Still lovin’ Stillleben
"Stilles Leben" in der Affenfaust

11. März 2020 • Text von

Wie unbelebt muss ein Bild sein, damit wir es Stillleben nennen? Diese und andere Fragen stellt sich die Affenfaust Galerie. Die Gruppenausstellung “Stilles Leben” transportiert die Gattung schwungvoll in die Gegenwart.

Ausstellungsansicht "Stilles Leben", Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Ausstellungsansicht „Stilles Leben“, Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Für die stille Kontemplation des Memento-Mori-Gedankens findet man vermutlich geeignetere Momente als eine Samstagabend-Eröffnung in der Affenfaust. Dabei dreht sich die neue Gruppenshow in der Paul-Roosen-Straße um das Innehalten, das Stillstehen und Verweilen: eben jene Ruhemomente, die wir Digital-Drohnen des 21. Jahrhunderts nur noch viel zu selten erleben.

Die Kuratoren, Galerist Marcus Schild und Künstler Elmar Lause, haben sich eine neue Lesart der Gattung Stillleben auf die Fahnen geschrieben. Insgesamt 58 Arbeiten haben sie dafür in der Gruppenausstellung zusammengestellt – großteils stammen die Werke von altbekannte Namen aus dem Galerieprogramm.

Diego Palacios „Stilleben von immer ps“, 51,5 x 66 cm, Öl auf Leinwand, 2019

Diego Palacios „Stilleben von immer ps“, 51,5 x 66 cm, Öl auf Leinwand, 2019

Beim Gang durch die Ausstellung fällt auf: Der Begriff Stillleben wird ziemlich weit gefasst. Natürlich sind da Werke wie das Aufmacherbild von Diego Palacios mit seiner klassischen Interpretation der Gattung als opulent verbrämte Momentaufnahme aus dem Atelier des Künstlers inklusive Farbtuben und Club-Mate-Flasche. Aber dann hängt da eben auch der “Smoker” mit Cowboyhut von Justine Otto, eher ein Porträt als ein Stillleben. Oder die pseudo-naiven Hafenansichten von Jakobus Durstewitz. Auch die surrealen Landschaften mit tiefem Horizont von Wojtek Klimek sind in einer anderen Gattung zu Hause.

Was die Bilder gemein haben, ist die Stille. Menschenleer und schweigsam liegen auch die Neon-flirrenden Nachtszenen “Petrol Station” und “Pharmacy 2” von Igor Taritaš vor den Betrachter*innen. Landschaftsansichten und Stadtbilder rechnen die Kuratoren in ihrer Unbewegtheit dezidiert zum Stillleben dazu.

Ausstellungsansicht "Stilles Leben", Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Ausstellungsansicht „Stilles Leben“, Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Genau genommen heißt die Ausstellung ja auch nicht “Stillleben”, sondern “Stilles Leben”. Und so beinhaltet die Schau neben klassischen Vanitas-Motiven aus großteils unbelebten Gegenständen, wie sie Doppeldenk mit dem “Stillleben mit Schlange” oder Florian Eymann mit seinen barockisierten Vasen-Memento-Moris “040220” und “020220” (stilecht mit Totenschädel) liefern, eben auch eine ganze Reihe Arbeiten, die den Begriff sehr frei interpretieren.

Wo fängt eine Gattung eigentlich an und wo endet sie? Und ist es nach 370 Jahren (das Wort “stil leven” ist erstmals 1650 in den Niederlanden nachweisbar) nicht an der Zeit, sich von derartigen Zuordnungen zu verabschieden? Die Plastik “Antagonist” von Brigette Hoffman versucht, die Gattung Stillleben in Hybridform neu zu verhandeln. Sie könnte sich in ihrer dreidimensionalen Medialität aus Ton, Draht und Gewebe nicht stärker von holländischer Flachware unterscheiden, trägt aber auf dem Rücken ein klassisch arrangiertes Obsttablett mit Trauben, Orangen und Birnen. Die alten Meister aus Antwerpen hätten es nicht schöner zusammenstellen können.

Slinkachu: "Leisure Facilities for Youths", 2020, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Slinkachu: „Leisure Facilities for Youths“, 2020, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Ebenfalls im hybriden Zwischenfeld agiert die augenzwinkernde Assemblage von Slinkachu: Mandarinenschale in einer Plexiglasbox, auf der Miniaturfiguren agieren. Obstüberreste – noch so ein Vanitas-Klassiker – werden hier zur Halfpipe der Mini-Männchen.

Widmet man sich der Flachware, irritiert eine Arbeit wie “Puppe Liegend” von Corinna Holthusen. Was hat ein Manga-Roboter-Akt in der Ausstellung zu suchen? Gar nicht so wenig, schließlich handelt es sich bei Corinna Holthusens großformatiger Arbeit letztlich um das Bild einer unbelebten Puppe. Ähnlich wie Christian Voigts expressiver Medusenschild “Screaming Baby” porträtiert das nicht-lebendige Bildmedium einen nicht-lebendigen Gegenstand, der in sich aber wieder eine Illusion von Leben simuliert.

Corinna Holthusen: Puppe Liegend, 2020, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Corinna Holthusen: Puppe Liegend, 2020, Affenfaust Galerie, Foto: Martina John

Eine ähnliche Verschachtelung der Ebenen Stille und Bewegung findet sich auch in Rune Christensens “The Joy of Violence”. Auf den drei Bildern sind antike Vasen in Neon zu sehen. Die gemalte Vase ist ein immobiler Gegenstand, auf der sich aber wiederum eine dynamische Kampfszene abspielt.

Zu meta das alles? Johan Schäfers “Gästezahnbürste” bringt uns runter. In seinem Badezimmerstillleben hat er die Banalität des Alltäglichen mit glossy Oberfläche und meditativer Stille eingefangen. Sehr schön auch die Arbeit, die Tennisbälle statt Zitronen in einer Obstschale zeigt – hier trifft neonfarbene Artifizialität auf den schon von Van Gogh und Willem Claesz Heda bearbeiteten Motivklassiker.

Ausstellungsansicht "Stilles Leben", Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Ausstellungsansicht „Stilles Leben“, Affenfaust Galerie, Credit: Tomas Engel

Und dann ist da noch die Stille am Ende aller Dinge. In ihrem Ensemble aus kleinformatigen Acrylbildern zeigt Coco Bergholm eine Serie von Grabsteinen. Aber auch hier verschwimmen die Grenzen. Denn die Grabsteine werden durch ihre Inschriften zu sprechenden Individuen und brechen die Stille mit Statements wie “Ich war hier” oder “Dada ist everywhere”.

Ein Stillleben offenbart seine Bedeutungsschichten nicht auf den ersten Blick. Und auch in der Gruppenausstellung lohnt sich das genaue Hinschauen. Mag die Zusammenstellung der Arbeiten auf dem ersten Blick noch wenig kohärent wirken, ergibt sich bei genauerer Betrachtung ein nuancierter Bogen, der das Spektrum der unbelebten Bilder zusammenhält: Von der stillen Landschaft über das Puppen-Porträt, die Plastik mit Stillleben-Ikonografie bis zu Neuinterpretationen traditioneller Gattungsmotive.

WANN: “Stilles Leben” läuft noch bis zum 29. März. Besuchen könnt ihr die Ausstellung jeweils Samstag zwischen 14 und 18 Uhr. Um 15 Uhr führt Co-Kurator Elmar Lause jeweils durch die Ausstellung.
WO: Affenfaust Galerie, Paul-Roosen-Straße 43, 22767 Hamburg.

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