Die Erweiterung der Sprache
MJ Harper über die Synthese von Wort und Bewegung

29. Juni 2020 • Text von

MJ Harper kann als multimedialer Performance-Künstler beschrieben werden. In seinen Arbeiten verschmelzen Wort und Bewegung, visuelle und inhaltliche Ästhetik. Mit gallerytalk.net sprach er über Instagram, die kosmische Logik und die Bedeutung von Sprache in seiner Kunst.

Das Bild zeigt den Künstler MJ Harper während einer Performance. Der Ausschnitt zeigt lediglich den Kopf und die Schultern des Künstlers, beide sind mit violetter Farbe beschienen, zudem trägt der Künstler eine Langhaarperücke. Das Bild gibt keine spezifische Auskunft über die Performance.

MJ Harper, „Creature“, 2020. Courtesy of Christopher Aoun and the artist.

gallerytalk.net: Beginnen wir am Anfang, kannst Du ein paar Dinge zu Deiner Ausbildung und beruflichen Laufbahn erzählen?
MJ Harper: Nach der High School absolvierte ich eine vierjährige Ausbildung zum klassischen Tänzer – Ballett, Modern Dance, Improvisation, Tanz- und Musiktheorie. Danach arbeitete ich zunächst in New York bei der Alvin Ailey Company II. Während einer unserer Tourneen lernte ich Wayne McGregor (Anm. der Redaktion, ein britischer Choreograf) und seine Company „Random Dance“ kennen. Ich ging zu einem Vortanzen, es funktionierte, und so zog ich von New York nach London.

Sowohl die Alvin Ailey Company als auch Random Dance sind für ihre Progressivität und Innovation in Bezug auf den Tanz bekannt. Auch Deine Arbeiten sind nicht in einem strengen Sinne „klassisch“. Neben Alvin Ailey und Wayne McGregor, gibt es weitere Bezugsgrößen, die Deine Arbeit prägen und geprägt haben?
Während der Ausbildung in Miami entwickelte ich eine wahre Leidenschaft für das Tanztheater Pina Bauschs. Ihre Auffassung von Tanz besitzt bis heute eine Reinheit für mich, die absolut magisch ist. Ihr Verdienst an die Tanzwelt besteht meiner Meinung nach darin, die Schönheit des Alterns der Tänzer sichtbar zu machen und zu ehren. Darin liegt ein großer Gegensatz zu der Art und Weise, wie alternder Tänzer normalerweise von der Industrie behandelt werden.

Das Bild ist ein Filmstill aus Leila Hekmats Video "Crocopazzo". Es zeigt den Performancekünstler MJ Harper in seinem Kostüm. Der Künstler trägt eine blaue Perücke und ein weißes Oberteil, der Bildausschnitt zeigt den Oberkörper inklusive Kopf. MJ Harper blickt nach unten auf seine Hände und scheint in Gedanken.

Leila Hekmat, „Crocopazzo“, film still mit MJ Harper, 2020. Courtesy of the artist and Galerie Isabella Bortolozzi.

Nach den Stationen in New York und London wohnst und arbeitest Du seit einigen Jahren in Berlin. Deine erste Solo-Performance im Souvenir By hieß „#daddy“, sowohl der Titel als auch die Performance selbst sind ziemlich kryptisch. Kannst Du uns etwas zu den Motiven hinter dem Stück erzählen?
In der Arbeit geht es darum, wie ich meinen Vater zum ersten Mal auf Youtube entdeckt habe. Ich wuchs mit meiner Mutter auf und hatte nur wenige Informationen über ihn. Nach einiger Recherche fand ich auf Youtube ein fünf-minütiges Video über seine Firma. Von da an entwickelte sich das Stück sehr intuitiv.

