Hauptsache, die Deiche halten!
Die große Organisatorin

21. Oktober 2016 • Text von

Einmal im Jahr stehen ganz Wilhelmsburg und die Veddel im Zeichen der Kunst. Von Künstlerhaus und Gemeinschaftsatelier bis hin zu Cafés, Dachböden und Wohnzimmern wird die ganze Elbinsel zu einer Riesenausstellung ohne Berührungsängste. Gallerytalk.net hat mit Kathrin Milan gesprochen, der großen Organisatorin, die das lässige Mammutprojekt schon zum sechsten Mal  gestemmt hat.

Wolfgang Höllerl, Plakatkunst und unkonventionelle Fahrradhelme im Fahrradladen Velo 54.

Wolfgang Höllerl, Plakatkunst und unkonventionelle Fahrradhelme im Fahrradladen Velo 54.

Gallerytalk.net: Kannst Du kurz erklären, was die Elbinsel Kunst- und Ateliertage sind?
Kathrin Milan: Bei dieser Veranstaltung laden jährlich zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Wilhelmsburg und der Veddel in ihre Ateliers ein. In den offenen Werkstätten und Ausstellungsorten ist es möglich, zu erkunden, wie ein Kunstwerk entsteht. Ausstellen darf, wer auf der Elbinsel arbeitet oder lebt. Die Kunstschaffenden organisieren speziell für diesen Anlass Performances, Mitmachaktionen, Diskussionsrunden und Workshops. Selbst lang ansässig Wilhelmsburger berichten, dass sie neue idyllische und ungewohnte Ecken dabei kennenlernten.

Was hat Dich vor sechs Jahren auf die Idee gebracht, die Kunst- und Ateliertage zu starten?
Ich wollte eine einfach zugängliche Präsentations-Plattform schaffen, die die Vielfalt der auf der Elbinsel ansässigen Kunstszene zeigt. Anfangs war die Veranstaltung als Reaktion auf die von der IBA organisierten Kunstaktionen gedacht. Es waren viele internationale Künstler nach Wilhelmsburg eingeladen, jedoch gab es keinen Fokus auf die lokal Kunstschaffenden. Was aber vor Ort in einem Stadtteil an kreativer Arbeit passiert, finde ich viel interessanter. Die Idee der Ateliertage war schnell geboren. Künstlerinnen und Künstler aus dem Stadtteil, egal ob Profi oder Amateur, sollten ausstellen, sich kennenlernen, vernetzen und austauschen können. Deswegen gibt es am ersten Ausstellungstag ein gemeinsames Abendessen in einem der großen Ateliers, das schweißt zusammen.

Kathrin Milan: Mitmachaktion "Stadtmodell Wilhelmsburg"

Kathrin Milan: Mitmachaktion „Stadtmodell Wilhelmsburg“

Erzähl ein bisschen etwas über Dich, was treibt Dich an?
Ich selbst bin vor zehn Jahren nach Wilhelmsburg gezogen und baute ein Kunstprojekt für Kinder und Menschen aus dem Stadtteil auf. Mein „Stadtmodell Wilhelmsburg“ versteht sich als künstlerischer Begegnungsort für Menschen aller Altersstufen unabhängig von Bildung und kulturellem Hintergrund. Als ich mit diesem Projekt startete, halfen mir gerade alteingesessene Künstlerinnen und Künstler. Sie haben für mich „Mundpropaganda“ gemacht und mir geholfen viele für mich wichtige Menschen kennenzulernen. Das hat es mir leichter gemacht, in Wilhelmsburg anzukommen. Dieses positive Gefühl möchte ich weitergeben und so ein herzliches, kreatives und persönliches Miteinander stärken. Waren es anfangs noch 25 Kreative, sind es heute über 90. Und es gibt noch viel mehr Kunstschaffende auf der Elbinsel, die ich kennenlernen und für die Ateliertage gewinnen möchte.

