Im schrägen Winkel zur Welt
Jakob Gilg bei Braun-Falco

19. Juni 2020 • Text von

Auf der Suche nach maximaler Intensität in seiner Kunst präsentiert Jakob Gilg unter dem Titel „Epithel“ neue Bilder und Skulpturen in der Braun-Falco Galerie. Er stellt keine perfekte Hochglanzwelt in Ölfarbe dar, sondern reflektiert in mattem Schein über unterschwellig unheilvolle und ambivalente Stimmungen. Über was Schönheit für ihn bedeutet und über die Probleme der Aneignung in der figurativen Malerei sprach unsere Gastautorin Felicia F. Leu mit dem Künstler.

Jakob Gilg: Epithel, Installationsansicht, Braun-Falco Galerie.

gallerytalk.net: „Epithel“ ist der Titel Deiner ersten Ausstellung, nachdem Du im Frühjahr Dein Studium an der Akademie abgeschlossen hast. Das klingt erstmal mysteriös. Was erforschst Du hier? 
Jakob Gilg: „Epithel“ ist eine der vier Grundgewebearten – ein wissenschaftlicher Begriff als Ausgangspunkt. Wenn ich die Möglichkeit habe so eine Welt aufzubauen, dann mache ich das über den Ausstellungstitel, die Arbeiten bis hin zu den Werktiteln. Am Begriff des Epithels interessieren mich die Diagramme, wie in verschiedenen Farben die unterschiedlichen Zelltypen und Hautschichten markiert sind – also eine diagrammatische Herangehensweise an den Körper, die irgendwie auch rudimentär und sehr unkörperlich ist.

Deine Motivation ist also fast wissenschaftlich?
Als Kind wollte ich Astronaut oder Archäologe werden. Ich will entdecken und erforschen. Mein künstlerisches Arbeiten ist jetzt mein Weg dafür, ich sehe das als eine Forschungsarbeit.

Deine Arbeiten zeichnen sich somit durch ein grundlegendes Interesse am Menschenkörper und lebensnotwendigen Strukturen aus. Wie gehst Du künstlerisch mit der aktuellen Situation um?
Es ist völlig undenkbar, einfach weiterzumachen wie zuvor, ohne die Situation zu reflektieren. Plakativ darauf eingehen wollte ich nicht, „Corona-Kunst“ überlebt sich schnell. Viele meiner Arbeiten passen schon zur aktuellen Situation. Meine Bilder wollen etwas Krisenhaftes ausdrücken, da ist oft ein komischer Grundton drunter, dass nicht alles okay ist. Zu Anfang meiner Ausstellungsproduktion sind in der Auseinandersetzung eher abstrakte Arbeiten entstanden. Das kommt wohl aus der Skalierung. Denn wenn man näher an etwas herangeht, dann sieht man den Menschen, die Figur nicht mehr, sondern eher eine Struktur.

Jakob Gilg: Epithel, Installationsansicht, Braun-Falco Galerie.

Deine abstrakten Arbeiten entstehen also weiterhin aus Deinem Interesse am Menschen, aber Du gehst näher heran und stellst unter der Lupe dar.
Von Makro auf Mikro. Ein abstraktes Bild ist dann tatsächlich eher wie ein Diagramm, relativ malerisch. Man denkt anders über Vernetzung nach, spezifischer wie Interaktionen zwischen Menschen nachvollzogen werden können, aber auch ganz banal: Die Spritzer auf der Leinwand werden metaphorisch zu den Spritzern der Pandemie.

Du bestimmst also auch über das Material bzw. die Form Deiner Arbeiten, den Inhalt mit?
Sehr stark. Ganz zu Anfang der Akademiezeit war es so, dass mich der Inhalt extrem interessiert hat und ich das Malerische vernachlässigt habe. Jetzt nutze ich eine spezielle Technik, die ich entwickelt habe: Die wässrige, matte Farbe, die auf der Leinwand verläuft. Damit kann ich verschieden agieren, indem ich die Leinwand verkehrt herum nehme oder auf den Boden lege, so eine große Varietät einbaue und die Technik völlig ausreize. Es ist eine herausfordernde Malweise, ich kann nichts korrigieren. Es ist nicht wie in der glänzenden Ölmalerei, dass ich die Farbe einfach trocknen lassen und dann komplett mit Weiß drüber gehen kann.

Wie hat sich Deine Arbeitstechnik entwickelt?
Mein Entwicklungsprozess hatte mehr mit einer negativen Abgrenzung zu tun, als mit einem positiven „Das will ich tun“. Und dieses Matte ist schon auch eine technische Abgrenzung. Wenn ich etwas Glossy auf eine Leinwand batzle, finden das alle gleich ganz toll. Ich wollte eine andere, für mich spannendere Position einnehmen, denn es gibt schon so viele ölige, pastose Leinwände.

Jakob Gilg: Epithel, Installationsansicht, Braun-Falco Galerie.

