Hanseatische Stadtrundgänge #2
Elbvergnügen

12. August 2016 • Text von

Teil zwei des Reiseblogs steht ganz unter dem Einfluss Hamburgs Hauptschlagader, der Elbe. In den industriell geprägten Stadtteilen im Süden und Osten haben sich kleine Kulturoasen gebildet, die nur darauf warten, erkundet zu werden.

Die Elbphilharmonie von Wilhelmsburg aus gesehen

Die Elbphilharmonie von Wilhelmsburg aus gesehen

Hier geht es zu Teil eins, in dem sich alles um St. Georg und die Elbvororte dreht.

Tag 3: Mittwoch

Südlich der Elbe ist auch Hamburg: Schon die Anreise mit dem Auto ist ein Highlight. Ich weiß wirklich nicht, woran es liegt, eigentlich ist so ein Hafen ja auch nur eine besonders nasse Logistikanlage, aber jedes Mal, wenn ich durch den Hafen fahre, macht mein Herz einen Sprung.

In Harburg kämpfe ich erst mal mit dem riesigen „Straßenatlas Hamburg“. Das mannshohe Ding muss ich einmal komplett auffalten und völlig umorganisieren, um überhaupt eine brauchbare Karte der Gegend zu haben. Es wird einem wirklich nicht leicht gemacht hier im Süden. Dabei bin ich mir sicher, dass Harburg mehr zu bieten hat als die Sammlung Falckenberg und den Harburger Bahnhof. Wesentlich weiter als zu diesen beiden großartigen Orten bin ich bisher nicht gekommen.

Hanne Darboven: Wende 80, 1980

Hanne Darboven: Wende 80, 1980

Stattdessen steuere ich das Foyer des Hauses M der TUHH an. Klingt komisch, hat aber mit Hanne Darboven zu tun. Die beeindruckende Hamburger Künstlerin hat hier ihre „Wende 80“ als überwältigende Wandarbeit gehängt. Die 415 Din-A-4 Blätter dokumentieren auch eine Wende in ihrem Schaffen, vom „Schreibzeichnen“ hin zur Musik. Ihre Kompositionen sind vor Ort passend zu den Blättern zu hören, dazu gibt es außerdem noch filmische Arbeiten zu sehen.

Auf dem Weg hierher sind mir ein paar alte Grabsteine aufgefallen, ich beschließe, dem näher auf den Grund zu gehen, und lande auf dem herrlichen, parkähnlichen alten Harburger Friedhof. Eine Idylle, mitten im Stadttrubel. Anschließend geht’s weiter gen Wilhelmsburg. Ich spaziere durch das schnucklige Reiherstiegviertel und komme dabei auch an der Honigfabrik vorbei, in dem Kulturzentrum sind Werkstätten und Ateliers untergebracht und es finden jede Menge Ausstellungen und Kurse statt.

Mein Koffein hole ich mir heute in der Kaffeeklappe, vom Goldrandgeschirr schmeckt der Kuchen gleich noch viel besser! So gestärkt ist Zeit für einen Deichspaziergang. Seltsam, diese ungewohnte Perspektive auf die Stadtsilhouette Hamburgs! Ich komme mir fast vor wie an der Nordsee, nur mit Hafen und ohne Ebbe.

Eines der Ateliers im Künstlerhaus Georgswerder

Eines der Ateliers im Künstlerhaus Georgswerder

Später bin ich auf der Veddel verabredet, Michael Eicks zeigt mir das Künstlerhaus Georgswerder. Die alte Grundschule von 1902/03 sollte 2009 abgerissen werden, aber Anwohner und Künstler haben sich für den Erhalt eingesetzt. Seit 2010 dürfen sie Ateliers in dem Gebäude beziehen und die Werkstadt nutzen. Fast alle der Künstler kommen aus der Ecke oder sind zugezogen „Für mich ist das Tolle hier am Stadtteil, dass er superabwechslungsreich ist!“. Immer wieder organisieren sie Ausstellungen und Aktionen. Die Teilnahme an den Elbinsel Kunst- und Ateliertagen z. B. steht schon wieder fest im Terminplan.

Die Ausrüstung: Die große Straßenkarte Hamburgs, mit Reiseführern kommt man südlich der Elbe nicht weit
Eis: Joghurt-Orange im Eiscafé San Remo in Wilhelmsburg – köstlich! Geröstete Mandel ist auch gut.

