Zwischen Kunstverein und Institution
Annina Herzer über das Paradox einer Entwicklung

20. April 2018 • Text von

Der Schinkel Pavillon eröffnet heute mit „The Empty House“ seine erste Einzelausstellung mit Louise Bourgeois. Die 2010 verstorbene Künstlerin ist sonst eher in großen Museen und Sammlungen anzutreffen. Toll also, wenn ein solches Projekt in einem unkonventionelleren Rahmen stattfinden kann. 

Ausstellungsansicht, Louise Bourgeois, The Empty House, 2018, Schinkel Pavillon, Berlin © The Easton Foundation/VG-Bild-Kunst, photo: Andrea Rossetti

 

Der Schinkel Pavillon wurde neulich als „Berlins hippster Kunstverein“ bezeichnet. Euer Programm ist sonst sehr stark zeitgenössisch ausgerichtet. Wie kam es dazu, dass Ihr nun  Louise Bourgeois zeigt?

Es war schon immer unser Traum eine Ausstellung von solchem Format im Schinkel Pavillon zu zeigen. Als Verein der ausschließlich von Frauen geführt wird, war Louise Bourgeois natürlich die perfekte Anwärterin dafür. So kam es dazu, dass Nina Pohl vor mittlerweile drei Jahren Jerry Gorovoy kennen gelernt hat, der den Estate der Künstlerin in New York leitet. Er war von der Idee und den Räumen sofort begeistert und bereit uns unter den Bedingungen, die der Pavillon nun einmal hat, zu unterstützen.

Worin bestand der besondere Reiz Louise Bourgeois gerade im Pavillon zu zeigen?

Bei einer Künstlerin wie Louise Bourgeois geht es ja nicht mehr darum sie in irgendeiner Art und Weise zu positionieren. Dennoch ist es für die Werke und auch für den Estate interessant, ihr Werk in einem neuen Kontext ausgestellt zu sehen. Die Räume des Pavillons, sowohl der verglaste Teil oben als auch unsere bisher noch nie bespielten Kellerräume machen die Werke dieser Ausnahmekünstlerin nur noch mehr besonders.

Louise Bourgeois hat also nie an Gegenwärtigkeit verloren! Was macht Ihre Kunst so einzigartig?

Für uns war es total faszinierend mit historischen Arbeiten, mit einer Künstlerin von solchem Kaliber .. ja einem Superstar, eine Ausstellung zu machen. Sie ist Kunstgeschichte und Wegbereiterin für ganz ganz viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Sie ist eine Ikone und ein Vorbild. Und jetzt, während der Entstehung der Ausstellung konnten wir auch erfahren, wie besonders es ist von diesen Arbeiten umgeben zu sein.

 

Louise Bourgeois, Peaux de Lapins, Chiffons Ferrailles à Vendre, 2006, Steel, stainless steel, marble, wood, fabric and plexiglass 251.5 x 304.8 x 403.9 cm. Collection The Easton Foundation © The Easton Foundation/VG-Bild-Kunst, photo: Andrea Rossetti

 

Die Ausstellung dreht sich um das Spätwerk der Künstlerin. Zu sehen sind vier, in dieser Zusammenstellung noch nie gezeigte Holzvitrinen, eine Spinne, Gouachen und sogar eine Zelle, die oben im verglasten Pavillon wirkt wie eine Zelle in einer Zelle. All das wirkt als hätte Louise Bourgeois nur darauf gewartet im Pavillon ausgestellt zu werden. Was war für Euch die größte Herausforderung? Als Kunstverein, als kleines Team, als Institution, die sonst eher mit jüngeren und viel flexibleren Positionen bzw. Ansprechpartnern arbeitet?

Also grundsätzlich hatten wir keine Ahnung worauf wir uns einlassen mit dieser Ausstellung (lacht) und waren auch zeitweise an der Grenze zur Überforderung, was wir alles aber schlussendlich gut aufgefangen und hinbekommen haben. Die größte Herausforderung war jedoch, würde ich sagen, die Leihgabe von der Tate in London. Die Leihgabe war mit extrem vielen Voraussetzungen verbunden, wie zum Beispiel extrem ausführlichen Klimaprotokollen, die wir erstellen mussten und nun auch während der gesamten Ausstellungszeit führen müssen. Gleichzeitig gab es Sicherheitsprotokolle, die angefragt wurden. Einen Standard, den wir hier einfach nicht leisten können. Dann galt es eben, das alles abzuwiegeln und mit viel Charme neu zu verhandeln. Das hat viel Überzeugungsarbeit und Geduld gekostet. Allein um die Leihgaben überhaupt zu ermöglichen.

