Unter die Haut
Die Glitch AG im Lichthof Theater

28. Februar 2019 • Text von

Ich sitze gemütlich im Lichthof Theater, nasche eine Orange, während sich die Performerin minutenlang mühsam aus ihrem engen Meerjungfrauenkostüm pellt. Das Künstlerinnenkollektiv Glitch AG überzeugt seit drei Jahren mit herausragenden Performances, bei denen nichts alltäglich ist und doch alles. Auch ihre bisher größte Produktion „Am Rande der Epidermis“ ist wieder gnadenlos biografisch und verknüpft mit Leichtigkeit Vergnügen und Tiefgang.

Sonst performen die fünf „AGentinnen“ meist auf den Straßen und bringen etwa beim Reeperbahnfestival das Publikum in Bewegung und zum Nachdenken. Publikumsbestechung mittels Obst ist für die Ladys überhaupt nicht notwendig, auch wenn ein Theaterstück über ein biologisches Thema erst mal ungewöhnlich und ein wenig sperrig klingt: Die Haut ist unser aller Grenzorgan. Sie präsentiert uns nach Außen, sichert unser Überleben, dient als Projektionsfläche für alles Mögliche und ist trotzdem als solche meistens nur in Frauenzeitschriften als Objekt unseres Kosmetikwahns präsent.

Auf der Theaterbühne öffnet die Glitch AG den Blick für die Haut als Kampfzone. Angefangen bei der martialischen Metaphorik, die in der Biologie vorherrscht, geht es weiter zur Medizin, über die Haut als Spiegel und Aktionsradius gesellschaftlicher Identitätskonstruktionen bis zum dem Schönheits- und Frauenbild. Gallerytalk.net hat mit Anne Pretzsch und Eva-Maria Glitsch gesprochen.

Szenenfoto „Am Rande der Epidermis“ © Johannes Hoenig

gallerytalk.net: Was hat es mit eurer Faszination für die Haut auf sich?
Anne: Anna [Hubner] ist Biologin, daher rührt ihr Interesse fürs Thema. Sie hat den zugrunde liegenden Text im Rahmen ihrer Nominierung für den Retzhofer Dramapreis geschrieben. Wir fanden das Projekt spannend und wollten gemeinsam herausfinden, was wir performativ daraus entwickeln können.
Haut ist ja ein unglaublich großes Thema, in dem sich jeder wiederfinden kann. Uns hat vor allem die Idee von Haut als Grenze interessiert. Die Biologie benutzt dafür eine Kriegsmetaphorik: die Haut als Bollwerk gegen Einflüsse von außen. Das war spannend und hat uns auch zum Thema Diskriminierung geführt. Fragen nach der Haut sind immer verbunden mit der Frage „Wie weit öffne ich mich, wo muss ich mich abgrenzen, was lass ich rein, was muss draußen bleiben?“ Das lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

In euer Stück fließt viel theoretisches Wissen und Biografisches ein. Wie lief euer Rechercheprozess?
Wir haben erst einmal haufenweise biologische Texte gelesen und uns Hintergrundwissen angeeignet, auch über den historisch- gesellschaftlichen Diskurswandel. Außerdem sind zahlreiche eigene Texte entstanden. Zudem haben wir Hautgeschichten über Narben und Verletzungen von vielen Menschen gesammelt. Wichtig waren auch die halbwissenschaftlichen Publikationen, die wir gelesen haben, beispielsweise GEO Wissen Haut, weil da die Metaphorik besonders zum Tragen kommt. Es war krass zu sehen, wie politisiert das Thema ist!

Szenenfoto „Am Rande der Epidermis“ © Johannes Hoenig

In euren Stücken geht es immer wieder um Identität. Die Haut ist das, was wir nach außen zeigen. Über sie kommunizieren wir einen großen Teil unserer Persönlichkeit. Was interessiert euch daran?
Das Interesse ist unter anderem durch die Kunstform der Performance begründet, weil sie aus uns als Personen heraus entsteht. Wir arbeiten mit persönlichen Erfahrungen, sie sind der Topf, aus dem wir schöpfen. Wir glauben, dass wir nur Berührendes schaffen können, wenn wir Themen wählen, die uns selbst berühren.

Vergleicht man sie etwa mit Euren Performances auf dem Reeperbahnfestival, ist dies eure bisher größte Produktion. Wie wirkt sich der Ort auf Eure Stücke aus?
Genau! Wir hatten zwar auch schon ein Showing des Stücks in Leipzig und Omolouc, wo wir sechs Wochen lang in einem Residenzprogramm geprobt und unsere Ideen weiterentwickelt haben. Aber erst die Premiere und die Aufführungen am Lichthof Theater zeigen das Stück in seiner eigentlichen Form. Beim Reeperbahnfestival kommen die Leute ganz anders zu uns. Auf einem Festival sind sie, um Musik zu hören und stoßen eher zufällig auf die Performance. Da war die Herausforderung, das Publikum in Bewegung zu halten und mit ihm zu arbeiten. Das Theaterpublikum hingegen kommt eigens für uns und mit anderen Erwartungen. Das verändert die Ansprache völlig.

Ihr arbeitet jetzt seit drei Jahren im Kollektiv. Da gibt es bestimmt auch Konflikte?
Eva-Maria: Ja, klar. Ich zum Beispiel mag es immer eher lustig, Anne hat es lieber ernsthafter. Dann müssen wir uns natürlich einig werden. Aber uns ist es wichtig, dass am Ende alle hinter jedem Teil des Ergebnisses stehen. Das macht unseren Prozess langwieriger, aber auch vielfältiger.

Szenenfoto „Am Rande der Epidermis“ © Johannes Hoenig

In der letzten Szene verwandelt sich eine eurer Performerinnen erst in eine Meerjungfrau, die in ihrem Kostüm zwar „sexy“ daherkommt, sich aber kaum bewegen kann. Dann entpellt sie sich mühsam wieder aus ihren „Fesseln“ – ein emanzipativer Prozess?
Ja, mit dem sie aber auch allein ist. Unsere Frauenhaut bringt Einschränkungen mit sich, die Männer so oft nicht kennen. Frauen beschäftigen sich permanent mit ihrer Haut.

Die Glitch AG entlockt der simplen, biologischen Tatsache der Epidermis zahlreiche Facetten und wechselt dabei mit Leichtigkeit zwischen medizinischen Fachbegriffen, Gesellschaftskritik und humorvollen Momenten. Dem Stück ist die gründliche Recherche zum Thema und die Wertschätzung der Performerinnen untereinander, für ihr Publikum und ihr Produkt in jedem Augenblick anzumerken. Kurz: Ich bin begeistert! „Am Rande der Epidermis“ ist wieder klug, verknüpft Leichtigkeit und Tiefgang, ist schonungslos biografisch und regt zur Anknüpfung an die eigene Geschichte an. Chapeau!

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