Polarisieren durch Politik und Popkultur
Christian Weidner über das Potenzial der Malerei

27. Juni 2018 • Text von

Auf Umwegen zur bildenden Kunst gelangt, vereint der in Berlin lebende Künstler Christian Weidner die anscheinend gegensätzlichen Thematiken in seinen Bildern und schafft damit ein spannendes Oeuvre. Wir sprachen über seine Arbeit und die Qualität der Malerei.

Christian Weidner, A Rose in the Desert, 2015, Photo © Christian Weidner

Nach drei Jahren als Regieassistent an diversen deutschen Theatern, entschied sich Christian der darstellenden Kunst den Rücken zu kehren und sich der bildenden Kunst zu widmen. Zunächst an der Kunstuniversität Linz eingeschrieben, wechselte er in die Malereiklasse von Judith Eisler an die Universität für angewandte Kunst in Wien. Dort lernte er, was er in seiner Malerei heute vollendet: „Male das, was dich betrifft, womit du dich im Leben beschäftigst.“

gallerytalk.net: Welche Bedeutung hat Malerei für dich und wie kamst du dazu?
Christian Weidner: Als eher visuell veranlagter Mensch interessieren mich Bilder am meisten. Die Malerei schätze ich im Besonderen aufgrund ihrer physischen Präsenz und der Art und Weise, wie sich mit der Zeit verändert, wie man ein Gemälde betrachtet und begreift. Man kann stets etwas Neues für sich herausholen. Zur Malerei kam ich auf Umwegen. Ich war erst als Regieassistent beim Theater tätig. Dort habe ich gemerkt, dass mich die visuellen Arrangements mehr interessieren als die erzählerischen Aspekte. Anschließend habe ich mich für Malerei in Linz beworben und wurde angenommen, auch wenn ich nie wirklich „von Kindheit an“ gemalt oder gezeichnet hatte. Das war dann zu Beginn des Studiums zugleich meine Hauptmotivation: viel zu Malen − ich musste aufholen. Diese intensive Beschäftigung hat die Liebe zur Malerei gefördert, die bis heute anhält.

Du malst ausschließlich figurativ – ist das intuitiv oder gab es eine klare Entscheidung gegen die abstrakte Malerei?
Das war ein mehr oder minder schleichender Prozess hin zur Figuration. So wie viele Absolventen war ich recht eingenommen von kleinformatiger, abstrakter oder nicht-gegenständlicher Malerei. Das hat sich aber für mich auf die Dauer nicht eingelöst − auch weil überall dasselbe zu sehen war, jeder von jedem inhaltsleer kopiert hat und keine wirkliche Auseinandersetzung mit irgendetwas Relevantem stattfand.

Du hast unter anderem bei Judith Eisler und Astrid Klein studiert – wer hat dich besonders geprägt?
Judith hat mir eine wichtige Message mitgegeben: Male das, was dir wichtig ist, was dich betrifft, womit du dich im Leben beschäftigst. Um ein bekanntes Beispiel zu nennen: Für Andy Warhol hat Geld eine große Rolle gespielt, also hat er angefangen, Geldscheine zu malen. Ich lese aus reinem Interesse zwei Stunden täglich Nachrichten aus der Politik, insbesondere über Terrorismus. Da war dann die Motivation und die Thematik hat sich ganz automatisch als Teil meiner Arbeit integriert. Astrid war in der Hinsicht hilfreich, als dass sie mir geraten hat, mich nur auf Malerei zu konzentrieren.

Christian Weidner, Coping Strategy, Kunstverein TIergarten, 2017, Photo © Christian Weidner

Du beschäftigst dich mit kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten − der Irak, Al-Qaida und Guantanamo spielen in deinen Werken eine Rolle. Ist damit deine Kunst politisch?
Sie verortet sich zumindest näher an einer politischen Natur als viele andere Beispiele der zeitgenössischen Malerei. Phyllida Barlow meinte mal, „alles was Raum einnimmt ist politisch“. Meine Wahrnehmung ist, dass diese Themen – und die damit verknüpften Gebiete und Positionen – seit 9/11 nicht an Raum verlieren. Somit stimme ich inhaltlich deiner Frage zu. Ich möchte dennoch ausdrücklich erwähnen, dass es sich bei meinen Arbeiten um keinen politischen Aktivismus handelt und dass ich keine explizite Stellung einnehme − auch wenn ich privat eine bestimmte vertrete. Dafür ist die Welt zu komplex, um den Moralapostel zu spielen. Als das syrische Regime mutmaßlich Giftgas gegen Zivilisten eingesetzt hat, war der Aufschrei im Westen groß. Ganz vergessen wurde dabei natürlich, dass die USA in den Achtziger Jahren Saddam Hussein’s Giftgaseinsätze gegen den Iran gebilligt haben. Das ähnelt sehr dem Vorgehen, die sogenannten Rebellen in Syrien gegen Assad zu unterstützen. Manche dieser Gruppen sind gleichzeitig Al-Qaida-Ableger und nehmen die lokale Bevölkerung ihrerseits als Geiseln. Wir sind alle von Propaganda betroffen. Das erste Opfer im Krieg ist Wahrheit.

Siehst du es als notwendig an, dass Kunst politisch ist?
Nicht notwendigerweise. Wenn man sich allerdings die Geschichte der Kunst ansieht, blieben immer die Werke im gesellschaftlichen Kontext, die über eine politische Dimension verfügten, die eine Beschreibung ihrer Zeit waren und über den reinen Selbstzweck hinausgingen. Ein Künstler sollte ein politisches Individuum sein – bewusst oder unbewusst, das ist letztlich egal.

