Natural Perfection
Joan Hernández Pijuan in der Galerie Dittmar

28. Oktober 2019 • Text von

Die Zeichnungen und Gemälde Joan Hernández Pijuans eröffnen und erörtern ein weites Themenfeld und bilden doch eine jeweils eigenständige, individuelle Interpretation. Abstrakte, zum Teil ins Archaische deutende, oder geometrische Freihand-Zeichnungen heben den Galerieraum auf und versetzen den Betrachter in eine andere Zeitwahrnehmung. Poesie, Perfektion, Papier – Pijuan. (Text: Christina-Marie Lümen)

Juan Hernández Pijuan, 6 – Castell, 1992 Courtesy Galerie Dittmar.

Klein – in Bezug auf die Anzahl der ausgestellten Werke  aber sehr fein mutet die Ausstellung „Joan Hernández Pijuan“ in der Galerie Dittmar an. Im Gegensatz zu vielen übrigen aktuellen Ausstellungen in den Berliner Galerien ist es eine langsame Kunst, leise, vorsichtig. Dabei nicht weniger eindrucksvoll. Joan Hernández Pijuan gehört zu einem der bedeutendsten spanischen Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeiten sind unter Anderem in den Sammlungen des Metropolitan Museum und des MoMA in New York vertreten, in den Jahren 1960 und 1970 nahm er an der Biennale in Venedig teil; anlässlich seines Todes im Jahre 2005 würdigte die dortige Biennale ihn mit einer Doppelpräsentation zusammen mit Agnes Martin. Seitdem ist es stiller geworden um den Künstler, obgleich sein Nachlass nach wie vor in regelmäßigen Abständen in Galerie- und Museumsausstellungen zu sehen ist. Die sorgfältig kuratierte Ausstellung in der Galerie Dittmar zeigt drei Ölbilder und elf Arbeiten auf Papier; auf Anfrage können weitere Arbeiten besichtigt werden. Die Arbeiten stammen überwiegen aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, eine großformatige aquarellierte Zeichnung am Ende des Galerieraums stammt aus dem Jahre 1977. Zusammen mit den Ölbildern zu Beginn des Raumes spannt die Ausstellung so einen Bogen vom Haupt- zum Spätwerk des Künstlers. 

Juan Hernández Pijuan, 1 – Ornamental sobre terra de Siena, 1999 Courtesy Galerie Dittmar.

Insbesondere die Arbeiten auf Papier zeigen den methodischen Reichtum und die inhaltliche Tiefe des Künstlers, ebenso seine Experimentierfreude: Japanpapier, Karton und Millimeterpapier dienen als Träger für Holzschnitt, Bleistift oder die bereits genannte aquarellierte Zeichnung. Die wie spontan, von Kindeshand gezeichneten Türme in „Castell“, 1992, bilden einen auffälligen, jedoch wie notwendig wirkenden Gegensatz zum darunter liegenden Millimeterpapier. Das archaisch-grobe V-Muster in einer Zeichnung ohne Titel aus dem Jahre 1998 kontrastiert das feine Japanpapier des Bildträgers. „Sein Vater sei an der Struktur des Material interessiert gewesen“, so der Sohn des Künstlers im Gespräch, welcher den Nachlass heute verwaltet. In ihrer Feinheit und – materiellen – Vielschichtigkeit fragen die Arbeiten nach einem genauen Hinsehen, welches unmittelbar durch die Freude am Erblick(t)en belohnt wird.

Juan Hernández Pijuan, 7 , 1998 Courtesy Galerie Dittmar.

Farblich rangieren die Arbeiten zwischen Schwarz, Weiß und Erdtönen wie Ocker, Oliv oder Dunkelbraun. Das Weiß scheint sich dabei in seiner Nuancierung dem jeweiligen Partnerton anzupassen, diesen zu ergänzen und zu erheben. Als Konsequenz wirkt die obgleich gedeckte Palette an keiner Stelle fad, im Gegenteil: Insbesondere die beiden großformatigen Arbeiten in Öl offenbaren farbliche Kraft und Tiefe.

Joan Hernández Pijuan, Limits, 1997, Courtesy Galerie Dittmar.

In der Pressemeldung der Galerie wird die Arbeit Hernández Pijuans motivisch als „Interaktion von Dargestelltem und der Fläche als Raum“ charakterisiert. Sowohl in den feingliedrigen Zeichnungen als auch in den – in Bezug auf ihre Größe und den Pinselduktus – gröberen Leinwänden zeichnet sich diese Interaktion durch eine ausgesprochene Regelmäßigkeit aus, jedoch ohne jegliche Perfektion in einem mathematisch-meßbaren Sinne. Ein Beispiel hierfür bildet das ‚perfekte’ Rechteck in „Limits“, 1997. Die Arbeiten besitzen eine innere Harmonie, welche sich bei Betrachtung unmittelbar auf den Schauenden überträgt. Obgleich im Motiv nicht direkt sichtbar, wird so der Bezug des Künstlers auf die Landschaft als Referenz- und Ausganspunkt deutlich: Zum einen im geschilderten Verhältnis der Arbeiten zur Fläche als einer eigenen Größe. Zum anderen in ihrem kontemplativen Sinn, der sich  von der Langschaft auf die Werke überträgt. Und damit ebenso auf den Betrachter.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis Samstag, den 23. November zu sehen.
WO: Galerie Dittmar, Auguststraße 22, 10115 Berlin.

Die Autorin Christina-Marie Lümen hat für die Galerie Dittmar gearbeitet.

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