Unglaublich gemütlich
7. Elbinsel Kunst- und Ateliertage

14. Oktober 2017 • Text von

Von wegen white cube! In Wilhelmsburg duftet die Kunst nach selbstgebackenem Kuchen, Blumen im Sonnenschein und Gemeinschaft. Südlich der Elbe präsentiert sich seit nunmehr sieben Jahren eine Oase der Nettigkeit, der gegenseitigen Unterstützung und des sozialen Bewusstseins im Kunstbetrieb.

Ausstellungsansicht in Kathrin Milans Garten mit Arbeiten von Herbert Wagner

Da lohnt sich doch ein kleiner Betriebsausflug auf die 7. Elbinsel Kunst- und Ateliertage. Die große Organisatorin hinter der jährlichen Schau Wilhelmsburger Künstlerinnen und Künstler ist Kathrin Milan. Sie hat sich die Zeit genommen, uns einige ihrer Lieblingsorte zu zeigen.

Bei schönstem Sonnenschein starten wir in Milans eigener kleiner Kunstoase: einem kunterbunten Garten mitten in Wilhelmsburg, in dem sie als „Kunstnomadin“ seit zehn Jahren künstlerische Projekte mit Kindern verwirklicht. Zu den Kunst- und Ateliertagen hat sie andere Künstler eingeladen, ihren Garten als Ausstellungsort zu nutzen. Da ist zum Beispiel Herbert Wagner, der „Heliophytogramme“ anfertigt – klingt kompliziert, ist aber bezaubernd: Er legt Pflanzen und Pflanzenteile auf Schwarz-Weiß-Fotopapier und setzt sie der Sonne aus. Das Ergebnis sind geisterhafte farbige Abbilder der botanischen Modelle, die ganz hervorragend an diesen verwunschenen Ort passen. Das Gleiche gilt für die „Pflanzenportraits“ von Jürgen Drygas. Er stellt seine stummen Modelle als überlebensgroße Individuen dar.

Rudolf Giesselmann: Listening Project

Wir stapfen ein paar Schritte weiter über die von Vortag sumpfige Wiese und wir stehen mit nassen Füßen mitten in der Installation von Rudolf Giesselmann zwischen 30 weißen Stühlen. Die Möbelstücke stehen sich jeweils paarweise gegenüber, an die Lehnen sind Texte geknotet. Giesselmann erklärt, dass es ihm in der Arbeit um das Zuhören geht. Er führt Gespräche über eben dieses Thema mit ganz unterschiedlichen Menschen, die wiederum dazu einladen, dass auch die Betrachter ins Gespräch kommen und einander zuhören.

Ausstellungsansicht im Pusthof mit Arbeiten von Felix Hellenkamp, Marlies Jörden und Waltraud Stumme

Gespräch, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung: das möchte Kathrin Milan bei „ihren“ Künstlern befördern. Wie gut das gelingt, ist auch im „Pusthof“ zu sehen. Hier haben sich Felix Hellenkamp, Marlies Jörden und Waltraud Stumme zusammengetan, um eine kleine, aber feine Ausstellung mit Gemälden und Stahlplastiken zusammenzustellen.

Ausstellungsansicht Atelierhof 22 mit Arbeiten von Bente Wolke und Hannah Lena Hase

Im Atelierhof 22 an der Vehringstraße, unserer nächsten Station, werden wir dann mit Kaffeeduft und selbst gebackenen Rosinenbrötchen empfangen. Im Atelierraum sind Besucher und Künstler zwischen Gemälden, Grafiken und Papierarbeiten zum lockeren Gespräch versammelt. Die Bäckerin ist Bente Wolke, die nebenbei auch noch ihre Aquarelle und Radierungen von Walen und Landschaften erklärt.

Ausstellungsansicht Vélo 54 mit Drucken von Wolfgang Höllerl

In Wilhelmsburg und auf der Veddel gibt es viele Ateliers und Künstlerhäuser, aber es gibt auch viel Unterstützung aus anderen Branchen, z. B. vom Besitzer des Fahrradladens Vélo 54. Der lässt mal wieder seinen Laden kapern: hier tummeln sich zahlreiche Kinder um einen langen Tisch und stellen Drucke her, nebendran wird die Ladenarchitektur zur Ausstellungsfläche für die wissenschaftlich anmutenden Druckarbeiten von Wolfgang Höllerl. Er nimmt Details aus mikrobiologischen Lehrbüchern, stellt sie zu neuen Figuren zusammen und beschriftet sie mit ausgedachtem Latein.

Zum Abschluss genehmigen wir uns Kaffee und Kuchen im Café der Galerie 23 mit Blick auf den Kanal, und sind rundum zufrieden.

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