In der Performance und Deiner Arbeit insgesamt spielen Text und Sprache eine große Rolle. Was sind die Hintergründe hierbei?
Der Text ist eine Möglichkeit, mich abzulenken, sowohl physisch als auch psychisch. Ich gelange oft in eine Art Trance, einen Punkt, an dem ich Dinge sage, die ich so noch nie gesagt, bewege mich auf eine Weise, wie ich es noch nie getan habe. Die Sprache ist wie ein Sountrack zu meiner Bewegung. Es gibt Text und es gibt Bewegung; und es gibt Text und Bewegung. Letzteres ist, was ich mit meiner Arbeit erforschen und etablieren möchte.

Wort und Sprache Deiner Arbeiten wirken oft wie Poesie oder Wort-Kunst. Gibt es bestimmte Dichter, Schriftsteller, Autoren, die Dich besonders beeinflusst haben?
Virginia Woolf hatte einen massiven Einfluss auf mich! Während meiner Zeit in London performte das Royal Ballet die sogenannten „Woolf works“, ein Stück, das auf der Erzählstrategie und dem synästhetischen Ansatz von Virginia Woolf aufbaut. Die Art und Weise wie sie – und damit Du als Leser – in das Denken der Figur eintaucht während sie gleichzeitig ein Gespräch beschreibt, ist absolut faszinierend. Die Welt entfaltet sich in ihren Arbeiten wie ein Fluss aus unzähligen Bändern oder Strömungen. Ich begann mich zu fragen, wie meine Arbeit aussehen würde, wenn Virginia Woolf sie beschriebe.

Das Bild zeigt den Performancekünstler MJ Harper bei seiner Performance "An exercise in balance" im Februar 2019. Der Künstler sitzt hinter einer Liege mit einem Bezug aus Zebrefell, hinter ihm ist eine Ziegelsteinwand. Seine Augen sind geschlossen, er trägt ein hellblaues Hemd und seine Hände berühren die Oberfläche der Liege.

MJ Harper, „An Exercise in Balance“, Februar 2019. Courtesy of the artist and Serpentine Galleries.

Eine weitere Performance von Dir, in welcher Sprache eine wesentliche Rolle spielt, war „An exercise in balance“, welche im Februar 2019 in der Serpentine Gallery aufgeführt wurde. Die Performance war Teil der Ausstellung  „A Time for New Dreams“ von Grace Wales Bonners. Auch hier ist die Handlung eher kryptisch. Was war Dein Ausgangspunkt für diese Arbeit?
Es war ein seltsames Timing, kurz vor der Aufführung reiste ich nach China, wo ich eine Akupunkturbehandlung bekam. Die Sitzung in ihrer Kombination aus extremem Schmerz und einer fast transzendentalen Erfahrung bildete einen Ausgangspunkt, dazu drei Sprachaufnahmen meines besten Freundes, meiner Mutter und meines Partners Barclay. Die Arbeit ist nicht genau bestimmbar, sie trägt Referenzen zur griechischen Mythologie, zu spirituellen Erfahrungen und dem Körper in Transit. Sie entwickelte sich vollkommen natürlich und ist sehr intim. Auf eine bestimmte Art und Weise ist sie auch ein persönlicher Weg der Heilung.

Das Thema der Ausstellung von Grace war der „Schrein“ als rituelles Objekt und Portal zu anderen Welten und Erfahrungen. Auf welche Weise war Deine Performance mit den, Dich umgebenden, Objekten verbunden?
Ich wählte mehrere Arbeiten innerhalb der Ausstellung aus, wie z.B. ein Gedicht von Ben Okri, aus welchen ich Inspiration für meine Sprache und Bewegung schöpfte. Unabhängig davon suchte ich jedoch nach einer eigenen Version der Mystik. Das Stück ist sehr dynamisch, einerseits ist es zutiefst mit dem „Jetzt“ verbunden, wenn ich z.B. mein Telefon für verschiedene Aktionen verwende. Andererseits erhält die Performance durch das Zusammenspiel von Sprache und Bewegung eine mystische Aufladung und wird zu einer metaphysischen Erfahrung, ohne jedoch direkt in der Mystik begründet zu sein. Die ganze Ausstellung war mit einer unglaublichen spirituellen Energie geladen. Ich glaube, es gibt diese Orte, wie Musicals, Klubs, oder Ausstellungen, die sich ohne direkte spirituelle Verbindung in Tempel verwandeln können, und somit gewissermaßen als Portale funktionieren. Wenn Du Dir erlaubst, offen zu sein und in Situationen mit Menschen zu treten, können beide Seiten sich öffnen – unlock.

