Eine kleine Utopie
Reeperbahnfestival 2018

27. September 2018 • Text von

Da ist es auch schon wieder vorbei, das Reeperbahnfestival mit seinem überbordenden Musik, Kunst und Kulturprogramm. Spaß hat’s gemacht! Besonders, weil wir von gallerytalk.net in diesem Jahr mit von der Partie waren. Wir haben am Festivalsamstag Björn Holzweg, Eva-Maria Glitsch und Christine Kristmann von der Glitch AG sowie das Künstlerinnen Duo Ada Grüter und Janne Plutat zum Artist-Talk geladen, um mit ihnen über ihre Arbeiten auf dem Festival zu reden.

Ada Grüter und Janne Plutat: Die Stammesgesellschaft, Foto: Florian Trykowski

Am Rande des „Field of Arts“ haben Ada Grüter und Janne Plutat eine Strickhöhle errichtet. In der Installation mit ihren Wänden aus patchworkartig zusammengestellten bunten Stoffstrukturen hausen seltsame stumme Wesen, die aus dem gleichen Material zu bestehen scheinen, wie ihre Umgebung. Mal sind sie im Inneren der Höhe beschäftigt, mal schauen sie aus der Türöffnung und winken neugierige Besucher herbei. Hinter den bunten Masken und Woll-Overalls, die mit ihrem scheinbar naiv zusammengesetzten Farbenflickwerk an Kinderzeichnungen erinnern, verbergen sich die beiden Künstlerinnen, die die Festivalbesucher dazu ermutigen möchten in die Welt ihres Kunstwerks einzutauchen. Im Inneren der Höhe kann man sich selbst mithilfe eines Wollkostüms in eine Strickkreatur verwandeln. Im stummen Austausch, optisch eins mit der gestrickten Umgebung und seinem kostümierten Gegenüber wird man hier Teil einer proto-sprachlichen „Stammesgesellschaft“ nach Marshall McLuhan. Gleichzeitig thematisieren die beiden Künstlerinnen mit der heimeligen Strickhöhle und ihren kostümierten Bewohnern, die die Blicke der Festivalbesucher auf sich ziehen, den Gegensatz zwischen privatem und öffentlichem Raum.

Im Gallerytalk Artist Talk haben die beiden uns das Kunstwerk näher erläutert – für sie ist die Höhle auch ein Ort jenseits von Kategorisierungen: „ein Ort, an dem man nicht alles kennt und weiß, wo man nicht denkt ‚Oh, das ist ein Tisch, da stell ich Sachen drauf'“. Dass die Festivalbesucher eher schüchtern reagieren, beobachten die Künstlerinnen eher mit Neugier. Die Strickinstallation auf dem Field of Arts sehen die beiden als eine Art Forschungsprojekt, sie wollen analysieren, wie die Festivalbesucher darauf reagieren.

Björn Holzweg: Lost Track – Rollercoaster

Wenige Schritte weiter ragt Björn Holzwegs imposante Arbeit „Lost Track – Rollercoaster“ empor – eine Rummelplatzarchitektur mit verlassenen Autoscooter-Waggons in schwarz-weiß. Das Werk ist in drei Ebenen auf große Holzplatten montiert und wird dadurch begehbar wie eine Theaterkulisse. Dass viele Festivalbesucher seine Installation erst mal als Selfie-Spot nutzen, trägt der Künstler mit Fassung. Schließlich handelt es sich selbst bei der Nutzung als Fotokulisse immer noch um eine Beschäftigung mit dem Kunstwerk.

Eigentlich geht es ihm um den Geist der Orte. Holzweg behandelt Plätze, die äußerlich verlassen, für ihn jedoch mit persönlichen Assoziationen und einer speziellen Energie aufgeladen sind. Für das Reeperbahn Festival hat er sich vom Spirit des Heiliggeistfeld inspirieren lassen, wo zweimal im Jahr der Hamburger Dom mit seinen Jahrmarktsfahrgeschäften stattfindet. Die Arbeit auf dem Reeperbahnfestival hat sich aus Holzwegs Zeichnungen entwickelt. In ihnen wird besagter „Spirit“ durch eine Art bunten Nebel dargestellt. Diesen Aspekt des Werkes hat er auf dem Reeperbahnfestival in eine künstlerische Vertrauensübung ausgelagert. Sein „Lost Track – Rollercoaster“ wird in einer kooperativen Aktion von der Glitch AG bespielt, sie „geben dem Kunstwerk die Farben“.

Glitch AG: Untergraben

Der Eindruck einer Theaterkulisse, den „Lost Track – Rollercoaster“ evoziert, kommt nicht von ungefähr. Denn es wird das zur Bühne für das Performance-Kollektiv Glitch AG. Die drei AGent*innen beschäftigen sich über Bewegung, Rhythmik und Text mit dem Thema Erinnerung. Sprechchöre und Zettelbotschaften zielen vor allem auf unser haptisches und sensorisches Gedächtnis ab – da wird der Geruch von Clerasil beschworen, das Gefühl, wenn der erste Wackelzahn mit Faden und Türklinke aus dem Mund befördert werden soll oder ein Wespenstich beim Tretbootfahren. Und obwohl jede der Invokationen mit „Ich erinnere mich nicht an…“ beginnt, sind die Momente, an die sich wohl jeder aus Kindheit und Jugend erinnert, auf einmal ganz nah.

Von links nach rechts: Björn Holzweg, Janne Plutat, Ada Grüter, Eva-Maria Glitsch, ein Wollwesen, gallerytalk.net Redakteurin Christina Grevenbrock und Christine Kristmann. Das Festivalwetter wollte nicht mitspielen, netterweise haben wir Asyl im Container der Seenotrettungsgesellschaft SOS Mediterranee bekommen.

Alle drei Künstler vereint der Ort als gemeinsames Thema: Die in Björn Holzwegs Installation evozierten Kindheits- und Jugenderinnerungen, die an die Fahrt mit einem Autoscooter auf dem Jahrmarkt geknüpft sind, den Raum der erinnerten Nicht-Erinnerungen, die die Glitch AG aufruft und die betret- und anfassbare Höhle von Ada Grüter und Janne Plutat. Sie finden zusammen an dem extrem künstlichen Ort des Festivals, der aus den Gesetzen des Alltags herausgehobenen ist. Auch hier sind sich die Künstler ziemlich einig. Für Björn Holzweg sind „Festivals immer Utopia“, denn hier „beschäftigt man sich mit ganz anderen Dingen als zum Beispiel …Abwaschen“. Die AGent*innen der Glitch AG bringen es auf den Punkt: Ein Festival ist durchaus eine kleine Utopie –  ein Ort, an dem sich Menschen treffen, einen Raum teilen, gemeinsam Musik hören, sich begegnen.

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