Mit Kunst und Kegel Teil 1
Venedig Biennale mit Kleinkind

12. Juli 2019 • Text von

Es ist wieder Biennale-Jahr in meiner italienischen Lieblingsstadt, also nichts wie hin! Ich freue mich auf tolle Kunst und reichlich Spritz in umwerfender Atmosphäre. Aber dieses Jahr sind wir zum ersten Mal mit Kind unterwegs. Der Kleine ist jetzt anderthalb und ich frage mich: Geht das eigentlich? Eine Großausstellung mit Kleinkind? Zu Teil 2 geht es hier.

Ausstellungsansicht mit Wolfgang Laib, Passageway. Foto: Christina Grevenbrock

Tag 1

In Venedig ist es locker zehn Grad wärmer als in Hamburg, unser Anreisetag vergeht also größtenteils mit Akklimatisierung. Ein kleiner Spaziergang im Canareggio ist aber drin und ganz unverhofft stolpern wir über die erste Collaterali-Ausstellung in der Chiesa di Santa Maria delle Penitenti. Damit sind wir auch gleich voll im Jahresthema „May you live in interesting times“, denn es geht um Umweltkrisen, Klimawandel und das Mittelmeer.

Kunsthighlights: Die Soundinstallation „Oratorio Mare Nostro“ von Lauren Bon macht sich im Kirchenraum gut und passt zu Wolfgang Laibs „Passageway“.
Babytipp: Genug Zeit einplanen! Wer die Biennale in zwei oder drei Tagen runterreißen will, verpasst den ganzen Spaß. Das gilt schon für Erwachsene, noch mehr aber für Familien. Kleinkinder sind keine D-Züge.

Dane Mitchell: Post hoc (detail), 2019, Neuseeländischer Pavillion, 58. La Biennale di Venezia

Tag 2

Es heißt ja, Venedig sei früh morgens am schönsten. Sonst war uns Schlaf wichtiger, aber jetzt haben wir ein Kind. Wir zuckeln also in unsere Lieblingspasticceria und anschließend mit Kaffee und süßen Teilchen im Magen deutlich enthusiastischer weiter gen Markusplatz. Dort öffnet der Campanile gerade seine Tore. Die grandiose Aussicht macht uns Lust auf die Stadt. Beschwingt stürzen wir uns auf die Collaterali und Länder-Pavillons zwischen Markusplatz und Giardini. China kommt im Palazzo delle Prigioni mit sexueller Devianz um die Ecke, Andorra und Aserbaidschan rufen eher müdes Lächeln hervor, dafür überzeugt Zimbabwe mit poetischen Einblicken in die Kultur des Landes. Für Neuseeland stimmt Dane Mitchell nachdenklich mit Listen verlorener Dingen – von Weltraumschrott bis Spezies, die an verschiedenen Orten in der Stadt vorgelesen werden.

Kunsthighlights: Georgina Maxim, Neville Starling und Kudzanai Violet Hwami für Zimbabwe, Dane Mitchell für Neuseeland.
Babytipp: Der Kindertransport in Venedig ist tricky, ständig sind Treppen zu überwinden. Für zierliche Exemplare bietet sich eine Trage an, bei quirligen Wuchtbrummen ist langes Tragen aber keine Option mehr. Wir gratulieren uns selbst zu einem sehr leichten Buggy, der sich unkompliziert zusammenklappen lässt.

Ausstellungsansicht nordischer Pavillon mit Ingela Ihrman: A Great Seaweed Day, 2018-2019, Foto: Finnish National Gallery | Pirje Mykkänen

Tag 3

Heute geht’s richtig los. Wir starten in den Giardini. Die ersten Highlights lassen nicht auf sich warten: Im Schweizer Pavillon sind wir alle drei fasziniert von Pauline Boudrys und Renate Lorentz‘ Tanzvideoarbeit „Moving Backwards“. Überhaupt ist Tanz ein großes Thema in den Giardini. Auch Korea und Brasilien loten seine subversive Kraft aus. Unser musikbegeistertes Kind ist völlig fasziniert und hat sichtlich Spaß daran. Ebenfalls bezaubernd sind der nordische und der britische Pavillon mit zarten Kunstwerken rund um Ökosysteme beziehungsweise wie hingehauchten skulpturalen Arbeiten von Cathy Wilkes. Ralph Rugoffs Hauptausstellung hingegen reißt uns nur ganz selten mal vom Hocker. Sie bleibt Erklärungen schuldig und Entdeckungen sind hier kaum zu machen. Hat man alles schon mal gesehen. Ein treffendes Bild dafür liefern Sun Yuan und Peng Yu mit ihrem Roboterarm, der fleißig, aber sinnlos immer wieder eine Flüssigkeit durch ihren Raum wischt, die zu Beginn der Biennale wohl mal wie Blut aussah, jetzt aber eher an abgestandenen Brombeersaft erinnert.

Kunsthighlights: Die tanzzentrierten Pavillons der Schweiz und Brasiliens, der britische und der nordische Pavillon. Jeppe Heins Sitzplastik bietet uns eine Pause und dem Kind einen Abenteuerspielplatz.
Babytipp: Spielplätze sind in Venedig rar, ein schöner befindet sich gleich am Eingang der Giardini.

Das Löwenkind und ich vor dem polnischen Pavillion. Foto: Christina Grevenbrock

Das war der erste Teil meiner Abenteuer mit Kleinkind auf der Venedig Biennale. Hier geht es zu Teil 2.

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