Das Foto zeigt den Performancekünstler MJ Harper bei seiner Performance "Intimate Evening". Der Künstler ist aus der Rückansicht zu sehen und liegt auf dem Boden. Er trägt eine schwarzes Trikot und eine dunkelrote Kopfbinde.

MJ Harper, „Intimate Evening“, Blain|Southern, 2018. Courtesy of Matt Lambert and the artist.

Abgesehen von – oder: als Teil von – Deinen Performances scheint Dein Instagram-Account eine wachsende Bedeutung zu erlangen. Was ist Deine Herangehensweise hier beziehungsweise Deine Haltung gegenüber der Plattform?
Instagram erscheint mir als eine Art Pre-Workshop-Version der Zukunft, eine Science-Fiction-/ Star Trek-Übung im Zeitreisen: Du kannst Dir mir Instagram die Zukunft ausdenken und gleichzeitig in der Zeit zurückgehen. Damit ist es fast Gott-ähnlich, und meiner Meinung nach fähig, die Welt innerhalb von fünf Minuten zu verändern. Als solche benutze ich die Platform als Werkzeug, um mein Vokabular, meine Ästhetik und Sprache zu formen: den Jetzt-Stand zeigen und darüber reflektieren und entwickeln.

Sehr auffällig in letzter Zeit sind die meist kurzen Videos, welche ein Voice-Over mit digital erstellten Bildern verbinden. Auf mich wirken die Videos beinahe wie kurze Essays zu einem übergreifenden Thema, eine Verschmelzung von Musik, Wort und Bild. Worin besteht hier der Zusammenhang und gibt es ein Motiv hinter den Arbeiten?
Die Videos sind Teil eines Projektes, an dem ich arbeite. Sie sind tatsächlich wie eine Sammlung von Essays, welche allesamt auf Gefühlen basieren, jedoch in sehr vielschichtiger Weise. Sie sind eine Art Science-Fiction Geschichte, beruhend auf persönlichen Erfahrungen, die zu einem Gefäß für allgemeine Erfahrungen wird. Der Erzählstrang entwickelt sich nach und nach, mündet jedoch in einem allgemeinen Rahmen.

Der Hintergrund aller Videos ist eine Art Sternenhimmel oder Universum. Was ist hier der Bezug?
Ein Thema der Videos das Zeitreisen. Manchmal wenn ich eine Person sehe, habe ich das Gefühl, in der Zeit vor- oder zurückzugehen. Eine Art kosmische Logik scheint sich zu entfalten. Wir Menschen schweben in unserer Zeit irgendwo zwischen Erde und Himmel. Das Telefon, obgleich ein faszinierendes Werkzeug, steht zwischen diesen beiden und zerstört ihre Harmonie. Das mag nun pathetisch klingen, aber ich hoffe wirklich, dass wir als Menschheit zusammenkommen, um uns an die Sterne zu erinnern. Wir haben heute verlernt, die Sterne anzuschauen und ihre Kraft des Einsseins und der Zugehörigkeit zum großen Kosmos zu spüren.

Das Bild zeigt den Performancekünstler MJ Harper bei einer Performance. Es ist eine dreifach-Ansicht mit Spiegel, der Künstler ist in zwei Seiten- und einer Frontalansicht zu sehen. Er trägt ein weißes Hemd und eine Langhaarperücke, durch eine starke Kopfbewegung befindet sich das Haar in der Luft. Das Foto ist eine schwarz-weiß Aufnahme.

MJ Harper, „Creature“, 2020. Courtesy of Christopher Aoun and the artist.

