Zehn Jahre "The Walther Collection"
Artur Walther über afrikanische Fotografie

25. September 2020 • Text von

Der Kunstsammler Artur Walther bringt uns auf den neuesten Stand in Sachen afrikanische Fotografieszene. Eine Nachhilfestunde zu bedeutenden Fotograf*innen, einem richtungsweisenden Kurator sowie international relevanten Ausstellungen und Publikationen.

Fotografie des afrikanischen Künstlers Samuel Fosso.
Samuel Fosso, Le Chef qui a vendu l’Afrique aux colons [The Chief whoSold Africa to the Colonists], 1997, aus der Serie „Tati“. © The artist. Courtesy the artist and JM Patras, Paris.

Artur Walther sammelt seit den 1990er Jahren Fotografie. Dabei konzentrierte er sich zu Beginn auf Arbeiten der Neuen Sachlichkeit, beispielsweise auf Serien von August Sander, Karl Blossfeldt oder Bernd und Hilla Becher. Bald darauf richtete er sein Sammlerinteresse auf andere Gebiete, wie Fotografie aus Afrika und Asien. Inzwischen hat er die weltweit wohl größte und bedeutendste Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Fotografie zusammengetragen. Die von ihm gegründete “The Walther Collection” betreibt ein Privatmuseum in Burlafingen bei Neu-Ulm, einen Project Space in New York und ist zudem bekannt für ihre aufwendigen Publikationsprojekte. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Sammlung sprachen wir mit dem Kunstkenner über die Entwicklung der afrikanischen Fotografie sowie den Kunstbetrieb im Kontext von Black-Lives-Matter und der Corona-Pandemie.

gallerytalk.net: Was löste Ihre Faszination für das Sammelgebiet der zeitgenössischen afrikanischen Fotografie aus?
Artur Walther: Auslöser war mein Freund Okwui Enwezor, der schon immer ein enthusiatischer Supporter der afrikanischen Fotografie war. 1996 kuratierte er im Guggenheim Museum New York unter dem Titel „In/sight: African Photographers, 1940 to the Present“ die erste wegweisende Ausstellung zu diesem Thema. Darin waren unter anderem Künstler wie Seydou Keïta und Samuel Fosso vertreten, deren Arbeiten mittlerweile auch ein wichtiger Teil meiner Sammlung geworden sind.

Fotografie des afrikanischen Künstlers Seydou Keïta
Seydou Keïta, Untitled, 1952–1955 (printed 2001), Courtesy The Walther Collection and CAAC – The Pigozzi Collection, Geneva.

Wie haben Sie und der international bekannte Kurator sich kennengelernt?
Zum persönlichen Zusammentreffen kam es erst Anfang 2000. Damals engagierte ich mich im Kuratorium des ICP, dem International Center of Photography, für das Okwui die nächste sehr umfangreiche Ausstellung „Snap Judgments: New Positions in Contemporary African Photography“ kuratieren sollte. Im Rahmen der Vorbereitungen begab er sich auf eine vierwöchige Recherchereise, auf die er mich mitnahm. Wir wollten wissen, was gegenwärtig auf dem afrikanischen Kontinent passiert, und die dort tätigen Fotograf*innen und Galerist*innen kennenlernen.

Wie hat er Ihre Sammeltätigkeit beeinflusst?
Nach unserer Reise standen wir jahrelang in engem Austausch. Mit der Zeit entwickelte sich in unseren Gesprächen dann auch die Idee für das Privatmuseum in Burlafingen. Zudem war er an unseren Publikationsprojekten mit dem Steidl Verlag beteiligt. Bis kurz vor seinem Tod arbeiteten wir noch an einer umfangreichen Monografie zum Werk von Samuel Fosso, die Okwui als Herausgeber initiiert hat und die auch ein Interview zwischen ihm und Fosso beinhaltet.

Fotografie des afrikanischen Fotografen Malick Sidibé
Malick Sidibé, Lancina Sanogo l’Amis de Mody – Vues de Dos [Lancina Sanogo, the friend of Mody seen from the rear], 2000 (printed 2006), © The Walther Collection and MAGNIN-A, Paris.

Ein weiterer Sammelfokus der The Walther Collection liegt auf Porträtserien. Welches Potenzial bietet diese Art von Arbeiten?
Porträts sagen viel aus über Identität, Körper und Sexualität. Im Fall von afrikanischer Fotografie besteht das Potenzial vor allem darin, ein anderes als das uns geläufige Bild von diesem vielfältigen Kontinent und den dort lebenden Menschen zu zeichnen. Die westliche Sicht auf Afrika ist noch stark von einem kolonialistischen Blick geprägt, von Assoziationen mit semi-nackten Menschen, Natur und Tieren, aber auch politischen Tragödien. Dem steht in der Realität ein ganz anderes, selbstbewusstes Eigenbild entgegen. Mit unserem Band „Events of the Self: Portraiture and Social Identity“ haben wir das umfangreich herausgearbeitet. Die Publikation “Recent Histories” hat diese Untersuchung fortgeführt und durch eine Betrachtung des heutigen Status quo afrikanischer Fotografie vervollständigt.

