Runter vom Sockel: Bismarck im Land der Ideen
Alex Wissel in der Galerie Conradi

16. Oktober 2020 • Text von

Die Galerie Conradi zeigt eine Ausstellung, die aktueller nicht sein könnte. Alex Wissel beschäftigt sich in „Land der Ideen“ mit Geschichtsschreibung und deutscher Identität, die teils wahrhaft zum Kotzen ist. (Text: Ronja Lotz)

Objekte von Alex Wissel in der Galerie Conradi. Auf einem Glastisch steht unter anderem eine Bismarck-Büste.
Alex Wissel: Bismarckfeier, 2020, Mixed Media. Conradi.

Die Einladungskarte zur Ausstellung macht es bereits klar: Hier wird nichts anderes verhandelt als die Inszenierung deutscher Geschichte. Die Karte ist eine Adaption der aktuellen Imagekampagne von Kärcher. Das Unternehmen reinigte als „Kultursponsoring“ zwei Monate kostenfrei den Sockel des weltweit größten Bismarck-Denkmals in Hamburg. Vor blauem Himmel und mit dramatischem Gegenlicht befreien Mitarbeiter den 34 Meter hoch aufragenden Bismarck von Graffitis und Moos.

Wer aus der Kärcher-Marketingabteilung hätte ahnen können, dass sich just zu jener Zeit, angefacht von antirassistischen und antikolonialistischen Demonstrationen, erneut eine Debatte um Denkmäler im öffentlichen Raum entspinnen sollte? Denn so umfassend die Bismarck-Ära mittlerweile wissenschaftlich aufgearbeitet und kontextualisiert ist, so einseitig dient die Figur deutscher Geschichtsverklärung durch Pupulist*innen. Der Düsseldorfer Künstler Alex Wissel zeigt auf, was dran ist, an dieser Bismarck-Heroisierung und vor allem, wo sie immer noch drin steckt.

„Keine andere Persönlichkeit, keinem Dichter oder Denker sind je mehr Denkmäler gewidmet worden,“ so der Künstler über die Figur Bismarcks in einem Interview mit der Zeitung „Der Freitag“. „Neben Schnäpsen, Bieren und Wasser. Tausende Straßen, Plätze, Bäume, Apotheken und Hotels. Stadtteile, Schiffe, Städte und sogar ganze Inselgruppen sind nach ihm benannt.“

Malerei und Objekte von Alex Wissel in der Galerie Conradi.
Alex Wissel: “Land der Ideen”, 2020, exhibition view, Conradi.

Alex Wissel holt Bismarck deshalb erstmal vom Sockel und präsentiert ihn in der Ausstellung als Pappmaché-Büste auf einer Plexiglasplatte. Aus der Büste ragen unten Wurzeln raus, die recht deutlich klar machen: Bismarck steckt immer noch überall drin. In den Würsten, im Bier, im Korn-Schnaps, im Eichenblatt – alles aus Plastikattrappen um ihn herum aufgereiht. Aber vor allem steckt er in den Köpfen vieler Deutschen – unter ihnen natürlich auch Reichsbürger*innen, AfD-Wähler*innen, Pegida- und Querfront-Anhänger*innen.

Die Zeit, in der Bismarck als Reichskanzler eisern regierte, gehöre zur kulturellen Blütezeit, zur idealisierten Zeit, nach der sich diese und weitere rechten Interessengruppen zurücksehnen. So vergibt die AfD heute unter anderem am Tag von Bismarcks Geburtstag Bismarckorden an besonders verdienstvolle Mitglieder. Mit Kaiserreichs- und Reichskriegsflaggen bestückt, versuchten Reichsbürger*innen zuletzt anlässlich der Anti-Corona-Demo den Reichstag zu stürmten – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Bei so viel vermeintlicher Deutschtümelei unterm schwarz-rot-goldenem Anglerhütchen kann einem nur schlecht werden. Ob Alex Wissel deshalb in die Ausstellung ein Kotzbecken, bekannt als „Papst“ und häufig in Burschenschaftshäusern verbaut, mit zwei Griffen links und rechts an die Wand installiert hat?

Malerei von Alex Wissel in der Galerie Conradi.
Alex Wissel: “Land der Ideen”, 2020, exhibition view, Conradi.

Könnte sein, denn „um das 21. Jahrhundert zu verstehen, muss man ins 19. Jahrhundert schauen, die Probleme liegen da immer noch unbearbeitet herum“, so Alex Wissel. Bis dahin also muss ganz schön viel verdaut werden. Doch von der deutschen Nationenbildung mit all den schweren Herrschaftserzählungen und dem großteils bürgerlichen Bismarck-Kult, schlägt Alex Wissel den Bogen fließend zur Jetztzeit.

Der 37-jährige Künstler konfrontiert die Besucher*innen mit Gegenständen, die allen seit 2006, seit der Fußball-WM in Deutschland mehr als bekannt sein dürften. So finden sich aktuelle Merchandising-Produkte in schwarz-rot-goldener Pracht als auch DIN-A4-Buntstiftzeichnungen mit Bismarck-Heringe, Bikini-, Zahnpasta- und Flutschfingermotive auf GEZ-Bescheiden.

National Branding lautet hier der marketinglastige Schlüsselbegriff, erinnert doch der Titel der Ausstellung „Land der Ideen“ bereits an die gleichnamige Standortkampagne, die vor der WM von der Bundesregierung und dem Bund der Deutschen Industrie ins Leben gerufen wurde.

Gemälde mit Warnwesten von Alex Wissel.
Alex Wissel: “Land der Ideen”, 2020, exhibition view, Conradi.

Dazu passen die beiden großformatigen auf Raufasertapete – ebenso während der Regierungszeit Bismarcks erfunden – gemalten Buntstiftzeichnungen namens „History Channel“ und „Bommelution/ das Wunder von Bern“. Ihr allgegenwärtiges Motiv: Bismarck natürlich. Ein doch recht offensichtlicher Hinweis, dass pathetisches National Branding auch mit öffentlichen Geldern im Unterhaltungsfernsehen der 1990ern betrieben wurde und unser Verständnis von Geschichte bis heute beeinflusst.

Alex Wissels Ausstellung fragt offensichtlich und ungeniert nach der neuen Lust an Identitätspolitik, die längst das rechte Spektrum verlassen hat und in bürgerlichen Kreisen angekommen ist. Oder wie ließe sich die Zuwendung deutschtümelnder Legenden erklären, die aus einer diffusen Angst vor einer ökonomischen und kulturellen Bedrohung zu entwachsen scheint?

Zwei überdimensionale Neon-Gemälde gleich neben der Tür erinnern an Warnwesten und verkünden dazu „Du bist Deutschland“, aber vor allem anderen „Bitte Abstand halten!“. Zu Corona-Zeiten macht das durchaus Sinn, das Bild eines weltoffenen und innovativen Deutschlands sieht allerdings anders aus.

WANN: Die Ausstellung “Land der Ideen” von Alex Wissel läuft bis zum 5. Dezember.
WO: Galerie Conradi, Admiralitätstraße 71, 20459 Hamburg.

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