No Blue Plastic Bag
Ein Atelierbesuch bei Melo Boerner

23. März 2020 • Text von

Melo Boerner vermischt Stoff und Performance, Camouflage und Teenage-Girls. Ein vielseitiges Werk zwischen Hier und Utopie, Kitsch und Punk, Jetzt und a-Chronie.

Melo Boerner, „Aliens“, 2018, Atelieransicht. Courtesy of the artist.

Ein Großraum-Atelier unter’m Dach in der Alten Gießerei in Lichtenberg. Werkfragmente, Stoffstapel, eine Sitzecke, Sofas, ein Beamer. Melo Boerner arbeitet zusammen in einem Gemeinschaftsatelier mit zwei Freund*inn*en aus der Dresdener Hochschulzeit. Melos Reich ist aufgeräumt, der Termin wurde auf Grund der Neuordnung der Räumlichkeiten nach hinten verschoben. Die Aktion war erfolgreich.

Auf dem Boden liegen Stapel von Zeichnungen, Aquarell, Bleistift, und Kohle, eine Collage aus Blättern und einem dünnen Ast. „Die Zeichnungen sind alt, ich habe sie beim Aufräumen wiedergefunden. Und wollte sie nun noch einmal neu betrachten.“ Nach ihrem Jahr beim Goldrausch Künstlerinnenprojekt befindet sich Melo Boerner momentan in einer Umstrukturierungsphase: Rekapitulieren und auswerten, was war – Viel! – , planen, was wird; und ankommen in der eigenen Arbeitsstruktur. Die Zeichnungen sind überaus delikat. Die Frau beherrscht das Handwerk.

Melo Boerner, verschiedene Zeichnungen, o.D. Courtesy of the artist.

Auf der linken Seite des Ateliers hängen in einem Gestell zwei der „Aliens“, circa lebensgroße Stofffiguren mit schlacksigen Gliedern, leicht ambivalent in ihrem Ausdruck. Die „Aliens“ zeigen „Zustände von Emotionen, Figuren, die nicht reinpassen, den Rahmen sprengen.“ Von diesen Protagonisten gibt es noch einige weitere in Melos Werk. In ihrer Unbeholfenheit wirken die Figuren verletzlich, fragil. Hier in den Atelierraum passen sie hervorragend.

Melo Boerner studierte Skulptur an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden und ging dann für einen Master, ebenfalls „Sculpture“, an das Royal College of Art in London. Inwiefern sich die beiden Studienorte unterschieden? „In Dresden hatten wir nahezu komplette Freiheit, Platz, keinen Verkaufs-Druck. Unser Professor hat uns sehr unterstützt wir konnten wirklich etwas starten.“ Nach London ging Melo 2016, da gab es gerade – nicht zuletzt Brexit-bedingt – einen Umschwung in der Kunst, hin zu einer weiteren Kapitalisierung; auch die Ausbildung war davon nicht ausgeschlossen. Abgesehen davon gab es einen großen Fokus auf „Female“, „Gender“, „Performance“: „Insgesamt stand das Prozesshafte der eigenen Kunst mehr im Vordergrund, es ging um den Austausch und die Gedanken hinter dem eigenen Werk. Diesen Fokus gab es in Dresden so nicht.“

Die Abschlussarbeit für das Royal Collage bildeten Melos „Places of Desire“, eine Installation aus verschiedenen Arbeitsgruppen, unter anderem den „Aliens“, zwei Poster Melos queerer Freundinnen sowie weiteren Stoffskulpturen. Die Installation bildete einen Parcours, eine – abstrakte – Anspielung auf Straßenorte, an denen Leidenschaften ausgelebt werden. Ob diese „Places of Desire“ in der Installation zu finden sind? „Es geht um Leidenschaft als Potenzial zur Veränderung.“ Epic. In diesem Sinne muss die Frage wohl mit „Ja.“ beantwortet werden: Über das Werk gelangt der/ die Rezipient*in zu einer Reflexion über die eigenen Leidenschaften, Ersteres dient so gewissermaßen als Anleitung.

Melo Boerner, „Places of Desire“, 2018, Installation. Courtesy of the artist.

