Raum, berührbar gemacht
Zeitgenössische Bildhauerei in Bamberg

6. Juli 2017 • Text von

Dem Kunstverein Bamberg gelingt eine sehenswerte Skulpturenausstellung in den Räumen der Villa Dessauer. Vertreten sind zeitgenössische Werke aus Nürnberg und der ganzen Welt.

Markus Karstieß – Dirty Corner, 2013 © the artist

Die Stadt Bamberg wird nicht automatisch mit zeitgenössischer Bildhauerei assoziiert; zu viel mittelalterliches Weltkulturerbe zieht für gewöhnlich vollständig die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Im Fall der vorliegenden Ausstellung lohnt sich aber besonders für die Nürnberger ein ausführlicher Blick in die kulturelle Gegenwart. Der Kunstverein Bamberg hat einige sehenswerte Bildhauer in der Villa Dessauer unter dem Titel „Implicit touch“ zusammengeführt und mit den teils großformatigen Werken unter anderem von Katinka Bock, Frauke Boggasch, Simone Forti, Aimée Parrott, Cecile Huber, Heinz Breloh, Horst Münch, Hans Josephson und Markus Karstieß eine großartige Ausstellung geschaffen.

Heinz Breloh – Harry und ich, Tonplastik © the artist

Was ist Raum? Diese kurze und einfache Frage provoziert wohl eine der umfangreichsten Antworten, die man in Bezug auf Kunst geben kann. Obwohl er normalerweise nicht selbst greifbar ist, wird er doch immer wieder gezeichnet, umbaut und aktiv verformt. Nicht wenige Künstler haben sich am Raum abgearbeitet, alle müssen ihn in ihren Werken berücksichtigen. In Bamberg hat Heinz Breloh Raum durch seine Handlungsabläufe plastisch nachgeformt: Seine Skulptur „Harry und ich“ ist nicht weniger als der sichtbar gemachte Negativraum, der von seiner zeitlich ausgedehnten Bewegung übrig geblieben ist, während der er sich mit allen Körperteilen an dem feuchten Ton gerieben und so alles Material, das ihm im Weg war, abgetragen hat. Faustgroße, handgeformte Tonbrocken markieren abstrakt die neuralgischen Punkte, an denen sein Körper sich befand. Die Tonform wird dadurch zu dem Relikt seiner Kunsthandlung, zu einem berührbaren und sichtbaren Umraum.

Blick in die Ausstellung: Heinz Breloh (hinten), Horst Münch (Bilder in der Mitte), Markus Karstieß (hängende Struktur im Vordergrund)

Die Objekte des in Köln lebenden Nürnberger Bildhauers Horst Münch sind dagegen nur auf den ersten Blick klassischer. Seine Büste „Irrtum“ ist zerklüftet und zeigt im Gesicht die Spuren einer menschlichen Hand, an der Brust ist die weiße Oberfläche geöffnet und man blickt in die metallenen Innereien des geschundenen Körpers. Die kräftigen Zeichnungen an der rechts anschließenden Wand lassen in den von surrealen Ängsten verfolgten Kopf des Künstlers blicken, der mit seiner gipsernen, beschädigten „Laborlandschaft“ auch kraftvolle Assoziationen an die Verbrechen des Holocausts wachruft. Seine überraschende Serie von Fotogrammen wird in der Ausstellung erstmals gezeigt.
In der Region Nürnberg sind die Arbeiten des Schweizer Bildhauers Hans Josephson ein rares Gut, dessen bis ins Detail präzisierten Reliefs ihre figurativen Bestandteile erst nach längerer Betrachtung freizugeben scheinen. Langsam schält der menschliche Blick die Erinnerungen an Körper und Kompositionen aus den nur scheinbar abstrakten, dreidimensionalen Strukturen, bis die Szenerien fast realistisch vor dem Betrachter ausgebreitet liegen, er wird zu einem integralen Bestandteil des Erkenntnisprozesses.         

Horst Münch – Laborlandschaft (li.), Irrtum (re.) © the artist

Abstrakter und auch unmittelbarer auf die direkte Sinneserfahrung ausgelegt sind dagegen die vielfältigen Tonarbeiten des Düsseldorfer Bildhauers Markus Karstieß, dessen Werk einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet: An vielen Stellen lässt sich der formende Handabdruck in den multiperspektivischen Objekten ablesen, sowohl in den hängenden wie in den liegenden linearen Raumstrukturen, als auch in der farblich und plastisch gestalteten Raumecke. Sein „Dirty Corner“ entwickelt dabei auch durch die herunterlaufenden Farbspritzer an den glasierten, verformten Tonwänden eine ganz eigene, nicht unbedingt wohlige Atmosphäre, die sich auf diverse Körpersinne stützt.      

Simone Forti – huddle, Performance © the artist

Mehrfach wird während des Ausstellungszeitraums durch Studenten der Universität Bamberg die Performance „huddle“ von Simone Forti gezeigt, eine immaterielle Leihgabe aus dem MoMA in New York. Es ist ein wilder Haufen von Menschen, übereinander springende und stürzende Körper, die sich gegenseitig umklammern und so eine kompakte, lebendige Plastik erschaffen. Die festen Aufführungstermine für die Performance sind am Ende des Textes zu finden.               
Was ist also Raum? Jeder der vertretenen Künstler gibt hier seine ganz persönliche Antwort. Er ist Atmosphäre, Relikt und Rahmen für ein Ritual. Er ist etwas Körperliches und etwas Flüchtiges. Er ist Farbe und Ton, Silber und Draht. Seine haptischen Qualitäten, seine Spürbarkeit und Sichtbarkeit lassen sich in der Ausstellung unmittelbar erleben und darin liegt auch ihre Stärke.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum Sonntag, den 16. Juli. Die Performance „huddle“ wird dort am Donnerstag, den 13. Juli, Samstag, den 15. Juli und Sonntag, den 16. Juli um 12 Uhr aufgeführt.
WO: In der Stadtgalerie Villa Dessauer, Hainstraße 4a, 96047 Bamberg.

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