Ist es das, worauf Du Dich mit dem Begriff der „Heimat“ – „home“ – in mehreren der Videos beziehst?
Ja genau. Die Betrachtung der Sterne offenbart kosmische Intelligenz: Wir sind nur ein kleiner Tropfen in einem riesigen Ozean. Sobald Du das einmal akzeptierst, kannst Du jederzeit „nach hause“ zurückkehren. Mit „Heimat“ meine ich hier einen inneren Ort, an dem Du eins bist mit Dir selbst und dem Universum. Die Videos handeln von diesen „homes“. Was ist die Arbeit, die Du in Deiner Zeit jetzt und hier investierst, damit Deine zukünftige Zeit – hier oder anderswo – gut gestaltet wird? Die Sterne sind dazu ein Sinnbild und geben spirituelle Führung. 

Neben den Bildern spielt Ton innerhalb der Videos eine signifikante Rolle. Es gibt Musik, Dein Voice-Over, manchmal eine andere Stimme und verschiedene Hintergrundgeräusche. Was haben diese unterschiedlichen Töne zu bedeuten?
Eine Frage, die mich beschäftigt, ist, wie Sprache sich in 200, 300 Jahren anhören wird. Die Sprache, wie wir sie kennen, wird nicht mehr dieselbe sein, Emojis beispielsweise verändern die Kommunikation gerade in einem unglaublichen Ausmaß. Die Menschen werden unsicher, wie Worte und Zusammenhänge zu interpretieren sind und die Sprache kann sich nicht mehr auf die Stützen verlassen, die sie ursprünglich besaß. Der Film „Arrival“ mit Amy Adams ist eine wunderbare Reflektion dieser Frage. Wenn Worte die Bedeutung nicht mehr vermitteln, erhalten Klang, Bewegung und Gestik eine stärkere Bedeutung. Die verschiedenen Töne innerhalb der Videos verweisen auf diese Thematik und untersuchen sie in einem weiteren Kontext.

Das Bild zeigt einen nackten Oberkörper vor einer Leinwand. Auf die Leinwand ist ein Bild projiziert, welches teilweise auf dem Körper der Person abgebildet ist. Bei der Person handelt es sich um den Performancekünstler MJ Harper, im Bild trägt er eine Langhaarperücke.

MJ Harper, „Creature“, 2020. Courtesy of Christopher Aoun and the artist.

Auf Deiner Webseite beschreibst Du Deine Arbeit als „an extension of language that is know yet still being crafted“ (Anm. der Redaktion, „eine Erweiterung von Sprache, welche schon bekannt ist und sich dennoch in der Entwicklung befindet.“). Geht es darum auch bei den verschiedenen Elementen der Videos – dem Ton, dem Bild, der Stimme?
Genau! Manchmal sind wir nicht dazu im Stande, etwas zu verstehen. Wir sollten diesem Nicht-Verstehen einen größeren Raum zugestehen, und stattdessen das Fühlen zulassen. Künstler kommen dem sehr nahe, in Worten, Bildern. Aber am Ende musst Du es eben fühlen. Die gegenseitige Erweiterung von Sprache und Bewegung ist hierfür eine Möglichkeit, welche ich in meiner Arbeit konstant erforsche.

Du sprachst von einem größeren Projekt. Gibt es Pläne, die Videos auszustellen oder sie – physisch – zusammenzuführen?
Die gibt es. Das Konzept ist eine dreifache Iteration mit einer galeriebasierten Veranstaltung, einer Life-Performance und einem Film. Ich arbeite mit Christopher Aoun (Anm. der Redaktion, ein libanesischer Kameramann) zusammen und es ist, als vereinen sich unsere kosmischen Ideen.

Klingt herausragend! Gibt es schon ein konkretes Wo und Wann für diese Unternehmungen?
Später im Jahr, voraussichtlich im September.

Wir sind gespannt!

MJ Harper arbeitet frei und wird von keiner Galerie repräsentiert. Informationen zu weiteren Projekten und Ausstellungen folgen.

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