Oui = Non
Der Dadaismus wird 100 Jahre alt

12. März 2016 • Text von

Es wurde viel darüber geschrieben, denn Jahrestage geben der zeitgenössischen Kunst die Gelegenheit innezuhalten und sich zurück zu besinnen. 2016 wird der Dadaismus 100 Jahre alt. Aber es müssen keine verstaubten Leinwände restauriert oder schwere Bücher aufgeschlagen werden, um die Bedeutung der dadaistischen Avantgarde zu verstehen. Ihr Erbe ist präsenter denn je. Auf den Spuren der Revolution vom lautstarken Befreiungsschlag des Non-Sens im Züricher Exil bis zu den verschiedenen, internationalen Ausprägungen.

Selten lassen sich historische Umbrüche genau datieren. Wie der Ausbruch des 1. Weltkrieges, ist die Geburtsstunde des Dadaismus so ein Fall. Am 05. März 1916 um 18 Uhr wurde die künstlerische Moderne revolutioniert. Während in Europa der 1. Weltkrieg tobte, eröffnete in der Spiegelgasse 1 in Zürich das Cabaret Voltaire. Heute unvorstellbar, war die Schweiz damals ein Rückzugsort für Kriegsgegner und Kreative – behütet vor dem Schlachtfeld und befreit von Konventionen. Der Inhaber des Cabaret Voltaire, Hugo Ball, war ebenso wie seine Lebensgefährtin Emmy Hennings Schriftsteller und ehemaliger Dramaturg der Münchner Kammerspiele. Man stelle sich eine kleine Bar vor, mit abgenutzten Holzstühlen, tief hängendem Zigarettenrauch, dem Geruch von schalem Bier und einer winzigen Bühne, auf welcher getrommelt, Gedichte simultan aufgesagt und schließlich auch die Buchstaben der einzelnen Wörter durcheinandergebracht wurden. Zu Ball und Hennings gesellten sich der Medizinstudent Richard Huelsenbeck aus Berlin, der Rumäne Tristan Tzara und Hans Arp, sowie Sophie Tauber, Hans Heusser und Walter Serner. Nach jenem Befreiungsschlag zog das Cabaret Voltaire wie ein schwarzes Loch alles an, was genug von der Wirklichkeit hatte. Die Aktionen beschränkten sich nicht darauf die konventionellen Darstellungsformen von Musik und gesprochenem Wort aufzubrechen, sondern verschränkten diese in einer fugenlosen Gleichzeitigkeit mit skulpturalen Requisiten und provokanten Beschimpfungen des Publikums. Beim Lesen der Berichte über die Abende in der Spiegelgasse 1 erscheint das gesittete Beobachten von Performances in Galerien wie eine Persiflage jener Urform des Genres.

Raoul Hausmann: Der Kunstkritiker. 1919/20, Photomontage, 31,8 x 24,5 cm. © Deutsches Historisches Museum, Berlin.

Raoul Hausmann: Der Kunstkritiker. 1919/20, Photomontage, 31,8 x 24,5 cm. © Deutsches Historisches Museum, Berlin.

Es wäre kurzsichtig Dada als einen irrsinnigen Zufluchtsort vor der Realität des Krieges zu verstehen. Zwar ist dessen Gewalt für die Dadaisten der 1.Stunde nur eine Konsequenz des Nationalismus und des kulturellen Niederganges, welcher sie ins Exil getrieben hat; aber gleichzeitig ist die dadaistische Revolution durch den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft und deren Werte bedingt. Die KünstlerInnen, welche der Bewegung in Zürich bis April 1919 eine weltverändernde Gestalt gegeben haben, waren selbst im Exil marginalisiert. Ausländische, mittellose Nihilisten, die von der Polizei beobachtet wurden. So heißt es in der ersten Publikation: „Das kleine Heft soll die Aktivität und Interessen des Cabarets bezeichnen, dessen ganze Absicht darauf gerichtet ist, über den Krieg und die Vaterländer hinweg an die wenigen Unabhängigen zu erinnern, die andere Ideale leben.“ Das letzte Wort zählt: Ideale leben, nicht haben. Es gab unendliche Streitereien und Listen darüber, ob jemand Dadaist ist.

Die politische Situation in Europa und die gesellschaftliche Stellung der GründerInnen von Dada in Zürich ist essenziell für das Verständnis deren Aktionen. Die Aufhebung der Grenzen zwischen den einzelnen Kunstgattungen und die experimentelle, zuweil sinn- und bedeutungsentleerte Verwendung von Sprache, sind nicht ulkiger Klamauk, sondern Ausdruck der empfundenen Enttäuschung gegenüber dem bestehenden Werte- und Normensystem. Ausgehend von diesem Ressentiment werden Konventionen im Allgemeinen in Frage gestellt. Ist ein realistisches Bild überhaupt in der Lage die wahrgenommene Wirklichkeit abzubilden? Können Worte die empfundene Realität beschreiben? Der Dadaismus lehnte nicht nur das Establishment der damaligen Kunstszene ab, sondern auch dessen Axiom, dass verfestigte – erstarrte – Ausdrucksformen der Welt Sinn und Bedeutung geben können. Er setzte der schmerz- und gewaltvollen Realität den Non-Sens entgegen. Dada feiert die Bewegung, den Zufall und die Gleichzeitigkeit von sich widersprechenden oder zusammenhangslosen Aussagen. Und aus eben diesem Grund vermittelte diese Avantgarde das akkurateste Abbild der Welt, unserer Welt, die wir täglich mit logischen und kausalen Zusammenhängen zu erklären versuchen, wenn sie doch eigentlich unerklärlich sinn- und bedeutungslos ist. Für Dada ist das Paradoxon aus Ja und Nein die höchste Daseinsstufe.