In einer Beschreibung der Performance „Phantom Trigger Dance“  werden „Teenage-Girls und Außenseiter*innen“ als weitere Protagonisten in Melos Werk identifiziert. Zu Beginn ihres Studiums habe sie sich viel mit der sogenannten „Bedroom Culture“ beschäftigt, den Fragen nach Aufwachsen, Ausprobieren, Vorbildern. Außerdem sei sie eine Zeit lang in der DIY (Do It Yourself)-Szene aktiv gewesen, daher die „improvisierten“ Materialien. „Und die Punk-Szene, Müll und Zerstörung spielen wohl auch mit herein.“, sagt Melo und lächelt verschmitzt. Ihre Arbeiten und Figuren erkunden die Gefühle und Stimmungen dieser Akteure, naiv, im Sinne von unschuldig, zuweilen etwas verloren; und doch absolut eigenständig.

Wie Melo von der Skulptur zur Performance gekommen sei – welche mittlerweile einen bedeutenden Teil ihrer Arbeit einnimmt? Das habe sich so ergeben, aus ihrer Tätigkeit als DJane heraus: „In einem meiner Acts habe ich Sogs von Künstlerinnen versammelt, welche alle das Wort „Bitch“ umgedeutet hatten. Zwischen den einzelnen Songs gab es Kostümwechsel. Ich habe den DJane-Act immer als Performance betrachtet, außerhalb der Kunstszene.“ Irgendwann fand diese Performance dann Eintritt in die Kunstszene.

Melo Boerner, „Phantom Trigger Dance“, 2019, Performance. Courtesy of the artist.

Ihre erste Arbeit diesbezüglich war „Camouflage Dancer“. Melo trug einen Anzug im Camouflage-Muster, der ihren ganzen Körper bedeckte, versteckte. Dazu hörte sie über Kopfhörer Musik, die nur sie hören konnte. Die Betrachter*in sah nur Melos Bewegungen. „Es geht um die Negierung als Mensch. Der Fokus liegt auf der Bewegung. Das Camouflage-Muster als Auflösung. Und gleichzeitig als Akzentuierung, durch welche eine neue Betrachtung möglich wird.“ Mittlerweile habe sie die Performance circa sechs Male aufgeführt; die Erste in Dresden in einer Baugrube. Sie ziehe Naturräume dem Galerieraum für ihre Performances vor, Letzterer mache alles „sofort zum Kunstwerk“. Und nehme der Arbeit damit ihre Freiheit. Eine weitere Performance Melos fand unter Wasser statt; die Performance in der Dresdener Baugrube mündete in einer Party.

Sowohl die Choreographien als auch die Kostüme zu ihren Performances macht Melo selbst. Als Kind habe sie getanzt, und tue dies immer noch. Ansonsten gehe es eher um eine Erkundung von Bewegungen, als um eine Choreographie im traditionellen Sinne: Gesten, Ticks, erneut das „Schlacksige“, welches auch den Aliens und übrigen Bildformen in Melos Arbeiten anhaftet. Auf die Frage nach den vielen Stoff-Elementen in ihrem Werk, nicht zuletzt den selbstgemachten Kostümen, sagt Melo in einem Nebensatz: „in Nürnberg habe ich eine Ausbildung zur Modeschneiderin gemacht.“ Again: Die Frau beherrscht das Handwerk.

Melo Boerner, „Camouflage Dancer“, 2019, Performance. Courtesy of the artist.

Gerade hatte Melo einen Beitrag auf der „Fe*Male Intervention“ in Leipzig, im Juni spielt sie auf dem „Strangelove Festival“. Ansonsten stehe für 2020 zunächst die Fortführung der Ideen des Letzten Jahren an, „all das, was auf der Strecke geblieben ist.“ Zum Abschluss drückt Melo mir einen Katalog in die Hand, eine der Errungenschaften des Goldrausch Künstlerinnen-Projektes. Die Lektüre zuhause offenbart mystisch-kryptische Texte, was jedoch nichts macht: die Bedeutung ist spürbar, genau wie in Melos Werken. Auf der ersten Seite steht ein Zitat der Künstlerin, alle ihre Arbeiten begännen mit einem blauen Plastiksack. Davon habe ich bei meinem Besuch keinen – mehr – gesehen. Stattdessen wurde Raum für Aliens und Places of Desire geschaffen. Die Zukunft verspricht Großes.   

Eine Übersicht der Arbeiten von Melo Boerner gibt es auf ihrer Webseite. Der Katalog zu ihrer Teilnahme am Goldrausch Künstlerinnenprojekt kann dort über Anfrage bei ihr bestellt werden. Das nächste geplante Projekt ist die Teilnahme am „Strangelove Festival“ in Manchester im Juni 2020.

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