DOUBLE TAP #11
Lydia Blakeley

16. Dezember 2019 • Text von

Ja, Lydia Blakeley hat mehr als einmal „Keeping Up With the Kardashians“ geguckt. Und sie erzählt davon nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Die Britin flirtet mit dem Boulevard. Sie ist zuhause in der Meme-Kultur und fasziniert von Pferderennen. Mit gallerytalk.net spricht sie über Schönheit in der Kunst und ihre Angst vor Stagnation.

Lydia Blakeley: Norman and Bambi, oil on canvas, 40x30cm, 2018. // Lydia Blakeley: Norman and Bambi, oil on linen, 60x40cm, 2019.

gallerytalk.net: Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich dein Gemälde von Norman und Bambi auf Instagram entdeckt. Wieso hast du die Hunde von Kylie Jenner gemalt?

Lydia Blakeley: Da muss ich etwas ausholen. Ich habe mich während meines ersten Studienjahres überfordert gefühlt. Ich kam mir wie eine Hochstaplerin vor. Non-stop Realityshows zu gucken, war meine Art, damit umzugehen. Irgendwann habe ich begonnen, Bilder von den Häusern aus „Keeping Up With the Kardashians“ zu malen. Das Haus indiziert in der Serie immer, wo sich die nächste Szene abspielen wird. Diese Aufnahmen sind also flüchtige Momente zwischen den eigentlichen Geschehnissen. Ich dachte, das male ich mal. Für meine zweite Einzelausstellung an der Leeds Arts University 2018, habe ich weiter an dem Thema gearbeitet. Die Show hieß „You’re Doing Amazing, Sweetie“.

Ein legendäres Zitat von Kris Jenner, der Matriarchin des Kardashian-Clans! Die Worte fallen, während Jenner 2007 ein Nackt-Shooting ihrer Tochter Kim Kardashian für das Magazin „Playboy“ abfilmt.

Genau. Ich wollte für die Ausstellung Arbeiten kreieren, die zu den Traumhäusern der Kardashians passen. Also habe ich all das gemalt, was noch dazu gehört: die makellose Inneneinrichtung, die teuren Autos und vor allem die geliebten Haustiere – also auch Norman und Bambi! Über die Staffeln von „Keeping Up With the Kardashians“ hinweg gibt es zahlreiche Tiere, die kommen und gehen. Sie sind Nebendarsteller, manche haben sogar ihren eigenen Instagram-Account. Aber es ist traurig: Neben den Autos, den Designer-Klamotten und den Kunstsammlungen werden auch sie nur wie begehrenswerte Waren behandelt.

Installation view. Lydia Blakeley. Courtesy of the artist.

Installation view. Lydia Blakeley. Courtesy of the artist.

Ich erinnere mich auch an Mülltonnen bedeckt mit Louis-Vuitton-Logos als Motive deiner Arbeit. Was interessiert dich an solchen Symbolen der Oberschicht?

Wir werden jeden Tag bombardiert mit Bildern eines vermeintlich erstrebenswerten Lifestyles. All das könnte nicht weiter entfernt sein von der Lebensrealität der Mehrheitsgesellschaft. Malerei vermag es, diese Bilderflut zu entschleunigen: Ein flüchtiger Eindruck wird zu etwas Bleibendem. So können wir besser darüber reflektieren, was für Ideale wir eigentlich für erreichbar halten.

Pferde, die stürzen, Mädchen im Begriff, sich zu übergeben, am Boden liegende Männer verwickelt in einen Faustkampf, all das im sehr britischen Kontext der Pferderennen – taugt das als Metapher für den Verfall der Gesellschaft?

Pferderennen haben mich schon immer interessiert. Das Spektakel solcher Sportveranstaltungen hat was. Sie lenken vom Alltag ab. Es geht brutal und schmutzig zu, aber inmitten des Chaos entstehen auch schöne Momente. Was könnte das Chaos und die Enttäuschung aufgrund des Brexit-Votums besser widerspiegeln? Pferderennen versammeln in Großbritannien Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe. Bei großen Veranstaltungen sind Mitglieder der Königsfamilie genauso wie Arbeiter zugegen. Mich hat besonders interessiert, die wie Klatschpresse die Feiernden abbildet. Es ist ein einziges Spektakel! Es wird gekämpft, Gruppen von Freunden erholen sich auf müllbedeckten Grashügeln vom Day-Drinking. Vor allem Frauen werden für ihre Alkoholeskapaden vorgeführt. Aber wenn ich sie male, ist es für mich, als würde ich sie feiern!

Lydia Blakeley: „The Three Graces“, 2019. Courtesy of the artist.

Deine Arbeiten wirken erst einmal zugänglich. Woran liegt das wohl und was steckt dahinter?