Gab es einen Schlüsselmoment in Deinem Studium?
Als ich ein Video gesehen habe, das sehr intensiv war. Da wollte ich eigentlich gar kein Bild mehr malen, das konnte nicht so intensiv sein. Es steckte etwas dahinter, was Sinn hat, aber mir war völlig unergründlich, was es war. Ich habe dann aber einen Weg gefunden malerisch eine andere Art von Intensität zu produzieren und wertzuschätzen, mich so auch selbst als Künstler gefunden – mit schwarzem Humor und einer speziellen Art Figuren darzustellen. Malerei kann auch sehr tief gehen und treffen, kann eine Intensität entwickeln, die da durchaus mitspielen kann. Schönheit bedeutet für mich auch Intensität und nicht Gefälligkeit.

Was möchtest Du mit Deinen Bildern bewirken?
Ich versuche eine Welt herzustellen, die im schrägen Winkel zu unserer Welt steht, nicht dieselbe Ebene hat. Da passieren Sachen, die so bei uns nicht sind. Eigentlich sind meine Bilder eine ständige Problemreflektion. Ich mache mir über die Grundstrukturen Gedanken – dass es Binarität gibt, ja – nein, schwarz – weiß. Ich fange oft mit einem Körper an, auf den etwas einwirkt. Dann versuche ich die Balance zu halten, sodass das Bild nicht in eine Richtung kippt, sondern eine Ambivalenz entwickelt. So entsteht die Möglichkeit, dass man sich Fragen stellt. Kunst schafft es, produktive Ambivalenzen zu erzeugen und zu erhalten.

Jakob Gilg: Epithel, Installationsansicht, Braun-Falco Galerie.

Noch einmal zurück zu dem, was Du vorhin mit Deinen neuen abstrakten Bildern angedeutet hast: Bewegst Du Dich aktuell von der figurativen Malerei weg?
Nein, ich versuche „minimalistische Figuration“ zu machen – wenn man das so sagen kann (lacht), an die figurative Malerei mit geringen Mitteln heranzugehen. Ich will auch mehr Frauen malen und andere Hautfarben. Das sind schwierige Fragen, die ich mit mir rumtrage, die ich besser zu lösen versuche. Denn Malerei ist ein ständiges Aneignen.

Was meinst Du genau mit malerischer Aneignung?
Als Künstler*in sollte man sich bewusst sein, wen und was man sich aneignet und welcher der eigene Standpunkt ist. Wenn ich mir einen anderen Körper malerisch aneigne, muss ich mir immer die Frage stellen, ob das für mich so wie ich es male in Ordnung ist. Sich als KünstlerIn heute dazu nicht zu verhalten, ist für mich nicht tragbar, denn Kunst hat für mich eine Verantwortung. Aneignungen sind auch schon schief gegangen, Dana Schutz im Whitney zum Beispiel: eine weiße Malerin eignet sich malerisch einen schwarzen, toten Körper an.

Jakob Gilg: Die Wilde Jagd, 2020, Braun-Falco Galerie.

Du setzt Dich also konstant kritisch mit Deiner Malerei auseinander?
Ich stelle mir schon intensiv Fragen. Es kann sein, dass aus einem malerischen Prozess etwas Problematisches entsteht. Ich bin ein männlicher weißer Maler, da musst Du Dir echt Gedanken über Deine Position machen. Ich hoffe auch, dass die Positionen nicht überleben, die sich darüber keine Gedanken machen.

Würdest Du sagen, dass man in Deinen Arbeiten schon sieht, wie Du Dich damit auseinandersetzt?
Ich glaube das ist schon länger drin. Eine Zeit lang habe ich mit Queerness experimentiert, mir die Fingernägel lackiert und das steckt auch in meinen Bildern. Die Figuren sind oft weiße bzw. rosafarbene, nackte Männer. Sie werden aber nie so dargestellt, als ob es ihnen gut geht, oder als herrschende, großmächtige Personen, sondern eher ein bisschen schwächlich, nicht gefährlich oder verherrlichend auf irgendeine Art und Weise. Trotzdem steckt eine Reproduktions- und Repräsentationsfrage dahinter. Es ist problematisch, wenn immer nur der weiße, männliche Körper dargestellt wird, egal in welcher Form.

Jakob Gilg: Epithel, Installationsansicht, Braun-Falco Galerie.

Oder man könnte sagen, dass auch gerade das eine Kritik sein kann?
Ja genau. So kann ich auch die weiße Männlichkeit problematisieren, Karikaturen machen.

Du siehst die Problematiken von figürlicher Darstellung weißer Männerkörper, aber trotzdem, zum Abschluss: Was fesselt Dich so an der Figur?
Es ist schon auch ein bisschen ich selber. Und mir geht es darum eine sich selbst hinterfragende und gebrochene Männlichkeit darzustellen. Die Männlichkeit muss sich neu erfinden und selbst neu interpretieren. Und wie sieht die dann aus? Vielleicht ein bisschen gebückter. (lacht)

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 18. Juli. Die Galerie ist unter den vorgegebenen Richtlinien geöffnet.
WO: Braun-Falco Galerie, Nymphenburger Straße 22, 80335 München.

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