Was ist Ihnen bei der Auseinandersetzung mit Porträts wichtiger: der individuell-künstlerische Ausdruck oder der gesellschaftliche Dokumentationscharakter?
Es ist beides und gerade das ist das Faszinierende. Bei den Porträts, die ich sammle, geht es sowohl um die Darstellung der Person aus Sicht der Fotograf*in als auch um die Selbstdarstellung des bzw. der Fotografierten. Zanele Muholi beispielsweise hat lesbische Frauen aus Südafrika in selbstbewussten Posen porträtiert und damit ein Tabu visualisiert. Auch der Künstler Sabelo Mlangeni dokumentiert queeres Leben in diesem Land, um einen Teil der Gesellschaft zu zeigen, der ansonsten nicht repräsentiert wird.

Fotografie der afrikanischen Künstlerin Zanele Muholi
Zanele Muholi, Miss D’vine I, 2007. © The artist. Courtesy the artist and Stevenson, Cape Town and Johannesburg.

Spiegeln die Werke in Ihrer Sammlung auch die rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent in den letzten Jahrzehnten wider?
Die Sammlung ist auf jeden Fall eine Reflexion dessen, was auf dem Kontinent stattfindet. Der bedeutende afrikanische Fotograf Santu Mofokeng hat mit seinen Arbeiten zum Beispiel eine 40 Jahre umfassende Chronik der sozialen Umschichtung in Südafrika geschaffen. Und Seydou Keïta hat die gesellschaftlichen Dynamiken in Mali in den Jahren vor der Unabhängikeit des Landes 1960 fotografiert. In seinen Werken zeigt sich die Veränderung des Selbstbildes und des Selbstbewusstseins der Menschen.

Erfährt afrikanische Kunst seit Antirassismus-Bewegungen wie Black-Lives-Matter eine andere Aufmerksamkeit als noch zu Beginn Ihrer Sammlertätigkeit?
Die Bewegung und die anhaltenden Debatten in diesem Zusammenhang zeigen den immer noch vorhandenen Rassismus und die Benachteiligung von ganzen Bevölkerungsgruppen. Die Gewalt gegen George Floyd ist wahnsinnig erschütternd und furchtbar. Neben den Emotionen und Demonstrationen wurde auch mehr über Ungleichheit und Diskriminierung reflektiert und natürlich hat der afrikanische Kontext dadurch mehr Sichtbarkeit bekommen.

Was bedeutet das für die zeitgenössische Fotografie aus Afrika?
In diesem Bereich hat sich generell viel getan seit dem Beginn meiner Sammlertätigkeit. Nach den eingangs erwähnten Ausstellungen im Guggenheim 1996 und im ICP 2006 war vor allem die Show „Aufstieg und Fall der Apartheid: Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens“ im Münchner Haus der Kunst 2013 ein Meilenstein. Immer wichtiger werden auch die seit 1994 in Mali stattfindende Biennale für afrikanische Fotografie „Rencontres de Bamako“ oder die “Dak’Art“, die seit 1990 alle zwei Jahre in Senegal ausgerichtet wird.

Fotografie des afrikanischen Künstlers Jasse Delia
Délio Jasse, Terreno Ocupado, 2014. © The artist. Courtesy the artist, Tiwani Contemporary and The Walther Collection.

Immer mehr Museen bemerken, dass ihre Bestände hinsichtlich afrikanischer Kunst blinde Flecken aufweisen. Erhalten Sie in diesem Zusammenhang vermehrt Anfragen für Leihgaben?
Ja, die erhalten wir. Allerdings haben Museen weltweit noch geschlossen. Die Corona-Pandemie läuft auch hier in den USA viel unorganisierter ab als in Deutschland, weshalb uns diese meiner Einschätzung nach noch mindestens zwei Jahre lang begleiten wird. Selbst nach der Wiedereröffnung werden die Museen viel weniger Besucher*innen bekommen und sich umstrukturieren müssen.

WANN: Im New Yorker Project Space der The Walther Collection wird als nächstes Samuel Fossos Ausstellung “Autoportrait” zu sehen sein. Im Museumskomplex in Burlafingen ist eine Ausstellung geplant, die Arbeiten der beiden Fotografen Santu Mofokeng und David Goldblatt zusammenbringt. Bisher stehen die Termine für die Wiederöffnung der beiden Standorte mit Blick auf die noch andauernde Corona-Pandemie jedoch noch nicht fest. Denjenigen, die sich noch mehr in die Thematik einlesen möchten, können wir in der Zwischenzeit die neuesten Publikationen der The Walther Collection ans Herz legen.
WO: Der Project Space befindet sich in der 526 West 26th Street, Suite 718, New York, NY 10001, USA. Der Museumskomplex ist in der Reichenauerstraße 21, 89233 Neu-Ulm, angesiedelt.

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