Das stimmt, sie kommen einem vertraut vor. Vermutlich sprechen sie die Leute deswegen an. Ich male Dinge, die mich interessieren. Ich mag es, wenn sie mir aus heiterem Himmel heraus begegnen. Und mir ist wichtig, dass die Bilder Humor haben. Sie sollen sich selbst nicht so ernst nehmen. Vergangenes Ostern etwa war ich sehr unsicher, was ich in meiner Uni-Abschlussausstellung zeigen sollte. Ich dachte, dass ich eine genauere Vorstellung davon haben müsste, worum es in meiner Arbeit geht. Diese Über-Kontextualisierung von allem ist sehr präsent in der Ausbildung, sie wird vorausgesetzt. Dann ist mir das „Persian Cat Room Guardian“-Meme eingefallen …

Das Bild einer Plüschkatze, die angeblich ein Zimmer vor negativen Energien schützen soll. Online wird es genutzt, um Fassungslosigkeit auszudrücken.

Ja. Als ich zurück im Studio war, habe ich es gleich mehrfach gemalt. Die Reaktionen waren großartig! Die Betrachter*innen haben das Motiv verstanden.

Lydia Blakeley unfreiwillig abgelichtet und abgelichtet vom Internet.

Malst du auch mal was, einfach weil es schön ist?

Immer. Ich meine, mich an eine Vorlesung zu erinnern, bei der angedeutet wurde, man solle das Wort „schön“ vermeiden, wenn man Kunst beschreibt. Ich benutze es andauernd! Mich zieht Schönheit in der Kunst an.

Was macht zeitgenössische figurative Malerei interessant für dich als Künstlerin, aber auch als jemand, der das Genre zu genießen scheint?

In unserer hektischen Welt vermag es zeitgenössische figurative, Betrachter*innen auf besondere Weise zu fesseln. Mir begegnen Arbeiten, bei denen ich einfach staunen muss – aufgrund der Technik und aufgrund des Motivs. Ich frage mich: „Wie hat die Person das so hinbekommen?!“ Mir gefällt es, wenn es eine versteckte Erzählung gibt. Es können so viele Bedeutungsebenen und Interpretationsansätze parallel existieren! Man kann immer wieder zu einer Arbeit zurückkehren und etwas Neues entdecken. Das ist wahre Inspiration! Ich hoffe, so etwas gelingt mir auch mit meinen Arbeiten.

Installation view from the Goldsmiths MFA show. Photo: Oskar Proctor.

Benutzt du Instagram zum Spaß oder als Karriere-Tool?

Am Anfang war es eine Mischung aus beidem. Während meines Bachelors am Leeds College of Arts haben mir Kommilitonen Instagram gezeigt. Die Plattform hat sich schnell als unentbehrlich erwiesen. Ich habe so viele Leute darüber kennengelernt. Instagram ist großartig fürs Netzwerken. Ich liebe es, Personen persönlich kennenzulernen, denen ich vorher schon in sozialen Netzwerken gefolgt bin. Instagram ist also definitive ein Karriere-Tool für mich. Phasenweise kommt es mir allerdings vor, als würde ich etwas zu schamlos alles teilen, an dem ich arbeite. Ich denke dann, ich sollte mich zügeln – aus Sorge, dass die Leute von meinem Content gelangweilt sein könnten. Manchmal muss man eine Instagram-Pause machen! Die Plattform bietet die Möglichkeit, einzuschätzen, wie eine neue Arbeit ankommt. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Am besten ist es immer, Kunst in echt zu sehen.

Du hast gerade dein Studium an der Goldsmith University in London beendet. Was steht jetzt für dich an?

Absolvent zu sein, ist komisch. Ich bin dabei, mich zu finden, und muss nach der Zeit an der Uni erst einmal etwas Druck rausnehmen. Die positiven Reaktionen während meines Masterstudiums waren überwältigend. Das hat mich motiviert. Jetzt möchte ich mir eine langfristigere, sichere Infrastruktur aufbauen, um weiter meine Kunst machen zu können. Ich habe das Glück, gerade bei mehreren Projekten gefragt zu sein. Seit die Uni vorbei ist, arbeite ich jeden Tag an Werken für verschiedene Ausstellungen. Im Januar 2020 habe ich meine erste internationale Show bei Steve Turner in Los Angeles. Das muss sich noch immer setzen, es ist so großartig!

Lydia Blakeley: Pointers, 2019. Courtesy of the artist.

Mir kam es auch vor, als hätten einige wichtige Leute dich schon auf dem Radar …

Kann schon sein. Meine größte Sorge ist allerdings, dass meine Arbeit stagnieren könnte. Ich möchte keine Bilder produzieren, die denen, die die Leute in der Vergangenheit mochten, zu sehr ähneln. Mir gefällt es, wenn die Dinge sich in eine unerwartete Richtung entwickeln. Deswegen will ich mich im nächsten Jahr verändern. Ich möchte experimenteller und interdisziplinärer arbeiten. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Arbeiten von Lydia Blakeley sind noch bis Sonntag, den 22. Dezember, in der Londoner Transition Gallery zu sehen. Ab dem 4. Januar stellt sie in der Steve Turner Gallery in Los Angeles aus. Mehr von Lydia gibt’s auf ihrer Website www.lydiablakeley.com. Oder schaut auf Lydias Instagram-Account vorbei.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#1 Esteban Schimpf
#2 Leah Schrager
#3 Richie Culver
#4 Amber Vittoria
#5 Andy Kassier
#6 Louis-Philippe van Eeckhoutte
#7 Aaron Scheer
#8 Tim Berresheim
#9 Arno Beck
#10 Jill Senft

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