

Wer heute aufwächst, wird mit digitaler Ästhetik andere Elemente verbinden. Wieso bleibst du ausgerechnet bei Mauspfeilen und Pixel-Optik à la 2000er Wende?
Meine Arbeit ist nicht als Nostalgie misszuverstehen. Es ist ja nicht ausschließlich eine frühe digitale Ästhetik, mit der ich mich auseinandersetzte. Es finden durchaus Elemente aus aktuellen digitalen Welten Einzug in meine Bilder. An der grobpixeligen, frühen Computergrafik interessiert mich demgegenüber, dass sie nicht die Realität nachahmt, sondern für sich steht und als Digitales „an sich“ zu identifizieren ist. Sie hat für mich einen viel größeren Eigenwert als die fast schon realen Imitationen von heute.

Besteht eigentlich die Gefahr, dass sich zu viele Künstler an der ganzen Internet-Kiste abarbeiten?
Die Internet Kiste ist ziemlich groß und geräumig. Darin haben viele Platz.

Installation View: ‚Crystal Math‘, Schierke Seinecke Gallery Frankfurt. Foto: Frank Blümler.

Macht Instagram Kunst als Erlebnis besser, erreichbarer oder vielleicht einfach auch kaputt?
Kaputt glaube ich nicht, definitiv erreichbarer! Ich glaube für viele treten Schwellenängste gar nicht erst auf, wenn sie zu Hause via Instagram Kunst konsumieren können und dafür keine Galerie und kein Museum betreten müssen. Da Instagram in seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten sehr begrenzt ist, macht es das Kunsterlebnis allerdings nicht besser. Das Live-Erlebnis bleibt für mich schon primärer Bestandteil der Kunstrezeption. Erst dieses ermöglicht die Wahrnehmung von Oberflächenstrukturen und Größendimensionen im Raum. Als Künstler verstehe ich Instagram in erster Linie als Tool, um mich und meine Arbeit in die Welt zu multiplizieren und standortunabhängig eine Wirkung zu erzielen.

Arno Becks Ausstellung „Crystal Math“ ist bis zum 31. August in der Galerie Schierke Seinecke in Frankfurt am Main zu sehen. Wenn ihr mögt, schaut euch seine lässige Website an oder folgt ihm auf Instagram.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#1 Esteban Schimpf
#2 Leah Schrager
#3 Richie Culver
#4 Amber Vittoria
#5 Andy Kassier
#6 Louis-Philippe van Eeckhoutte
#7 Aaron Scheer
#8 Tim Berresheim

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