Zwischen Kontrolle und Erguss
Tala Madani in der Secession

13. Januar 2020 • Text von

Schlechte Mütter, Exkremente und Verwahrlosung auf Leinwand. Tala Madani’s aktuelle Ausstellung „Shit Moms“ in der Secession balanciert zwischen Triebhaftigkeit und Kontrolle – welche Grenzen werden hier überschritten?

Tala Madani: Shit Moms, Ausstellungsansicht Secession 2019, Foto: Peter Mochi.

Für die schambehafteten Akte des menschlichen Seins ziehen wir uns ins Private zurück, verschließen die Tür und setzen uns auf die Schüssel. Das Defäkieren ist im Westen aus dem öffentlichen Leben verschwunden. In ihrer neuen Werkgruppe bringt Tala Madani das Exkrement auf die Leinwand und in den Hauptraum der Secession. Ihre „Shit Moms“ sollen provozieren, adressieren sie doch die niedersten der körperlichen und sozialen Verhaltensweisen: das Scheißen und schlechte Mütter.

Der Hintergrund ist steril wie die Fliesen im Badezimmer. Vor mattem, flachem Grau spielen Kleinkinder mit ihrer Mutter. Die Toddler haben keine Haare, ihr Geschlecht ist zumeist unter Windeln versteckt. Die Mutter ist eine aus breiten Pinselstrichen, in brauner glänzender Farbe modellierte, menschenähnliche Masse, die auf allen Vieren kniet. Eine gleichzeitig animalische, kindliche und sexualisierte Haltung ist ihr zu eigen, während Gesicht, Kleidung oder Konturen abhanden sind. Die Kinder spielen mit dem mütterlichen Körper und dessen Exkrementen, wobei sich das eine vom anderen nur schwer unterscheiden lässt. Sie nehmen das Braun in den Mund, beschmieren sich selbst, gegenseitig und scheinbar auch die Leinwand damit. Die Szenerie zeugt von absolutem Kontrollverlust vor der Kulisse apokalyptischer Leere. Doch wer hat hier die Kontrolle verloren?

Tala Madani: Shit Mom (Disco Babies), 2019, Courtesy of the Artist und David Kordansky, Los Angeles, Foto: Foto: Lee Thompson.

Die Malereien von Madani bedienen sich gegenläufiger Haltungen: der mit Airbrush Techniken vollendete Hintergrund – wo farbige Raketenschweife wie Scheinwerfer die Situation erhellen; und der expressive Farbauftrag im Vordergrund – die Kinder geklonte, weiße Körper, die Mutter organische, braune Masse. Die Eigenrealität der Farbe steht jedoch nur in einem oberflächlichen Widerspruch zu der kontrollierten Fläche: Die Pinselstriche, aus denen sich der Mutterkörper zusammensetzt und punktuell mit den Kinderkörpern verbindet, sind ebenso planmäßig ausgeführt wie die Farbverläufe im Hintergrund. Die erkennbaren Handbewegungen der Künstlerin machen die Figuren zwar auratischer, aber nur vermeintlich intuitiver.

Wer wem das Leben gegeben oder genommen hat, bleibt in einigen Bildern unklar: Wie Parasiten verschmilzt da der Kinderkörper mit dem der Mutter, wie Aasfresser scharen sich die Kleinkinder um das brauen Fleisch. Dazwischen explizite ikonografische Referenzen beispielsweise auf die Darstellung der Madonna mit Christuskind oder Romulus und Remus, wie sie an den Zitzen der Wölfin nuckeln. So wie Geburt und Tod in direkter Relation zueinanderstehen, sind Gebären und Ausscheiden keine Gegensätze – das eine sauber, positiv und produktiv, das andere ein schmutziges Abfallprodukt. Doch zunehmend ist der gesellschaftliche Umgang mit dem menschlichen Körper – inklusive Schwangerschaft und Geburt – von Sterilität und Kontrolle geprägt. Deshalb werden die Integrität des Subjekts bedrohende körperliche Grenzerfahrungen mit Scham überzogen und vermieden. Stuhlgang bei der Geburt lässt sich hier als naheliegendes Beispiel anführen.

Tala Madani: Shit Moms, Ausstellungsansicht Secession 2019, Foto: Peter Mochi.

Um die moralischen und körperlichen Grenzziehungen zu verkomplizieren, setzt Madani die Mutterschaft jedoch nicht nur in Relation zu Ausscheidung, Verwahrlosung, Infektion und Tod, sondern auch zu Sexualität. Sind die ausgestellten Mutterkörper kaum menschlich, sind sie doch eindeutig weiblich markiert. Obwohl die Bilder Ekelgefühle auslösen, üben die glänzende Ölfarbe und die geschwungenen Pinselstriche einen nicht zu leugnenden Reiz aus. Man möchte mit der Hand über die unebene Bildoberfläche fahren und den Duktus befühlen. Der Gedanke weckt das Bedürfnis, umgehend die Hände zu waschen, denn diese Vorstellung wie das Bild scheinen dreckig. Das Begehren eines gebärenden Körpers, einerseits die Sexualität einer Schwangeren, andererseits das sexuelle Interesse an ihr, bleibt tabuisiert. Zuerst Reproduktion, danach Sexualität – die in den weiblichen Körper eingeschriebenen Rollenbilder beruhen auf biologischer Normierung, ebenso wie auf der christlichen Vorstellung einer jungfräulichen Mutter. Stellt eine Frau ihre eigenen Bedürfnisse und deren Befriedigungen über die des Kindes, ist sie nicht die unbefleckte Mutter Maria, sondern Eva, die sündigt und in den Apfel beist, oder eine Shit Mom.

Haben die Mütter die Kontrolle über ihren Körper verloren und das Bild besudelt? Die Kontrolle über die Kinder, die ihre Exkremente auf die Leinwand reiben? Oder die Kinder die Kontrolle über ihre Mütter, die ihre Sexualität – vielleicht sogar ihren Fetisch – frei ausleben? Vielleicht haben die Väter, vollkommen abwesend in einer Ausstellung, deren Titel „Scheiß Mütter“ ist, die Kontrolle über ihre Frauen verloren? Jedenfalls ist es nicht die Secession als Institution, die die Kontrolle verliert, sondern mit der Ausstellung in nüchterner Professionalität die Scheiße in ihrer Haupthalle präsentiert anstatt avantgardistische Akte der Provokation zu imitieren versucht. Es ist auch nicht die Künstlerin Tala Madani selbst, denn trotz Ekel und Reiz im Abjekten, halten ihre Werke die Balance zwischen formaler Präzision, Provokation und pointierter Gesellschaftskritik. So behalten außerhalb des Bildraums alle im Kontrollverlust die Kontrolle und keiner bekleckert sich. Anarchische Ergüsse beschränken sich auf die Leinwand, die Gefahr der Auflösung des Subjekts ist gebannt.

WANN: Die Ausstellung, ebenso wie die Shows von Ron Nagl und Lisa Holzer, laufen noch bis zum Sonntag, den 9. Februar, und sind immer von Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
WO: Secession, Friedrichstraße 12, 1010 Wien.

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