Natürlicher Charme - ganz ohne Silikon
Virginia de Medeiros zeigt Alternativen zu neoliberalen Körperzuordnungen

17. Januar 2020 • Text von

Virginia de Medeiros und die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (Inga Zimprich/Julia Bonn) eröffnen den zweiten Teil des Vorprogramms der 11. Berlin Biennale. Sie widmen sich militant dem neoliberalen Verständnis von Körpern.

Virginia de Medeiros, Trem em Transe, 2019, Video still HD video 16 9 color sound, 20´23”, Courtesy Virginia de Medeiros

My body is my castle. Jede ordentliche Burg hat eine Mauer. Jede Mauer kann gestürzt werden. Der Körper ist angreifbar. Mein, dein, unser Körper ist verletzlich und im Gegensatz zur Burg ist die Verletzlichkeit des Körpers positiv. Ein Widerspruch zu kapitalistischen Anforderungen: Sei stark, sei leistungsfähig, lass dich nie unterkriegen. Ich bin eine weiße Frau, aufgewachsen in der westlichen Welt und mittelständischen Verhältnissen. Ich hatte die Idee, mit meinem Körper in unserer Gesellschaft, abgesehen von Hürden durch mein Geschlecht, recht frei zu leben. Ein Irrtum, offenbart mir die brasilianische Künstlerin Virginia de Medeiros.

Virginia de Medeiros, Trem em Transe, 2019, Video still HD video, 16, 9, color sound, 20´23”, Courtesy Virginia de Medeiros

„There is no non-violent way to look at somebody“ betitelte die Künstlerin Wu Tsang ihre bis Januar 2020 andauernde Ausstellung im Gropius Bau. Die Zuordnung des Körpers zu einem Geschlecht, zu einem Kontinent, sozialer Schicht, macht ihn verletzlich – oder zum Verletzenden. Sicher bin ich nach globalen Wohlstandsmaßstäben privilegiert aber ist mein Körper frei? Was bedeutet es heutzutage einen Körper zu besitzen?

Zum Spaß gab ich „Körper“ bei Google ein und wurde direkt mit höchstklassigen Ergebnissen beschenkt. Da gab es Tipps für pubertierende Jugendliche: „Du bist kein Werwolf! Du bist nur in der Pubertät.“, kluge Ratgeber „Wir schlafen zu wenig, essen zu viel und bewegen uns kaum – Warum wir wieder lernen müssen, auf unseren Körper zu hören“, motivierende Fitness-Blogs „Wer hat denn bloß gesagt, dass Abnehmen langweilig ist und das Essen nicht schmeckt!?“ und Beiträge zu Frauen mit perfekten Körpern „Sie hat viel natürlichen Charme und das sogar ganz ohne Silikon!“. Hier zeigt sich die Bedeutung des Körpers in der so genannten hoch entwickelten Gesellschaft. Gemeinsam haben alle Beiträge die Entfremdung, den Mangel an Bewusstsein und Intuition für sich selbst, die Angleichung an Formate, um den Körper wieder ordentlich in Gang zu bringen, angepasst an das System, um gut zu funktionieren.

Installation view, exp. 2, Virginia de Medeiros, Feminist Health Care Research Group, 30.11.2019–8.2.2020, 11th Berlin Biennale co-ExRotaprint, Photo Mathias Völzke

„Ich interessiere mich sehr für die Bevölkerung der Ureinwohner, der indigenen Gemeinden, der Quilombolas, weil sie Natur und Kultur nicht trennen und die Wurzel aus der Moderne noch immer haben. Sie widersetzen sich der Assimilierung an das neue System.“ In der „exp. 2“ der 11. Berlin Biennale belebt Virginia de Medeiros gemeinsam mit der Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe (Inga Zimprich/Julia Bonn) die Räume bei ExRotaprint, wo sie Arbeiten zeigen, denen radikale Überlegungen zur Sexualpolitik und Sorgearbeit des kollektiven und isolierten Körpers zugrunde liegen. Quilombola ist die Bezeichnung für Niederlassungen geflohener schwarzer Sklaven*innen in Brasilien zur Zeit der portugiesischen Herrschaft. Virginia de Medeiros vertritt eine radikale queere Subjektivität und sehnt sich nach einer kollektiven Revolution im gesellschaftlichen, politischen und sexuellen Bereich. In ihrem Film „Trem em Transe“, also Zug in Trance, ist die Protagonistin Simone, eine selbst ernannte Transvestitin, zu sehen. Der Film zeigt sie in der Transformation zum christlichen Pastor Sergio Santos. Ein Schritt, durch ein Überdosis erzeugt, der sie zum biologischen Geschlecht zurückkehren lässt. Während ihrer Zeit als Simone erlebte sie ein unerträgliches Ausmaß an sozialer Einsamkeit. In Brasilien liegt die Lebenserwartung von Transgender-Personen bei etwa 35 Jahren.

Installation view, exp. 2, Virginia de Medeiros, Feminist Health Care Research Group 30.11.2019–8.2.2020, 11th Berlin Biennale co-ExRotaprint, Photo Mathias Völzke

Der Transformation zum männlichen Pastor lag die ultimative Anpassung an das neoliberalistische System zugrunde und bot so die Aussicht auf soziale Gemeinschaft. In der Heimatgemeinde von Simone gibt es viele Anhänger*innen der afrobrasilianischen Religion Candomblé. Virginia de Medeiros erzählt mir, dass in dieser Religion Geschlechter weichere Übergänge zueinander haben als in der westlich-geprägten Gesellschaft. Die geschlechtliche Festlegung auf Mann oder Frau ist nicht so starr. Simone ist nach ihrer Verwandlung zum Pastor in ihre Heimatgemeinde zurückgekehrt und lebt nun wieder als Frau. Sie ist glücklich, happy end. Klingt schon fast zu simpel. Aber vielleicht können ja alle Kulturen, industrielle und indigene, hegemoniale und antihegemoniale, voneinander lernen und am Ende eine neue Betrachtung von Körpern erschaffen. Und so gemeinsam „happily ever after“ sein.

WANN: Die Ausstellung kann noch bis zum 8. Februar besucht werden.
WO: ExRotaprint, Gottschedstraße 4, 13357 Berlin.

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