In den Spargel gegriffen
Eine Wutrede

21. April 2020 • Text von

Zwei Künstler und ein Architekt in Wien langweilen sich und stechen jetzt mal probeweise öffentlich ein bisschen Spargel auf Instagram. Das Projekt klingt so schon ziemlich daneben, aber wenn man länger drüber nachdenkt ist es tatsächlich noch viel schlimmer.

Ein scheuer kleiner Spargelkopf erblickt die Welt © und Foto: gemeinfrei

Im Schlossgarten von Versailles gibt es eine skurrile Attraktion, den Petit Trianon. Das kleine Schlösschen mit umgebendem Garten war der Rückzugsort Marie Antoinettes, das ist die später geköpfte Frau Ludwigs XVI. Sie erinnern sich, „Wenn sie kein Brot haben sollen sie lieber Kuchen essen“? Das hat sie zwar nie gesagt, gedacht aber womöglich durchaus. Das Petit Trianon legt das nahe, denn wenn die von zu viel Prunk, Süßigkeiten und Bediensteten angeödete Habsburgerin sich hier eine Auszeit vom anstrengenden Adelsleben nahm (während die Untertanen sich um verschimmelte Brotreste prügelten), dann stattete sie nicht nur die Räume mit geradezu aufwühlend modernen Rokokotapeten aus, nein, sie ließ sich auch im benachbarten englischen Garten eine Gruppe von Bauernhäusern errichten.

Spargeltableau, in der Körpermitte von Bechamelsoße umspült © und Foto: gemeinfrei

Innen natürlich standesgemäß ausgestattet, konnte sie sich nun von ihren Bediensteten zum Karottenbeet mit dem schon vorgelockerten Gemüse tragen lassen und beim behandschuhten Herausziehen des harten, orangen Kegels das bäuerliche Leben ganz ohne die lästigen Begleiterscheinungen wie Schmutz, Muskelkater oder Sonnenbrand nachempfinden. Das ist ein Sinnbild für Dekadenz, wie vermutlich jedem klar geworen ist. Blicken wir nach diesem kleinen Exkurs in den französischen Absolutismus nun in unsere quarantänegeplagte Gegenwart und auf das Projekt „Edition Spargel“, das drei findige Leute gerade auf Instagram veranstalten. Die Gründe sind ja nun vom Ansatz her ganz nachvollziehbar: Als Kulturschaffender ist man momentan gelangweilt, die Aufträge sind weggebrochen, die Anträge für Staatshilfe sind auf Dauer auch ein bisschen öde.

Keck schwimmende Stückchen: Bezaubernde Spargelsuppe mit grünen Einsprenklern © und Foto: gemeinfrei

Warum also nicht investigativ werden? Warum nicht mal auf dem Weg zwischen Zuhause und Atelier ein halbes Stündchen beim Spargelbauern reingucken, ein paar Stängelchen ausgraben, und die dann vor dem eigenen Büro mit passenden Rezepten als Sonderedition verteilen? Vertreibt die Langeweile und macht die Spargelfans glücklich, wie man auf den stylishen Instafotos erkennen kann. So kann man die glücklichen Abnehmer dann auch gleich noch dokumentieren, bääm, hat man ein tolles Kunstprojekt.

Teamarbeit: Weißer Spargel im gewagten Geschmacksduett mit gutgebräunter Bratwurst © und Foto: gemeinfrei

In normalen Zeiten wäre diese Aktion so uninteressant wie lächerlich, der Deutschen und Österreicher zweitliebstes Kind wird regulär ja turnusmäßig von jahrelang guteingearbeiteten und schlechtbezahlten Stechern aus Osteuropa aus der Furche gezogen, weil sich hier keiner mehr für das harte Stängelchen bücken mag. In den aktuellen Zeiten der Krise ist diese Aktion aber nichts weniger als ekelerregend, denn letzte Woche ist ein rumänischer Erntehelfer (der mit dutzenden Kollegen trotz Pandemie per Sonderflug nach Deutschland geholt wurde, um sich hier auch während des Lockdowns ausbeuten zu lassen) am hier vor Ort eingefangenen Coronavirus gestorben. Die Spargelrettungsaktion des Bauernverbands war ja schon zynisch genug, auch weil sie unausgesprochen mitklingen ließ, den Saisonarbeitern würde ja sonst das Geld für ihre Familien fehlen. Warum sollte man auch Saisonarbeiter, die jedes Jahr hier arbeiten, in den Rettungsschirm lassen, nicht wahr, ihr geschätzten Kapitalisten?

Nicht, dass er noch friert: Spargel im addretten Schinkenkleid mit Erdbeerbackground © und Foto: gemeinfrei

Die gutbetuchten europäischen Hofstaaten leisten sich also ein paar nützliche Sklaven aus ärmeren Krisenländern (denn jedes Land ist aktuell ein Krisenland, machen wir uns da nichts vor) um ihren geliebten weißen Spargel termingerecht auf den Teller zu kriegen, einer der Arbeiter stirbt deswegen (man muss erwähnen: etwa eine Woche NACH dem Start der Edition Spargel, aber spielt das eine Rolle?), und nun fällt dieser bemerkenswert unsensiblen Wiener „Künstlergruppe“ also auch weiterhin nichts Besseres ein als die insgesamt schon recht fragwürdige Spargelgesamtsituation mit ihrer in jeder Hinsicht überflüssigen Hipster-Gemüsekollektion völlig ironiefrei zum Klickthema zu machen. Der französische und der österreichische Adel wäre bestimmt mächtig stolz auf sie.

Wo: Auf Instagram.

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