Wenn der Klimakiller zum Riesen wird
Die wundersame Welt des Jude Griebel

5. Oktober 2017 • Text von

Wer hat sich denn da versammelt? Sind das Kunstwerke oder muss man die einfangen? Jude Griebel, Künstler aus Übersee, besucht auf Einladung der Galerie Sturm unsere bald wieder leuchtende Hauptstadt der putzigen Rosinenmännchen und bringt ernsthafte Konkurrenz mit; ernsthaft auch, weil seine Figuren nicht nur zur Dekoration taugen.

Jude Griebel: Modern Grotesque 1 © the artist

Jude Griebel: Modern Grotesque 1 © the artist

Die Galerie Sturm, gelegen in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofes, ist einer der besonderen Perlen in der hiesigen Kunstlandschaft. Mit der Ausstellung des kanadischen, in New York lebenden Künstlers Jude Griebel stellt Galerist Johannes Sturm mal wieder sein feines Faible für ganz besondere künstlerische Positionen unter Beweis. Dabei ist die Zusammenarbeit von Griebel und Sturm kein ganz junges Gewächs, sondern geht quasi auf die Anfänge der Galerie zurück. So richtete der ambitionierte Sturm eine der ersten Ausstellungen seiner Galerie mit Jude Griebel aus. Betritt man die Räume der Galerie Sturm ist zunächst die ausgesprochene Zurückhaltung augenfällig. Fast könnte man von Leere sprechen, aber auf den zweiten Blick bemerkt man die kleinen Inseln mit Erzählungen, mit wesenhaften Skulpturen, die überall an den Wänden verteilt wurden. Auf kleinen weißen Brettern sitzen seltsame Erscheinungen, halb Landschaft, halb Figur, deren Materialität nicht minder rätselhaft bleibt. Handelt es sich um Assemblagen, wurden hier einfach Fundstücke und weggeworfene Dinge aufeinandergeschichtet?

Jude Griebel: Stretched thin © the artist

Jude Griebel: Stretched thin © the artist

Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man die feine Illusion, die Nachahmung von Dosen, Holz, Plastik oder Stein. Fragil ausbalanciert sind diese Objekte wie in tänzelnden Bewegungen erstarrt zu bizarren Mischwesen, die an Giacomettis ausgemergelte Figuren oder Picassos Objektfindungen erinnern. Eine Rauchsäule, normalerweise flüchtig und ungreifbar wird in „Stretched thin“ so zum verbindenden Skelett einer seltsamen Zusammenkunft dreier davonfliegender Düsenjets und eines Trucks am Boden, deren unschöne Gemeinsamkeit – das Abgas mit dem sie die Luft verunreinigen – sie in einer Schicksalsgemeinschaft vereint. So verwandelt sich das eigentlich unsichtbare Phänomen der Luftverschmutzung greifbar in ein erfahrbares, etwas absurdes Objekt.

Jude Griebel: Modern Grotesque 2 © the artist

Jude Griebel: Modern Grotesque 2 © the artist

Daneben entdeckt man altertümlich anmutende Steinfratzen, die in „Modern Grotesque 1-3“ mit Einwegbesteck als Extremitäten drohende Gebärden vollführen und deren Beine scheinbar aus Dosen- und Plastikflaschenbeinen geformt wurden. So stehen diese zwergenhaften Wüteriche vor einem als Allegorie auf den Müll der Wegwerfgesellschaft, Klabautermänner des modernen Konsums. Fast wünscht man sich, diese sonderbaren Gesellen würden 1000fach vergrößert bei den diversen Klima- und Umweltsündern an die Bürotüren klopfen, ähnlich dem bösen „Marshmallowman“ aus Ghostbusters; symbolische Riesen für die Geister, die wir riefen. Die Monster der schönen neuen Welt heißen Mr. „Starbucks“ oder „Mc Donalds“, global agierende Konzerne, die unser Bedürfnis nach allzeit verfügbarem Wohlbefinden stillen und uns eine globale, müllerzeugende Infrastruktur zur Verfügung stellen. So sind wir nicht nur Verbraucher, sondern auch Produzenten, allerdings nur Produzenten von Abfall.

Jude Giebel © the artist

Jude Giebel © the artist

Jude Griebel gibt sich aber nicht damit zufrieden diesen einzusammeln und daraus kleine Figürchen zu basteln. Er ahmt kleinteilig in einer anrührenden Mimikry das nach, was andere an jeder Bordsteinkante achtlos fallen lassen. So sind es nicht nur ökologische Fragen, sondern auch die Lust an der teils humorvollen, teils mysteriösen Erzählung, von deren Grundton diese kleinen Skulpturen durchdrungen sind. Die doppelte Fassade einer Scheune, modellhaft mit Liebe zum Detail nachgebildet, wird hoch oben an der Wand zum eigenständigen Bildobjekt und eigentlich wieder zum Zwillingswesen, das mit keckem, blondem Heu-Haarschopf den Besucher im Auge behält. Das größte und dominanteste Stück im Ausstellungsraum zeigt eine verwunschene Zusammenkunft am Meeresboden, die von stilisierten Wellen umspült auch ein kleines, noch gegen den Sturm kämpfendes Segelschiff belauert. Auch hier wurde alles akribisch nachgebildet: Verwitterten Korallen, ein im Meer versunkener Jagdbomber, ein Schiffswrack, das von der See zersetzte Holz, die Segel und Wasserpflanzen – alles ist Teil einer Inszenierung, die irgendwo zwischen „Fluch der Karibik“ und Skulptur ihren Weg in die Ausstellung fand.

Ausstellungsansicht "Arms, Eyes, Detritus", Galerie Sturm, 2017

Ausstellungsansicht „Arms, Eyes, Detritus“, Galerie Sturm, 2017

Am schönsten zeigt sich diese doppelte Präsenz von Griebels Objekten vielleicht bei „Melting Glacier“ einem vom Klimawandel gebeuteltem Gletscher der hier als leidende, hagere Figur voranschreitet. Sie veräußert sich als Wesen im Sinne eines Gegenübers, mit dem sich der Betrachter identifizieren kann, aber auch als Symbol für ein Symptom, einem sonst abstrakten, globalen Problem, an dem die Erde krankt. Wir können bei Jude Griebel eine Empathie aber auch eine Form von Humor über die Dinge mitgehen, die unerwartet ist, da sie zwei normalerweise weit entfernte Maßstäbe unserer Lebenswelt miteinander denkt: das Konkret-Materielle und das Abstrakt-Modellhafte; Kategorien, die wir normalerweise nur getrennt voneinander betrachten können oder wollen.

WANN: Jude Griebels „Arms, Eyes, Detritus“ ist noch bis zum 27. Oktober zu sehen.
WO: Die kleine Ausstellungshalle der Galerie Sturm liegt in der Galgenhofstraße 33, unweit des südlichen Bahnhofausgangs.

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