Christian Weidner, Discrepancy (presidentassad.net), 2017, Photo © Ute Klein

Seit einiger Zeit setzt du dich mit der Familie des syrischen Diktators Baschar al-Assad auseinander – im Besonderen mit seiner Ehefrau Asma al-Assad – sie taucht mehrmals in deinen Werken auf. Was interessiert dich so an ihr?
Im März 2011 wurde der Artikel „A Rose in the Desert“ in der US-amerikanischen Ausgabe der „Vogue“ sowohl gedruckt als auch online veröffentlicht. Darin wird die aktuelle Lage in Syrien  skizziert und welche Rolle die First Lady Asma al-Assad innehat. Der Artikel ist in einem zutiefst euphemistischen Ton geschrieben, sodass man tatsächlich die Ansicht erlangen könnte, dass Syrien das friedlichste und erfolgversprechendste Land der Welt wäre. Asma al-Assad wird zudem als Modeikone des mittleren Osten charakterisiert. Dass der Artikel bei weitem nicht den Tatsachen entspricht, ist leicht auszumachen und bestätigt sich durch das gleichzeitige Ausbrechen des Arabischen Frühlings und des darauffolgenden Bürgerkrieges. Als bekannt wurde, dass dieser Artikel durch das Assad-Regime in Auftrag gegeben und finanziert wurde, zog ihn die Zeitschrift zurück. Dieser ist seitdem nur noch auf zwei Internetseiten einsehbar: gawker.com und presidentassad.net. Dieser Beitrag ist ein Meisterwerk der Propaganda.

Worin liegt die Faszination an der syrischen Diktatorenfamilie, dem Irak, dem IS?
Die Situation ist so absurd als befänden wir uns in einem Thriller, nur dass leider kein Showdown in Sicht ist. Gerade der Nahe Osten ist ein gutes Lehrstück wie internationale Politik funktioniert. Mehr als zwanzig Parteien sind in diesem Krieg involviert und jede verfolgt andere Interessen. Im Zentrum stehen die Assads, die vor dem Arabischen Frühling ein Glamour-Paar waren, gemocht von vielen Staatenlenkern und mit guten Kontakten nach Hollywood. Ich habe mal gelesen, warum die beiden weltweit so hoch angesehen waren: „Er spricht Englisch und sie ist heiß.“

Christian Weidner, Nasty, 2017, Photo © Christian Weidner

Apropos Hollywood: Gleichzeitig spielen Thematiken der Popkultur in deinen Werken eine Rolle − in welcher Verbindung stehen diese zu den politischen Inhalten?
Die CIA hat in Guantanamo ein ganzes Set an Liedern verwendet, um die Gefangenen zu foltern. Zum Beispiel wurde Christina Aguilera’s Hit „Dirrty“ rund um die Uhr in voller Lautstärke gespielt. Die sexuell expliziten Texte zielten auf die religiösen Überzeugungen der Gefangenen. Das sind Details, die man für gewöhnlich nicht kennt. Daraus entwickelt sich meine Arbeit, die als Schnittpunkt zwischen Politik und Popkultur aufgezeichnet und haltbar gemacht wird. Aus meiner Sicht sind das die zwei großen Themengebiete, die meine Generation und unsere Zeit prägen. Die neoliberale Weltpolitik (oder der Terrorismus) und die damit verbundene Unsicherheit und Angst ist eine teilende Kraft, wohingegen ich die Popkultur als verbindendes Element verstehe, das Menschen von unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen kann. Wie leicht kann man sich über ein berühmtes Pop-Lied gemeinsam amüsieren, oder sich über eine Serie austauschen, die man mag! Das sind alles Anlässe, um sich miteinander zu unterhalten, sich zu freuen, und die Gemeinsamkeiten zu betonen, anstatt das Trennende zu suchen, was im Moment in der Politik passiert. So verstehe ich Popkultur als Teil der Lösung, die die politische Debatte nicht liefern kann. Darüber hinaus finden aktuell in der Popkultur ja auch gesellschaftlich relevante Entwicklungen statt – siehe #metoo, Feminismus und die Kampfansagen gegen Rassismus und andere Ungleichheiten. Des Weiteren kommt so meinen Arbeiten ein verführendes Element zu, eine lustvolle Neugierde für den Betrachter, sich mit den Themen zu beschäftigen. Vielleicht wäre es zu trocken, wenn das unterhaltende Element fehlen würde.

Installation, Medienkunst und Post-Internet-Art bestimmen aktuelle Ausstellungen und Biennalen. Ist die Leinwand und Malerei noch zeitgemäß genug, um gerade politische Inhalte zu vermitteln?
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, das wird keiner abschätzen können. Woran ich allerdings glaube – auch aus eigener Erfahrung – ist, dass sich Malerei nicht aufdrängt, sondern eher im Subtilen wirkt. Gerade weil man nicht gezwungen ist, sich ein Video in voller Länge ansehen zu müssen oder notwendigerweise zum Teil einer Installation werden muss, um das Werk zu begreifen. Ich finde das oft übergriffig, anstrengend und verliere schnell die Lust an der Erfahrung. Politik ist überdies immer mit Bildern verknüpft, und nachdem die Malerei mehr Qualitäten vereint als jedes andere Medium, wird sie nicht so schnell an Relevanz verlieren.

Christian Weidner, Language, 2017, Photo © Ute Klein

Christian Weidner (*1988) lebt und arbeitet in Berlin. Hier geht es zu seiner Website.

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