Kuss oder Auster?
Robert Brambora über ambivalente Silhouetten

22. April 2020 • Text von

Wie Küssen nur anders – die Profilansichten des deutschen Künstlers Robert Brambora eröffnen eine Kuriosität an Gedankenwelten. Kämpfende Hunde, Austern, Intimitäten, gesellschaftliche Phänomene. Durch eine expressive Bildsprache lädt der Maler die Silhouetten mit völlig überraschendem Inhalt auf. Eigentlich wären seine Arbeiten gerade in der Pariser Galerie sanstitre2016 zu sehen. Mit gallerytalk.net sprach Brambora über Wollust, Intimität und Ambivalenz.

Robert Brambora, La ballade des Sardines – Die Liebe der Sardinen, Installationsansicht, sanstitre2016, © Copyright sanstitre 2016.

gallerytalk.net: Lockdown, Neu-Infektionen, Pandemie. Man liest und hört kaum mehr etwas anderes. Und jetzt steht uns wohl noch die größte wirtschaftliche Krise seit der Großen Depression bevor. Aktuell befinden wir uns in der sechsten Woche nach den einschneidenden Maßnahmen. Wie geht es dir damit?
Robert Brambora: Naja, so wie das eben klingt. Nicht besonders gut. Was man im Moment alles so an Leid und Tod sieht ist bedrückend. Ich versuche, viel über das Virus und die ganze wissenschaftliche Aufarbeitung zu lesen. Aber vieles bleibt ja auch für die Virologen unklar, weil die Daten anscheinend noch nicht oder zumindest nicht in entsprechender Menge zur Verfügung stehen. An die wirtschaftliche Krise nicht zu denken. Ich hoffe einfach, dass es nicht so schlimm kommt, wie es kommen könnte.

Du bist gerade mit deiner Show „La ballade des Sardines – Die Liebe der Sardinen“ bei sanstitre2016 in Paris vertreten, deren Öffnung ja leider auch dem Lockdown zum Opfer gefallen ist. „La ballade des Sardines“, was hat es damit auf sich?
Bei dem Titel ging es um spazierengehende Sardinen. Genauso um eine um eine fiktive Ballade, die sich mit ihrem Wohl und Wehen beschäftigt also dem der Sardinen. Ganz verallgemeinert ist es ja eine Ausstellung über eine Stadt, die auch Paris sein könnte.

Robert Brambora, Untitled (O 2), 2020, © Copyright sanstitre 2016.

In der Ausstellung zeigst du eine Serie bemalter, anonymer Profilansichten, in deren Köpfen die verschiedensten Sujets verbildlicht werden. Mir sind beim Durchklicken der Ausstellungsansichten sofort die sich berührenden Köpfe mit der fleischigen Auster aufgefallen. Neben der erotischen Anspielung gilt die Auster oder Muschel ja generell als Sinnbild der Luxuria, der Wollust. Ist der Mensch ein ständig Begehrender?
Derartige Assoziationen beziehungsweise Zuschreibungen hatte ich schon im Kopf. Auch so was wie Luxus, Dekadenz und klar auch Erotik. Mich interessierte dann aber mehr noch der ganz stoffliche oder materielle Effekt. Wenn man beim Betrachten dieses Glitschige, Glibberig-Schleimige des Austerninneren, das da hoffentlich malerisch vermittelt wird, nachempfindet und es mit dem Küssen der Silhouetten zusammenfühlt dann sind sich beide Sachen ja irgendwie nah. Gleichzeitig fühlt sich ein Kuss doch wohl anders an als das Innere einer Auster. So entsteht eine Ambivalenz, die ich interessant finde.

In einem Newsletter las ich kürzlich, dass es sich anfühlt, als lebe man gerade in einer der verlassenen Szenerien auf Edward Hoppers Gemälden. Fast voraussehend zeigst du in der Ausstellung auch eine Serie an Arbeiten, die sich mit Themen der Intimität, dem Leben in den eigenen vier Wänden, dem Blick nach draußen beschäftigen. Aktueller kann Kunst ja gerade kaum sein. Was bedeutet Intimität für dich?
Intimität aber auch das Private und Persönliche kommen in meinen Arbeiten immer wieder vor. Meistens als Gegenüberstellung zu gesellschaftlichen oder politischen Themen sowie soziologischen Phänomenen. In diesen Gegenüberstellungen erhält Intimität dann ihre spezifische Bedeutung. Abstrakt gesagt geht es oft um das verlorene oder verelendete, mal zerrissene oder verschlissene persönliche Interesse, das bestimmten gesellschaftlichen Prozessen gegenübersteht. Um Sehnsüchte vielleicht auch.