Seit Herbst letzten Jahres bist Du eine der beiden Direktorinnen im Schinkel Pavillon. Davor hast Du die Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler hier in Berlin geleitet. Was hat sich für Dich verändert und was macht den Kunstverein für Dich besonders reizvoll?

Verändert, ganz grundsätzlich als Rahmenbedingung, hat sich natürlich, dass wir eine nicht-kommerziell arbeitende Institution sind. Abgesehen davon, ist es für mich natürlich auch super spannend mit einem größeren Spektrum von Künstler*innen arbeiten zu können, was historische Positionen wie Louise Bourgeois beinhaltet Das ist eine komplett neue Erfahrung und ausstellungstechnisch ein komplett anderes Level ist. Allein das Ausstellungsbudget für die Ausstellung war so viel größer als jedes Budget, mit dem ich davor gearbeitet hatte. Das allein war eine spannende und neue Erfahrung. 

Ist die Arbeit im Kunstverein also freier und bietet mehr Möglichkeiten? Allein durch die Abkoppelung vom Kunstmarkt?

Ja, das auf jeden Fall. Man kann auch sehr stark auf das Werk eingehen, weil die Ausstellung nicht vom Kommerziellen her aufgebaut wird. Die Kunst steht im Vordergrund. Es geht eher darum, in sehr enger Zusammenarbeit und Absprache mit dem Künstler oder mit der Idee des Künstlers eine Ausstellung erstellen, ohne dabei an irgendwelche Einschränkungen denken zu müssen – abgesehen von finanziellen Einschränkungen, die es natürlich gibt.

Wird die jetzige Ausstellung Einfluss auf Eure zukünftigen Projekte nehmen? Mehr Richtung etablierte Positionen anstelle Experimentierfreudigkeit mit jungen Berliner Künstler*innen? Und siehst Du ein Risiko in dieser Entwicklung? 

Ich glaube nicht, dass wir jetzt nur noch Ausstellungen von diesem Format machen werden. Das weiß ich allein durch das Programm, das wir bereits für die kommenden ein bis zwei Jahre geplant haben. Dennoch denke ich, dass uns diese Ausstellung als Kunstverein auf ein anderes Level hebt. Es ist wirklich eine Museumsausstellung, die wir hier auf die Beine gestellt haben.

 

Louise Bourgeois, Couple, 2003, Interior element: fabric and marble, Vitrine: stainless steel, glass and wood, 6.4 x 45.1 x 33.3 cm, 132 x 76.2 x 63.5 cm. Collection The Easton Foundation © The Easton Foundation/VG-Bild-Kunst, photo: Andrea Rossetti

 

Was ist Deine Vision für den Schinkel Pavillon?

(lacht)

Meine Vision für den Schinkel ist ein Programm, also ein Ausstellungsprogramm zu machen, das sowohl zeitgenössische internationale, aber auch ortsgebundene Künstler zeigt. Weiterhin mit der Option sehr experimentelle Projekte zu realisieren und gleichzeitig auch Leuchtturmprojekte wie das jetzt zu machen. Und daneben auch ein interdisziplinäres Begleitprogramm zu etablieren, mit Konzerten, Lesungen etc. Diesen Aspekt möchte ich gerne mehr betonen. Auch Mode und Musik. Damit möchte ich unser Programm noch mehr für aktuelle Strömungen öffnen.

… das heißt der Spagat bleibt weiterhin?

… und wird immer größer!

 

WANN: Die Ausstellung „The Empty House“ von Louise Bourgeois läuft vom 21. April bis zum 29. Juli 2018 und ist jeweils von Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. 
WO: Schinkel Pavillon, Oberwallstr. 1, 10117 Berlin. 

 

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