Widerstandsloses Treiben
Hinter der Verführung liegt keine Utopie

1. November 2019 • Text von

Die Choreografin Doris Uhlich zeigt mit „Habitat / Halle E“ ihre bisher größte Performance: ein ambivalent berührendes Spektakel mit 120 Performer*innen, ohne Trennung von Bühne und Zuschauerraum, ohne Trennung von Sozialem und Ästhetischem.

„Habitat / Halle E“ © Eva Würdinger

„Everybody will be dancing and be doing it right. Everybody will be dancing and we’ll be feeling all right.“ Hoffnungsvolle Ankündigungen empfangen das in die Halle E hineinströmende Publikum. Raumfüllend singt ein nackter Tänzer a capella Daft Punk und andere Lieder, die viel versprechen: „Can’t hurt you now, because the night belongs to us.“ Und noch treffender: „Let the body do the talking.“ Eine engelhafte Verkündigung fast – herab vom hohen Balkon über dem herrschaftlich steinernen Torbogen, der den Horizont der Halle E markiert und aus dem nach und nach nackte Tänzer*innen kommen und sich unters Publikum mischen. Eine sakrale Stimmung erfüllt den Raum, mit initiiert von der Soundlandschaft – nun oben auf der leeren Publikumstribüne am DJ Pult Boris Kopeinig – , die uns einhüllt. „Habitat / Halle E“ ist Doris Uhlichs bisher zahlenmäßig größte Choreografie. 120 Tänzer*innen – alte und junge, ausgebildete und unausgebildete, mit und ohne körperliche Einschränkungen – treffen auf rund 500 bekleidete Zuschauer*innen in einer großen Halle, in der es keine Trennung mehr gibt zwischen Bühne und Publikum. Was passiert, wenn Nackte und Bekleidete so nah zusammen treffen? 

„Habitat / Halle E“ © Eva Würdinger

Ein erstes großes Bild formiert sich: wir blicken auf vier lebende Teppiche, gewoben aus aneinander geschmiegten Leibern, die sich langsam in Schwingung versetzen, bis eine organische Masse entsteht, eine verschlungene Artikulation von Fleisch. Die Bewegungsströme der Zuschauer*innen passen sich an, sie kreisen zunehmend synchron um die vier nackten Tableaux. Andere Bilder und Szenarien folgen, die uns, im Sinn eines rhythmischen Gleich-Schwingens, choreographieren, aber uns auch fundamental in Frage stellen. Als sich alle Performer*innen auf die Zuschauertribühne begeben und uns ausdruckslos von oben anstarren, sind wir nur noch voyeuristisches Gegenüber und nicht mehr partizipierender Teil des Spektakels. Dennoch scheint die Nacktheit, die wir hier beobachten und von der wir beobachtet werden, nichts mit Voyeurismus und noch weniger mit Erotik zu tun zu haben. Die nackten Körper mit all ihren Unebenheiten, Beulen, Wölbungen und wabbel-schwabbelndem Fett, denen wir zur Berührung nahe sind, bedeuten nur – referenzlos – sich selbst.  Es ist diese Abwesenheit von Bedeutung und Deutungszwang, die wir in diesem Moment als schön empfinden.

„Habitat / Halle E“ © Eva Würdinger

Irgendwann setzt der harte Techno Beat aus, der in der Zwischenzeit die Vibration der Körper in Gang gehalten hatte und wird ersetzt vom Klatschen des Fleisches auf den Boden. Manisch und zunehmend ekstatisch knallen die Körper auf den harten Fußboden, dann Stille. Die Performer*innen suchen sich eine Position im Raum und legen sich schlafen. Die Ruhe überträgt sich sofort auf das Publikum, die meisten setzen und oder legen sich hin. Nach rund fünfzehn Minuten werden wir zärtlich geweckt von einem akustischen (komponiert von Caterina Barbieri) und optischen (fantastisches Lichtdesign von Jan Wagner und Gerald Pappenberger) Zusammenspiel, das einen anrührenden Sonnenaufgang suggeriert. Eine Auferstehung, eine Erweckung – Läuterung? Die Reaktion der Zuschauer*innen jedenfalls scheint einmütig. Als nach der Performance die Choreografin Doris Uhlich am DJ-Pult 1990er Jahre Hits abspielt, grenzt die Zustimmung an Anbetung. Es ist allerdings auch möglich, den Abend als hedonistisches Spektakel, als eine immersive Verführung und sinnliche Überwältigung oder als pseudomythische Prozession abzutun. Denn die Körper-Bilder in diesem geschützten Theaterraum sind zu reflexionslos harmonisierend. Es fehlen Verweise auf die gesellschaftlichen Realität, die sie als utopische Gegenbilder subversiv unterwandern wollen. Auch ein bedeutungsgeschwängertes, aber auch nicht mehr ganz neues Bild der Umkehrung von Publikum und Performern hilft da wenig. Trotzdem erwische ich mich während des frenetischen Endapplauses den Tränen nahe berührt zu sein. Vielleicht geht es in dieser Performance (beabsichtigt oder unbeabsichtigt) genau darum: sich der Sehnsucht nach Unmittelbarkeit bewusst zu werden und zugleich zu wissen wie manipulierbar diese Sehnsucht ist.

Wo: Tanzquartier Wien, Halle E, Museumsplatz 1, 1070 Wien.

Wann: „Habitat / Halle E“ lief am 25., 26. und 27. Oktober 2019.

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