Fragile Spannung
Senga Nengudi im Lenbachhaus

16. September 2019 • Text von

Das turbulente „Various Others“-Eröffnungswochenende ist abgefeiert, doch ein richtiges Highlight steht noch bevor. Unter dem Titel „Topologien“ zeigt das Lenbachhaus eine beeindruckende Retrospektive der amerikanischen Künstlerin Senga Nengudi. Ihre poetisch-politischen Arbeiten unterlaufen die Grenzen von Bildhauerei, Performance und Body-Art.

Senga Nengudi: R.S.V.P. Reverie „D“, 2014, Nylongewebe, Sand und Kupfer, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Sammlung KiCo, Foto: Timo Ohler © Senga Nengudi 2019.

Gebunden, gedreht, gesteckt, gefüllt. In ihrer bildhauerischen Praxis ist Senga Nengudi vor allem für ein Material bekannt: Nylonstrumpfhosen, unterschiedlich gedehnt und zu skulpturalen Geflechten geformt, die fast anthropomorphe, abstrahierte Darstellungen von Körperlichkeit bilden. Runde Formen hängen, evozieren Assoziationen zu Brüsten oder Hoden. Gespannt und gleichzeitig höchst fragil. Für diese ikonischen Skulpturen, die sie seit 1976 ausstellt und kontinuierlich weiterentwickelt, nutzt die Künstlerin auch alltägliche Stoffe wie Sand, Gummi und Stein. So entstehen dynamische Objekte und geometrische Kompositionen, die sie selbst als „stationäre Performances“ bezeichnet. Dieser scheinbare Widerspruch einer fixierten Bewegung spiegelt Senga Nengudis Herangehensweise an ihre Arbeit treffend wider. Die Künstlerin entwickelt seit über vier Jahrzehnten einen dichten Werkkomplex, der sich an den Schnittstellen von Skulptur, Performance, Video und Tanz verorten lässt.

Senga Nengudi: Performance Piece, 1977, Foto-Triptychon (Detail), Performerin: Maren Hassinger, Originalfotografie: Harmon Outlaw
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Sammlung KiCo, © Senga Nengudi 2019.

Performance ist für Nengudi ebenso grundlegend wie ihre intime Beziehung zu den von ihr genutzten Materialien. Bevor die Künstlerin 1988 nach Colorado Springs zog, wo sie bis heute wohnt, lebte sie mit Unterbrechungen in Los Angeles. Die Stadt an der Westküste der USA war in den 1960er und 1970er Jahren die Wahlheimat der afroamerikanischen künstlerischen Avantgarde, die Nengudi entscheidend mitgeprägt hat. Ihren Mitstreitern waren insbesondere die Mitglieder des Studio Z, einem fließenden Kollektiv aus KünstlerInnen, MusikerInnen und FilmemacherInnen, zu dem David Hammons, Maren Hassinger, Ulysses Jenkins, Houston Conwill, Franklin Parker und RoHo gehörten. In verschiedenen Konfigurationen engagierten sich diese Akteure seit den 1970er Jahren regelmäßig in spontanen Aktionen. Diese Umgebung ermöglichte eine experimentelle Zusammenarbeit und neue Wege materieller und konzeptioneller Überlegungen.

Senga Nengudi: Rubber Maid, 2011, Nylongewebe, Gummi und Sand, Collection Amy Gold und Brett Gorvy, © Senga Nengudi 2019.

In Kunsträumen auch jenseits des klassischen Kontexts von Galerien und Institutionen begann Nengudi einen erweiterten Skulpturbegriff zu entwickeln, verhandelte die Flüchtigkeit von Performancekunst und hinterfragte die limitierte Rolle der Frau in der Gegenwartskultur. Die künstlerischen Einflüsse, auf die sie zurückgreift, sind dabei breit gefächert: religiöse Rituale, das japanische Gutai, afrikanische Zeremonien, improvisierter Jazz und Fluxus-Performances waren die kreativen Wegweiser bei ihrer Arbeit mit den Mitgliedern des Studio Z in den 1970er Jahren in Los Angeles. Schon in diesen frühen Arbeiten experimentiert sie mit kunstuntypischen Materialien und sucht nach Möglichkeiten, den statischen Objekten Bewegung einzuschreiben.

Senga Nengudi: Ceremony for Freeway Fets, 1978, 11 C-Prints (Detail), Originalfotografie: Roderick ‚Quaku‘ Young, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Sammlung KiCo © Senga Nengudi 2019.

Ihre Nylonskulpturen wurden bei Performances als Masken, Kopfschmuck und als Teile des Bühnenbilds genützt. Im Frühjahr 1978 fand mit Mitgliedern des Studio Z die Performance „Ceremony for Freeway Fets“ statt, in der Elemente des westafrikanischen Tanzes, japanischer Theatertraditionen und Free Jazz miteinander verwoben wurden. Die tänzerische Improvisation in post-apokalyptischer Atmosphäre war als Ritual der Versöhnung der Geschlechter konzipiert. Die dabei entstandenen Bilder gehen weit über eine bloße Dokumentation der Performance hinaus. Die inszenierten und komponierten Bilder geben den Blick der Künstlerin wieder, sie ergänzen und komplementieren das bildhauerische Werk.

Senga Nengudi: Inside/Outside, 1977, Nylongewebe, Gummi, Sand, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München Courtesy Thomas Erben Gallery, New York © Senga Nengudi 2019.

Senga Nengudis skulpturale Arbeiten verhandeln die grundlegenden Parameter der Bildhauerei. Sie nutzt die räumliche Ausdehnung, um Formen, Materialien und Proportionen zueinander in Beziehung zu setzten. Ihr Blick auf die, auch eigene, Körperlichkeit ist dabei ein durchaus feministischer. Gleichermaßen geometrisch wie organisch evozieren ihre Skulpturen Assoziationen zu Fetisch-Objekten, wirken anthropomorph und zeremoniell. Die Ausstellung im Lenbachhaus ermöglicht einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise dieser Künstlerin, deren Praxis durchaus eklektisch aber dennoch in sich stimmig ist. Miriam Cahn im Haus der Kunst, Maria Lassnig im Kunstbau und Senga Nengudi im Lenbachhaus – der Spätsommer in den Münchner Institutionen ist weiblich. Trotz Lüpertz.

WANN: Die Eröffnung ist am Montag, den 16. September ab 19 Uhr, zu sehen bis zum 19. Januar 2020.
WO: Lenbachhaus und Kunstbau, Luisenstraße 33, 80333 München.

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