Nach dem Ende des Krieges fand eine Globalisierung des Dadaismus statt – zu einer Zeit, in der dieser Begriff noch nicht einmal im Duden stand. Über Zeitungen und Manifeste hatten sich die Ideen bereits innerhalb der westlichen Kunsthauptstädte verbreitet, jetzt folgten deren Vertreter. In Berlin scharte Richard Huelsenbeck John Heartfield und Hannah Höch um sich. Der Berliner Dadaismus wurde politisch, forderte eine Radikalisierung und die Revolution. Höchs und Heartfields Collagen als eine neue Form des künstlerischen Ausdrucks ermöglichten gefundene Bilder und Texte aus Tageszeitungen neu zu arrangieren und dadurch das System mit seinem einen Vokabular zu kritisieren. Nachdem Kurt Schwitters der Beitritt zu der Berliner Dada-Bewegung verweigert wurde, zog dieser sich nach Hannover zurück und arbeitet dort an seinem Metz Bau. Die Bezeichnung ist dem Wort Commerzbank entnommen und stellt eine eigenwillige und utopische – fast einsame – Ausprägung des Dadaismus dar. Non-finito! Max Ernst hielt sich zunächst in Köln auf bevor er nach Paris reiste, um sich dem französischen Mouvement Dada anzuschließen, das auf die Ankunft des unentwegten Propagandisten des Züricher Dada, Tristan Tzara, wartete. Einmal angekommen kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen diesem und Andre Breton, aus denen der Surrealismus hervorging.

Collage (1919) von
Hannah Höch [1889 – 1978]
Bildmaß 114 x 90 cm
Inventar-Nr.: NG 57/61
Systematik:
Geschichte / Deutschland / 20. Jh. / Weimarer Republik / Kulturleben / Kunst und Literatur

Und das ist das Stichwort um über New York zu sprechen. Über Marcel Duchamp und Man Ray. Duchamp ist nicht gleich Dada, und doch muss der Namen des Heiligen Grals der Kunstgeschichte fallen. Als dieser 1913 in der Geschichte schreibenden Armory Show seinen „Akt eine Treppe hinabsteigend“ präsentierte, wurde der Grundstein für den Abstrakten Expressionismus gelegt. Um die Raffinesse von „Fountain“, 1917, zu beschreiben reichen die Worte dieses Artikels nicht aus. Zufall, Bewegung und Bejahung der realen Welt sind auch hier die entscheidenden Schlagworte. Wer sich einen Eindruck über die Bedeutung von dem Duchamp’schen Readymade und objet trouvé machen will, kann eine empirische Fallstudie dazu aufstellen, wie oft sein Name in Begleittexten zu zeitgenössischen Kunstausstellungen fällt. Man Ray hingegen realisierte die Collage in drei Dimensionen, seine mitunter surrealistischen Objekte bringen selbst den hartgesottenen Kunstliebhaber zum Lachen. Sein Werk war zudem Grundlage für die Vermittlung des Dadaismus an die nachfolgende Generation amerikanischer KünstlerInnen, und ganz nebenbei katapulierte Man Ray die Fotografie in neue Bahnen.

Einer von ihnen, der Minimalist Dan Flavin, schrieb in der Kunstzeitschrift Artforum im Dezember 1965: „Laut zu fragen, ob es Kunst überhaupt gibt, ist, nachdem es Duchamp einmal getan hat, zu einer intellektuellen Pose geworden. Es schmückt das Ego und bringt den Kollegen nicht viel ein.“ Nieder mit den Postkarten, auf denen geschrieben steht „Ist das Kunst oder kann das weg?“, nieder mit dem Establishment. Vor hundert Jahren wurde im Cabaret Voltaire darauf angestoßen, dass Kunst sinnlos und lustig seinen darf. Liebe Kunstwelt, vergesst diese Lektion nicht, nehmt euch nicht ernster als ihr seid und schreckt nicht davor zurück Fehler zu machen.
Lieber laut und provokant als leise und etabliert.

Hier eine kleine Auswahl von Ausstellungen, welche die Erinnerung stützen und nach 100 Jahren immer noch neue Wege aufzeigen können:

Dadaglobe reconstructed.
WO: Kunsthaus Zürich, ab Juni im Museum of Modern Art, New York.
WANN: 05. Februar bis 01. Mai 2016, alle Details hier.

Dada Universal.
WO: Landesmuseum, Zürich.
WANN: 25. Februar bis 05. April 2016, Infos hier.

Dada Afrika.
WO: Museum Rietberg, Zürich, ab August in der Berlinischen Galerie, Berlin.
WANN: 18. März bis 17. Juli 2016, in Berlin vom 04. August bis 07. November 2016. Alles Wissenswerte hier.

Jean Tinguely
WO: Museum am Kunstpalast, Düsseldorf, ab Oktober im Stedelijk Museum, Amsterdam.
WANN: 23. April bis 14. August 2016, in Amsterdam vom 1. Oktober bis 05. März 2016. Bei Interesse bitte hier klicken.

Francis Picabia. Eine Retrospektive.
WO: Kunsthaus Zürich.
WANN: 03. Juni bis 25. September 2016, alles Weitere online.

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