Robert Brambora, La ballade des Sardines – Die Liebe der Sardinen, Installationsansicht, sanstitre2016, © Copyright sanstitre 2016.

Es ist spannend, wie du diese Sehnsüchte oder Gedanken deiner „Protagonisten“ durch die Formen menschlicher Köpfe verstärkst. Die Reihe anonymer Profilansichten zieht sich durch dein Werk. Was hat dich dazu gebracht?
Mein Vater. Der hatte zumindest die Idee. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Serie von Textarbeiten gefertigt. Das waren Mooreiche-Platten in die ich Textcollagen graviert habe. Auf Dauer war das ziemlich trocken. Immer so dunkelbraune Platten an der Wand. Mein Vater meinte dann, dass ich doch aus den Platten auch Formen schneiden könnte, zum Beispiel eine Silhouette. So würde es narrativer werden. Das habe ich dann bei einer gemacht und diese Arbeit in der nächsten Ausstellung zwischen zwei der rechteckigen Platten gehängt. Das war der erste Kopf.

Welche Bedeutung misst du diesen Profilansichten in deinem Oeuvre zu?
Nach den ersten reinen Schriftcollagen habe ich damit begonnen auch Malerei stärker in die Silhouetten mit einzubinden. Das sollte vor allem das Problem lösen, dass ich eigentlich immer versuche, Malerei und Text in einen installativen Zusammenhang neben Keramiken und anderen Gegenständen zu bringen und so zu meiner Aussage gelange. Das konnte ich aber in den wenigsten Zusammenhängen, für die ich eingeladen wurde, umsetzen – was sicherlich auch an mir lag. Die Köpfe waren dann zu Beginn ein Weg, zumindest Texte und Malerei und eine gewisse objekthafte Materialität in einer einzelnen Arbeit zu verbinden.

Robert Brambora, Untitled (Fl 2), 2020, © Copyright sanstitre 2016.

Diese Serie zeigt neben dem Blick nach draußen auch farbenfrohe Blumenbouquets. Ich musste direkt an den „Sommer“ oder „Frühling“ von Giuseppe Arcimboldo denken. Besteht da eine Referenz oder gibt es generell einen kunsthistorischen Bezug in deinen Arbeiten?
Ich kenne die Arbeiten von Arcimboldo ein bisschen. Generell beziehe ich mich nicht direkt auf die Kunsthistorie. Ich habe mich eine Weile mit Alexander Deineka und dem sogenannten „sozialistischen Realismus“ beschäftigt und darüber auch 2016 eine Arbeit gemacht. Aber das ist eher die Ausnahme. Die Bezüge liegen eigentlich immer in gesellschaftlichen Themen oder Phänomenen. Cortisol und das ganze Thema Stress und Entspannung, da kommt dann meistens die Malerei ins Spiel. Der Immobilienmarkt und seine Auswüchse, z.B. der „Rat Tribe“, aber auch Protest oder Hikikomori (ein japanischer Begriff, der Rückzug bedeutet und der Menschen beschreibt, die sich für viele Monate oder Jahre in ihre Häuser zurückziehen und zu anderen Menschen den Kontakt meiden; Anm. d. Redaktion). Oder im Moment die Fotos der australischen Buschfeuer.

Robert Brambora, La ballade des Sardines – Die Liebe der Sardinen, Installationsansicht, sanstitre2016, © Copyright sanstitre 2016.

Generell beschäftigst du dich in deiner Kunst mit Themen wie die das Verhältnis des Menschen zum Kapitalismus oder die Beziehung des Individuums zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu seiner Tätigkeit. Was meinst du, wird sich ändern, wenn wieder eine Form von Normalität eingetreten ist?
Ich fürchte nichts. Mal abgesehen von noch mehr Druck, Armut und Hast. Ich schätze mal, es wird zu Verzicht und zum großen „Aufholen“ aufgerufen werden.

Und zu guter Letzt – was soll sich bitte nie ändern?
Die Malerei.

Die Ausstellung „La Ballade des Sardines – Die Liebe der Sardinen“ öffnete am 13. März in der Pariser Galerie sanstitre2016 und musste wegen des Lockdowns nach zwei Tagen geschlossen werden. Auf der Website von sanstitre2016 lässt sich die Ausstellung jedoch auch bequem von zu Hause ansehen.  

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