Wie weit kann Malerei gehen?
Michael Sayles in der Galerie xavierlaboulbenne

28. Juni 2020 • Text von

Michael Sayles Kunstwerke bewegen sich irgendwo zwischen der Malerei, der Form und seinem eigenen Selbst. Was ist Malerei eigentlich wirklich und wie weit kann sie gehen? Seht in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie xavierlaboulbenne auf Leinwänden und Papiercollagen, wie er die Begriffsgrenzen weit ausdehnt. (Text: Carolin Kralapp)

Ausstellungsansicht in der Galerie xavierlaboulbenne. Zu sehen sind eine Skulptur und eine Malerei des Künstlers Michael Sayles.

Installation view, front room © xavierlaboulbenne.

Vor einem Tor stehend die Klingel drücken. Warten. Das Tor öffnet sich und man findet sich in einem äußerst hübschen Kreuzberger Hinterhof wieder auf der Suche nach der Galerie xavierlaboulbenne. Vorderhaus 1. OG. Ist der richtige Eingang gefunden, nochmal klingeln. Beim Öffnen einer schweren eisernen Tür rennt mir zunächst eine aufgedrehte englische Bulldogge entgegen. Süß, denke ich. Aber hier soll es nicht um den süßen Hund gehen. Sorry, wenn ihr jetzt enttäuscht seid.

Noch bis Anfang Juli sind in den Galerieräumlichkeiten die jüngsten Arbeiten des britischen Künstlers Michael Sayles (*1966) zu sehen, der seit Mitte der 90er in Berlin lebt. In einem typisch abgeranzten Berliner Altbau wird eine übersichtliche Anzahl an Arbeiten aus den Jahren 2017 bis 2020 gezeigt, die sich mit dem Thema Malerei auseinandersetzen. Sayles hat hier nämlich nicht „klassisch gemalt“. Er verwendet zwar auch für die Malerei übliche Leinwände als künstlerischen Ausgangspunkt, bespielt sie jedoch in erster Linie mit Bleistift, Papier und Kleber und erzeugt so eine detailreiche Struktur, eine Dreidimensionalität auf der flachen Leinwand.

Eine Arbeit des Künstlers Michael Sayles. Zu sehen ist ein kreisrundes Bild, das an einen Oreo-Keks erinnert. Statt des Markennamens ist "NEGRO" zu lesen.

Michael Sayles: „My Knee Grows and My Pen is Huge“, 60 cm diameter x 3 cm, 2020 © xavierlaboulenne.

Begrüßt wird man im ersten Raum von einer Holzfigur aus dem späten 19. Jahrhundert aus der Sammlung von Stefano Pilati und der ersten Arbeit von Sayles: „Naked Woman on African Masq Descending a Staircase“ (2019). Auf welchen Künstler wird mit diesem Titel wohl angespielt?

Ein Bild ist ein Konstrukt, das auf der Leinwand eine bestimmte, von der Künstlerin oder dem Künstler intendierte, Illusion erzeugt. Michael Sayles nimmt sich diesem Konstrukt an und untersucht es in seinen Arbeiten akribisch und analytisch genau. Dabei nutzt er konstruktive und in feinster Kleinstarbeit konstruierte Elemente, um seine künstlerische Lösung zu finden. Eines ist dabei sicher: In den Arbeiten steckt Geschichte. Eine ganze Menge.

Als Besucher*in begegnet man in der Ausstellung bei xavierlaboulbenne einer afrikanischen Ikonografie, dem Kolonialismus und den zentralafrikanischen Einflüssen, die Sayles auf der Suche nach seiner eigenen Identität als Schwarzer Mann in Europa in den Werken zu verarbeiten versucht.

Eine Bleistiftarbeit von Michael Sayles hängt an einer grünen Wand. Die Arbeit zeigt die Szene des Abendmahls. Anstelle der Jünger sind jedoch afrikanische Masken zu sehen.

Michael Sayles: „Hic Niger Est“, 186 x 399 cm, 2018 © xavierlaboulbenne.

Sayles spielt dabei mit Verweisen auf alte Bildtraditionen und die „großen europäischen Meister“. Es begegnen einem bekannte Bildelemente und große Namen: Picasso, Botticelli, Da Vinci, Duchamp, Matisse. Ich bin mir sicher, ihr werdet sie alle schnell erkennen.

An hohen tiefgrünen Wänden im Hauptraum hängen großformatige Arbeiten, die ganz klar auf Meisterwerke der Kunstgeschichte anspielen. Da wären zum Beispiel „The Whores of Avignon“ (2018) oder „Hic Niger Est“ (2018), was übersetzt in etwa „Hier ist das Schwarze“ bedeutet. „Das letzte Abendmahl“ wird hier in einen völlig neuen Kontext gesetzt.

In einem schmalen Gang sind zudem kleinformatige gerahmte Collage-Arbeiten zu sehen, 25 an der Zahl. Auf humorvolle Weise setzt Sayles hier bekannte und traditionell europäische Elemente mit jenen zusammen, die Ausdruck seiner Affinität zur afrikanischen Kultur sowie Teil seiner eigenen Identität sind – somit auch bedeutungsvoll für ihn und seinen künstlerischen Werdegang. Da gibt es beim Entlanglaufen der Wand so einiges zu gucken.

Die Collagen von Michael Sayles hängen in der Berliner Galerie xavierlaboulbenne.

Installation view, east wall © xavierlaboulbenne.

Es kann schon einschüchternd sein, zweimal klingeln und mehrere Türen öffnen zu müssen, um einen unbekannten Galerieraum zu betreten. Aber in diesem Fall lohnt es sich wirklich. Als Teil einer weißen, privilegierten Gesellschaft ist es unmöglich, eine Perspektive, wie Michael Sayles sie auf die Welt hat, vollends nachzuempfinden, aber – und davon bin ich überzeugt – es ist an der Zeit, dass wir uns diese individuellen Geschichten anhören, ansehen und von ihnen lernen. Raus aus der Komfortzone.

Wenn ihr einen genaueren Einblick in den Entstehungsprozess der Werke und Michael Sayles Atelier bekommen wollt, schaut euch unbedingt dieses Video an. (Spoiler: Hier gibt’s auch den süßen Hund zu sehen.)

WANN: Die Ausstellung von Michael Sayles ist noch bis Samstag, den 4. Juli, zu besichtigen.
WO: Galerie xavierlaboulbenne, Schönleinstr. 5, 10967 Berlin.

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