Stephan Huber und Raimund Kummer: Hauptbahnhof-Nord, 1994

Stephan Huber und Raimund Kummer: Hauptbahnhof-Nord, 1994

Tag 4: Donnerstag

Kunst, Architektur und Industrie in der Hafencity und in Rothenburgsort: Völlig fasziniert habe ich gelesen, dass es im Hamburger Hauptbahnhof einen nie in Betrieb genommenen U-Bahn-Tunnel gibt, in dem sich ein Kunstwerk von Stephan Huber und Raimund Kummer versteckt. Nichts wie hin! Und tatsächlich, parallel zur U2, im Tunneldunkel fast verborgen, nur durch einen Zaun auszumachen, liegen stählerne Sterne auf dem Boden. 1991 waren sie, zusammen mit blauen Glasfragmenten, unter dem Titel „Firmament“ in der Kunsthalle ausgestellt, jetzt liegt dieser künstliche Himmel wie eingestürzt tief unter der Erde.

Rémy Zaugg: Kanäle, Eisenbahnbrücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind, Hafenkräne, 1992

Rémy Zaugg: Kanäle, Eisenbahnbrücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind, Hafenkräne, 1992

Das Bahnthema lässt mich dann auch den halben Tag nicht los. Auf dem Weg in die Hafencity passiere ich eines meiner Lieblingskunstwerke in Hamburg. Rémy Zaugg beschriftete 1992 die Oberhafenbrücke hinter den Deichtorhallen mit hafentypischen Begriffen. Dementsprechend heißt auch das Werk „Kanäle, Eisenbahnbrücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Wind, Hafenkräne“. Ich finde einfach super, wie er hier mit der Wahrnehmung und dem Offensichtlichen spielt.

U-Bahnhof Hafencity Universität, Raupach Architekten, 2012

U-Bahnhof Hafencity Universität, Raupach Architekten, 2012

Die Hafencity ist zwar nicht gerade neu, aber ich war lange nicht mehr dort und bin neugierig, was sich verändert hat. Erstaunlich, was seit meinem letzten Besuch so alles fertig geworden ist, zum Beispiel der neueröffnete Lohsepark. Auch von der U-Bahn-Station Hafencity Universität von Raupach Architekten war schon viel zu hören, das Licht- und Klangkunstspektakel will ich mir ansehen. Und dann gibt es da diesen typischen Hafencity-Moment: Ich steige aus der futuristischen Anlage ins Freie und stehe vor einer Baugrube. Ich mag diese Gegensätze. Bevor ich Hamburgs neuesten Stadtteil verlasse, stille ich meinen Hunger noch in der detailverliebt eingerichteten „kleinen Heimat“ am Magdeburger Hafen.

Wasserkunst Kaltehofe, fiktive Bildhauerwerkstatt zur Geschichte der Brunnen in Hamburg, Andreas Heller Architects & Designers

Wasserkunst Kaltehofe, fiktive Bildhauerwerkstatt zur Geschichte der Brunnen in Hamburg, Andreas Heller Architects & Designers

Ich begebe mich wieder vertrauensvoll in die Hände des HVV und lasse mich durch die Innenstadt gen Rothenburgsort fahren. Dort geht es erst mal zu Fuß weiter ins gefühlte Niemandsland, genauer gesagt auf die „Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“. Hinter dem hochtrabenden Namen verbirgt sich eine Wasserfiltrationsanlage, die zur Zeit der Choleraepidemie gebaut wurde, um die Hamburger mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Die ganze Anlage liegt mitten in der Elbe auf einer Insel voller Wasserbecken. Das sieht nicht nur lustig aus und war lange furchtbar praktisch, es ist auch ziemlich idyllisch. Seit 2011 kümmert sich eine Stiftung darum, dass das Areal der Öffentlichkeit zugänglich ist, und betreibt ein liebevollst hergerichtetes Museum. Andreas Heller Architects & Designers haben hier großartige Ausstellungsräume gestaltet, in denen ich einerseits einiges über Wasserqualität lerne, andererseits aber besonders über den Kubusneubau staune, in dem eine Schau über die Brunnen und Fontänen im Hamburger Stadtgebiet informiert. Als ich mich im ebenso hübsch eingerichteten Café niederlasse, ist es endgültig um mich geschehen. Ich komme auf jeden Fall wieder!

Die Ausrüstung: Ein Regenschirm, in Hamburg immer ratsam, heute unerlässlich.
Eis: Heißer Kakao ist ja auch irgendwie nur warmes Schokoladeneis für kalte Tage.

 

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