Geodätische Kuppel am Stenzelring

Geodätische Kuppel am Stenzelring

Was waren Highlights in den letzten Jahren?
Das sind Aktionen, die sich die Ausstellenden extra für die Ateliertage überlegen. Besonders in Erinnerung ist mir der „KuchenKunstKontest“ den das Künstlerhaus Georgswerder vor zwei Jahren organisierte. Ausnahmslos jeder, der Lust hatte, war aufgerufen eine Torte zu backen, die kreativste wurde prämiert. Dieses Jahr baute ein junges Kunstkollektiv in einem Gewerbegebiet eine geodätische Kuppel aus Bambusstäben, in der die Besucher gemütlich schaukeln konnten. Highlights sind immer wieder die neuen Ausstellungsorte. Da war im ersten Jahr ein leer stehender Laden oder dieses Jahr die Ateliers an der Bunthäuser Spitze. Das ist der abgelegene südliche Zipfel der Insel, obwohl ab vom Schuss, wurde diese Kunststätte rege besucht.

Erfreulich ist auch, dass Kunstschaffende die kein eigenes Atelier haben von anderen unterstützt werden. Im Atelierhaus in der Witternstrasse etwa waren alle Flure, Treppenaufgänge und selbst der Hinterhof mit Kunst behangen. Der sonst triste Bau war für ein Wochenende ein gemütlicher Ort. Besonders freut mich, wenn alteingesessene Künstlerinnen und Künstler wie etwa Katharina Jensen, Roswitha Stein oder Heinz Wernicke regelmäßig mit dabei sind oder es ganz neue Orte zu entdecken gibt, wie das Hausprojekt in der Mokrystrasse in diesem Jahr.

Honigfabrik Foto: Christina Grevenbrock

Honigfabrik Foto: Christina Grevenbrock

Das Programm ist ziemlich umfangreich, wie schaffst du es, den Überblick zu behalten?
Ganz wichtig ist mein enger Kontakt zu den Kunstschaffenden, sie zu kennen, zu wissen, wo sie ausstellen, was ihnen wichtig ist und wo sie Unterstützung brauchen. Dieser sehr persönliche Draht hilft mir, trotz so vieler Ausstellender den Überblick zu behalten. Während der aufwendige Flyer erstellt wird, klappere ich alle Kunstorte mit dem Rad ab, zeichne die Ausstellungsorte für die Karte im Flyer und überprüfe, ob sie einfach zu finden sind. Diese Gelegenheit nutze ich oft auch zum persönlichen Besuch.

Was ist das Besondere an Wilhelmsburg und der Veddel?
Es sind sehr lebendige und vielseitige Stadtviertel. Die Bevölkerung ist bunt gemischt, viele verschiedene Nationalitäten leben hier. Freiräume bieten die zahlreichen Industriebrachen, verschlafenen Ecken und die üppige Natur auf der Insel. Viele Kunstschaffende schätzen Wilhelmsburg gerade deswegen. Leider werden diese Freiräume jedoch weniger.

Wie geht es weiter?
Während der Ateliertage besuchte ich alle Ateliers. Da gibt es viele schöne Erinnerungen an anregende Begegnungen und die vielen tollen Kunstwerke, die ich sehen durfte. Im Moment ordne ich alle Unterlagen und überlege einen Termin fürs nächste Jahr. Das heißt, ich habe vor die Ateliertage, solange ich hier arbeite und wohne, auf diese persönliche Weise zu organisieren. Besonders freuen mich die positiven Rückmeldungen und den Dank der Kunstschaffenden.

Wenn eine Fee vorbeikäme, was würdest du dir für den Stadtteil wünschen?
Wenn ich bei der Fee drei Wünsche frei hätte? Als Erster würde ich mir für alle Künstlerinnen und Künstler der Elbinsel wünschen, dass sie genug finanzielle Absicherung haben, um sorgenlos kreativ zu sein. Für den Stadtteil wünsche ich mir, dass er so vielfältig, spannend und lebendig bleibt, wie er jetzt ist – und dass die Deiche halten! Den dritten Wunsch hebe ich mir für die nächsten Ateliertage auf.

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