Mit Kunst und Kegel Teil 2
Venedig Biennale mit Kleinkind

15. Juli 2019 • Text von

Den ersten Teil unserer Erlebnisse auf der Venedig Biennale, dem vermutlich schönsten Abenteuerspielplatz der Kunst, gab es hier nachzulesen. Im zweiten Teil geht es mit unseren Erfahrungen als Familie mit Kleinkind auf der Großausstellung weiter. Ist diese Biennale eine Reise wert?

Ansicht von Sun&Sea (Marina), Opernperformance von Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte, Lina Lapelyte auf der Biennale Arte 2019, Venedig, Foto: Andrej Vasilenko

Tag 4

Der Tag startet in der Schlange vor dem litauischen Pavillon. Mit feinem Humor wird eine große Strandoper geboten und zu Recht der goldene Löwe gewonnen. Das macht Lust auf mehr, und so geht es gut gelaunt in die Arsenale. Hier bietet die Hauptausstellung zum Glück ein ganz anderes Bild, obwohl Rugoff an beiden Orten dieselben Künstler zeigt. In den Arsenale sind fast durchgängig die stärkeren Arbeiten präsentiert. Das macht zwar gleich mehr Spaß, ist aber trotzdem nicht unbedingt ein Zeichen guter kuratorischer Arbeit. Auch fällt im Vergleich mit der sehr reichhaltigen letzten Biennale eine gewisse Leere auf, inhaltlich wie ausstellerisch. Nur eine kleine Handvoll Arbeiten ist überhaupt im Außenraum platziert, die Gärten sind nahezu ungenutzt. Die thematische Orientierung bleibt bei „irgendwas (Politisches? Ökologisches?) mit Gegenwart“ stecken. Erklärungen oder gar Zukunftsvisionen ist Rugoff schuldig und wir bleiben etwas ratlos zurück.

Kunsthighlights: Die ungewöhnlichen Instrumente von Tarek Atoui verzücken uns und das Kind. Das gilt auch für die begehbare Installation mit Abenteuerfaktor im Pavillon der Philippinen. Auf gar keinen Fall sollte man den Litauischen Pavillon verpassen. Aber Obacht bei der Reiseplanung: Aufführungen gibt es nur mittwochs und samstags zwischen 10 und 18 Uhr!
Babytipp: Umstrittenes Thema, aber wir haben für Venedig ein Kindergeschirr angeschafft. Im normalen Alltag wollen wir den Kleinen zwar echt nicht an die Leine legen, aber hier schützt sie wahlweise das Kind vor dem Wasser oder die Kunst vor dem Kind. Letzteres stellt sich gerade in den vielen installativen Ausstellungen als Segen heraus.

Ausstellung Leonor Atunes für den portugisischen Pavillion Foto: Christina Grevenbrock

Tag 5

Heute ist Palazzi-Tag! Eine meiner liebsten Herausforderungen ist Kunst an den schönsten Orten Venedigs zu sehen. Viele Collaterali finden in tollen Gebäuden statt, zum Beispiel im Conservatorio di Musica Benedetto Marcello am Campo S. Stefano. „The spark is you“ zeigt kulturkritische iranische Gegenwartskunst. Elegant nimmt Leonor Antunes im portugiesischen Pavillon im Palazzo Giustinian Lolin die Materialität Venedigs auf. Und zuguterletzt zeigt das Dallas Museum of Art ausgerechnet die roh anmutenden Gemälde und Bronzeplastiken Günter Förgs im eleganten, sonst privaten Palazzo Contarini Polignac.

Kunsthighlights: Mitra Farahani „David & Goliath N°45“ und Leonor Antunes im portugiesischen Pavillon.
Babytipp: Das Kind braucht Bewegungspausen, leider ist es manchmal schwer, vorherzusehen, wie kindgerecht eine Situation sein wird, und so wird unser Löwenkind heute das erste Mal wirklich unleidig. Da hilft erst Günter Förg: Gesichtsausdrücke seiner Bronzeköpfe nachahmen und Fangen spielen im Eingangsbereich heben die Stimmung.

Lara Favaretto, Installation auf dem Dach des Zentralpavillons in den Giardini Foto: Christina Grevenbrock

Tag 6

An unserem letzten Tag lassen wir es ruhig angehen und genießen „La Serenissima“ noch einmal aus vollen Zügen. Wir starten am Rialtomarkt, um frisches Obst aus der Lagune für den Tag zu kaufen, und erfreuen uns am iranischen Pavillon mindestens so sehr über den Blick auf den Canal Grande wie über die Plastiken von Reza Lavassani. Gemütlich flanieren wir durch die Länderpavillons im Palazzo Albrizzi-Capello und schauen uns im Anschluss Xie Tians Wandinstallation für den syrischen Pavillon an, die in der entweihten Kirche „della Misericordia“ einen wunderschönen Aufstellungsort gefunden hat. Zum Abschluss geht es in den überquellenden Palazzo Mora, den das „European Cultural Centre“ gleich mit mehreren Ausstellungen bespielt.

Kunsthighlights: Daniel Pesta im Palazzo Mora. Dem Baby gefällt dort allerdings eine Hundeplastik besonders gut, minutenlang bellt er die Kunst an, wir stehen amüsiert daneben.
Babytipp: Keine Angst vor Kunst! Natürlich nimmt ein Kleinkind sie auf seine eigene Art wahr, aber solange Interesse und Spaß dabei sind, ist doch alles gut.

Ausstellungsansicht mit Sun Yuan & Peng Yu: Can’t Help Myself, 2016, Foto: Christina Grevenbrock

Fazit:

Zu Beginn der Reise war ich besorgt: Würde das Kind den Ausstellungsmarathon mitmachen? Würden wir genug sehen? Und die Antworten sind mit Abstrichen ja und ja. Sicherlich ist es mir schwerer gefallen, wirklich konzentriert Kunst zu gucken und gleichzeitig ein Kleinkind davon abzuhalten, die Installation neu zu arrangieren. Aber mit ein bisschen Vorausplanung und einem guten Blick auf die Bedürfnisse des Kindes hatten wir trotzdem eine Menge Spaß. Aber würde ich diese Biennale weiterempfehlen? Jein. Biennalen in Venedig habe ich schon deutlich bessere gesehen. Die Stadt wirkte kunstmüde und Rugoff mit der Größe der Aufgabe überfordert. Um einen Venedigurlaub mit ein bisschen Kunst zu dekorieren, tut‘s das. Geht es aber darum, Entdeckungen zu machen und großartige Kunst in geballter Form zu erleben, sind die Highlights doch ein bisschen spärlich gesät.

Das war der zweite Teil meiner Abenteuer mit Kleinkind auf der Venedig Biennale. Hier geht es zu Teil 1.

Weitere Artikel aus Venedig