Innen, Außen und Dazwischen
„Innenleben“ im Haus der Kunst

15. Januar 2020 • Text von

Was sagt der Innenraum über unseren eigenen seelischen Zustand und über unser Verhältnis zur Außenwelt aus? Im Haus der Kunst ist noch bis Ende März die thematische Gruppenausstellung „Innenleben“ mit Njideka Akunyili Crosby, Leonor Antunes, Henrike Naumann und Adriana Varejão zu sehen, die in ihren Werken dem Verhältnis von Innen und Außen auf individuelle Weise nachspüren.

Innenleben Installationsansicht mit Werken von Leonor Antunes und Njideka Akunyili Crosby Haus der Kunst, 2019. Photo: Connolly Weber Photography.

Viele dürften schon mal die Erfahrung gemacht haben, dass man bei der ersten Einladung von einer Person zu sich nach Hause, meistens etwas Neues über sie lernt. Wie man wohnt kann die subjektive Sicht auf eine Person bestätigen oder manchmal auch vollkommen überraschen. Die Objekte mit denen man sich umgibt, oder auch das Nicht-vorhanden-sein bestimmter Gegenstände, können sehr viel über eine Person aussagen. Wahrscheinlich ist es genau das, was das kunsthistorische Sujet der Interieurmalerei so interessant macht – weil es viel zu entdecken gibt. Im Haus der Kunst stellen die Werke der vier Künstlerinnen ausgehend vom Innenraum nun Fragen danach, wie wir leben wollen, wo wir uns in der heutigen Welt verorten, auch im Sinne einer geistigen Haltung, mit was für Objekten wir uns umgeben und warum.

Njideka Akunyili Crosby zeigt in ihren großformatigen farbintensiven Gemälden intime Szenen sozialer Handlungen. Als sie 16 Jahre alt war zog sie mit ihrer Familie von Nigeria nach Los Angeles wodurch das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten ein zentrales Thema ihrer Arbeit wurde. Die häuslichen Szenen geben Einblicke in ihr Privatleben mit ihrem weißen US-amerikanischen Ehemann, mit Freunden und Familie, und zeigen gleichzeitig die politische Aufgeladenheit dieser Liebesbeziehung auf. Großflächig collagiert sie die räumlichen Situationen mit Fotos aus ihrem Familienalbum, Bildern aus Zeitschriften oder Plattencovern, die sowohl auf private Ereignisse als auch auf Popkultur und die Geschichte Nigerias verweisen. Szenen, die ihre nigerianische Familie in ihrem neuen Haus in L.A. oder sie selbst in vertrauter Zweisamkeit mit ihrem Mann zeigen, werden durch die Bilder im Bild ergänzt, die sich wie zu einem sichtbar gemachten inneren Gedanken- und Erinnerungskosmos auffächern, der die eigene Biografie und Person konstituiert.

Leonor Antunes, discrepancies with C.S. (2017) und discrepancies with A.A. (2019),  Installationsansicht Haus der Kunst, 2019. Photo: Connolly Weber Photography

Der Sichtschutz als Metapher stellt die Grenze zwischen dem privaten und öffentlichen Raum in Frage und wird von Leonor Antunes’ herabhängenden Skulpturen subtil aufgegriffen. Ihre Werke entstehen in Bezug auf das Schaffen von Persönlichkeiten aus Design, Architektur und Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die herabhängenden Lichtelemente integrieren sich nahezu genial in das Treppenhaus im Eingangsbereich der Ausstellung und sind in Auseinandersetzung mit einem architektonischen Entwurf des italienischen Modernisten Carlo Scarpa entstanden. Die vier Meter hohen raumteilenden Hängeskulpturen sind wiederum in Anlehnung an Mary Martins „Climbing Forms“ aus den 1950er Jahren entstanden und verdeutlichen aufgrund ihrer Durchlässigkeit die Schwierigkeit einer klaren Trennung zwischen Innen und Außen. Leonor Antunes’ elegante skulpturale Objekte und Rauminterventionen fielen zuletzt auf der Venedig Biennale 2019 im Portugiesischen Pavillon auf, aktuell ist sie ebenfalls in der Fondation Beyeler zu sehen.

Henrike Naumann, Ruinenwert, 2019, Installationsansicht Haus der Kunst, 2019. Photo: Connolly Weber Photography

Henrike Naumann beschäftigt sich in ihrer Rauminstallation mit der deutsch-deutschen Geschichte und zeigt am Beispiel verschiedener Einrichtungsensemble wie sich politische Machtstrukturen in Design, Dekoration und Inneneinrichtung manifestieren. Man betritt das mit plüschigem Teppich ausgelegte Wohnzimmer durch einen niedrigen Durchgang, der auf der anderen Seite zu einem Kamin aus Hitlers Berghof Obersalzberg wird – die Größen- und Machtverhältnisse der NS-Ideologie werden anhand der Architektur abermals deutlich -, ein Repräsentationsbau der Nationalsozialisten, wie es das Haus der Kunst selbst ebenfalls war. Interessanterweise schafft es die Ausstellung durch diesen räumlichen Übergang die Hemmschwelle einen privaten Bereich zu betreten tatsächlich zu transportieren. Einen Moment lang blickt man in das Teppichzimmer hinein und fragt sich, ob man es mit seinen Schuhen betreten darf, soll oder muss?

Als eine der wichtigsten brasilianischen Gegenwartskünstlerinnen verhandelt Adriana Varejãos Werk die von Gewalt geprägte Kolonialgeschichte ihres Heimatlandes durch die Sichtbarmachung von sozialer Aneignung und Umformung aufgrund kultureller Einflüsse. Als formales und charakteristisches Element ihrer Wandarbeiten und Raumobjekte fällt die Keramikfliese in ihrer klaren Anordnung auf, die zunächst auf eine sterile und kalte Atmosphäre hindeutet. Dies kontrastiert jedoch das Aufbrechen der Oberflächen mit dem Offenlegen von blutigem Fleisch oder herausquellenden Organen, gleich gigantischer Wunden.

Adriana Varejão, Linda da Lapa, 2005, Installationsansicht Haus der Kunst, 2019. Photo: Connolly Weber Photography

Die Suche nach einem aktuellen und thematisch übergeordneten Bezug der Werke untereinander ist im begleitenden Ausstellungstext leider spürbar und bleibt ein Versuch. Zum einen wird der Anspruch vertreten, auf die Auswirkungen globaler Vernetzung auf unser Privatleben einzugehen und zum anderen soll durch vier internationale künstlerische Positionen ein vielschichtiges und kosmopolitisches Weltverständnis gegenüber nationalorientierten Tendenzen aufgezeigt werden. Zweites wird definitiv umgesetzt, nur fragt man sich gegenüber den Exponaten, was das eine genau mit dem anderen zu tun hat. Beide Ansätze haben hohe Relevanz und die vier Künstlerinnen präsentieren jede für sich unbestreitbar ein herausragendes Werk. Trotzdem hat man das Gefühl, dass hier zwanghaft versucht wird, sehr unterschiedliche künstlerische Konzepte zusammenzuführen. Der Innenraum kann sinnbildlich den gesellschaftlichen und politischen Zeitgeist reflektieren, eigentlich macht das Kunst aber auch irgendwie immer.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 29. März zu sehen.
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München

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