Eine tragische Garderobe
„Küss mich, bevor du gehst.“ Adam Christensen im Kunstverein Harburger Bahnhof

27. September 2021 • Text von

Mit seiner Kunst erzählt Adam Christensen Geschichten von flüchtiger Intimität, Traumata und schönem Schmerz. In seinen Performances, Stoff- und Videoarbeiten entblößt sich der Künstler emotional wie auch körperlich. Er träumt und erinnert, er weint und lacht. Im Kunstverein Harburger Bahnhof ist derzeit seine erste Einzelausstellung in Deutschland zu sehen – und seine melancholische Welt zu spüren.

Adam Christensen, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof
Adam Christensen: “My Heart Forgot to Leap When You Looked at Me” (2010), Mini-DV-Film, 25min. // “Death by Mystery Part I & II” (2020), HD-Video, 45min. Küss mich, bevor du gehst, 2021, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

Der Star des Abends sitzt Backstage in der Garderobe vor dem Spiegel. Angestrahlt vom Licht der Glühbirnen betrachtet er sein Gesicht. Eine Träne bahnt sich ihren Weg durch das dick aufgetragene Make-up. Umgeben von Kleiderstangen, die Kleider tragen, die dich tragen. Der Countdown läuft, das Lächeln wird aufgesetzt, das Kostüm hütet das Geheimnis des Ichs, die Hüfte schwingt sich ins Rampenlicht. Das ist die traurig schöne Tragik der Garderobe, zu der Adam Christensen ein rührendes Lied singen kann.

In seiner Videoarbeit “Death by Mystery Part I & II” ist es zu hören, er begleitet sich selbst mit tiefmelancholischen Tönen des Akkordeons. Die Stimme seines Drag-Ichs Madame de Dangé Laïm presst unverständliche, aber wundervolle Worte heraus, ein emotionaler und physischer Kraftakt. Ein Star im schillernden Kostüm, allein in der Garderobe. Diese bewegenden Klänge füllen die hohen Räume des Kunstvereins Harburger Bahnhof. Nichts in diesem Raum lässt einen kalt, weil diese Stimme einem das Herz zerreißt.

Adam Christensen, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof, Performance
Adam Christensen, Küss mich, bevor du gehst, 2021, Live-Performance, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

“Küss mich, bevor du gehst” hat, kuratiert von Tobias Peper, den KvHbf zu Madame de Dangé Laïms Garderobe werden lassen. Große Kleiderstangen, an denen Christensens genähte und sehr eindrucksvolle Kostüme hängen, dominieren den Raum. Jedes Kleidungsstück wird von einer anderen Identität bewohnt. Ein knallgrüner Zweiteiler erinnert an einen knubbeligen Froschkönig. Das Jäckchen ist vermutlich bauch- und brustfrei, die Hose am Saum von Quasten geziert. Dazu ein spitzzulaufender Stoffauswuchs, der sich krallenartig über die High Heels legt.

Adam Christensen, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof
Adam Christensen, Küss mich, bevor du gehst, 2021, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

Das luftige rosa Latexkleid mit typografischem Aufdruck lässt sich am Rücken mit zwei breiten transparenten Stoffbändern schnüren, aber es entblößt Rücken und Po, wie ein Krankenhauskittel in amerikanischen Filmen, in denen Jack Nicholson die Hauptrolle spielt. RomCom oder Horror/Mystery – das ist die allgemeine Frage. Jedes dieser Kleidungsstücke lässt mehrere Genres zu. Die Christensen-Garderobe verwandelt den KvHbf in ein verspieltes Identitätsforschungsfeld. Und im Hintergrund der kreischend schöne Klang eines schweren Herzens.

Adam Christensen, Performance, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof
Adam Christensen, Küss mich, bevor du gehst, Live-Performance, 2021, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

Das Video läuft weiter. Ein Gedicht wird vorgetragen, dessen Fetzen von alltäglichen Szenarien, wie pinkeln gehen, zu übergriffigen sexuellen Handlungen überspringen. Es gibt in Christensens Gedichten keine Konstante, er füttert lieber so lange den Zwischenraum von Gegensätzen, dass am Ende die Flüchtigkeit die größte Stärke der Intimität geworden ist. Gegensätze ziehen sich an, der Schmerz ist die größte Freude, ein übergriffiger Taxifahrer dein bester Freund. Beim Eintauchen in Christensens Welt breitet sich eine warme Unruhe im Bauch aus. Ich bin aufgeregt und sehr traurig.

Adam Christensen, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof
Adam Christensen, Küss mich, bevor du gehst, 2021, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

Manchmal streift der Künstler im übertragenen Sinne seine Kleider ab und steht nackt und absolut ehrlich da. Seine frühe Arbeit “I Never Got the Time to Know You”, eine weitere der insgesamt vier ausgestellten Videoinstallationen, dokumentiert die Suche nach seinem Vater. Aufgrund der frühen Trennung seiner Eltern hat er ihn kaum kennengelernt und wandelt gemeinsam mit seinen Halbgeschwistern auf den Pfaden der Vergangenheit. Sie führen Gespräche darüber, woran sie glauben, spüren übersinnliche Präsenzen. Sie rücken näher zusammen durch die väterliche Lücke, die zwischen ihnen klafft. Jegliche Fiktion entweicht.

Adam Christensen, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof, Video-Installation
Adam Christensen: “Under Hypnose” (2020), HD-Video, 40min. Küss mich, bevor du gehst, 2021, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

Seine Kamera führt in persönlichste Lebensbereiche. “My Heart Forgot to Leap When You Looked at Me” zeigt derart private und intime Nahaufnahmen, dass einem die Schamesröte ins Gesicht schießt. Plötzlich ist der Penis seines Exfreundes im Bild. Ungefragt und ungefiltert. Für sein von Ängsten und Gewalt durchzogenes Video “Under Hypnose” im an- und abgegrenzten hinteren Raum ist eine Triggerwarnung nötig. 

Christensen performt in diesem von privaten und fiktiven Geistern belebten Raum auch live. Madame de Dangé Laïms schlüpft dann aus dem Bildschirm heraus und die unaussprechliche Sprache und ihre berührenden Geschichten ziehen in die Wirklichkeit ein. Diese Ausstellung ist Bühne, es gibt Treppen und großformatige Stoffarbeiten erinnern an Vorhänge. Ihre Motive sind vollverhüllte alienartige Wesen. Alle Stoffe sind transparent und dicht zugleich. Alles ist halb verdeckt – ein großes halbes Geheimnis bildet das traumatisch traumhafte Mysterium der Madame de Dangé Laïms.

Adam Christensen, Performance, Küss mich bevor du gehst, Ausstellungsansicht, Kunstverein Harburger Bahnhof
Adam Christensen, Küss mich, bevor du gehst, Live-Performance, 2021, Kunstverein Harburger Bahnhof. Photo: Fred Dott.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis Sonntag, den 14. November. Am Freitag, den 12. November, um 19 Uhr, findet eine weitere Live-Performance des Künstlers, zusammen mit Denis Unal, statt.
WO: Kunstverein Harburger Bahnhof, Hannoversche Straße 85, 21079 Hamburg. Im Bahnhof über Gleis 3 & 4.

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