Glauer Joie De Vivre
Marius Glauer bringt die Freude am Moment zu fructa

7. September 2019 • Text von

Künstlich, aber dennoch real. Nicht figurativ, aber auch nicht abstrakt. In seinen Fotografien schlägt Marius Glauer Brücken zwischen Dokumentation und Abstraktion, Konzept und Emotion, Gegenwart und Vergangenheit. Gallerytalk sprach mit dem Künstler über die Grenzen der Wahrnehmung und die Kunst, im richtigen Moment das perfekte Bild zu schießen.

Marius Glauer, Dark Blossom Margiela, 2019, Courtesy the artist.

Sie vermengen sich, ziehen sich an, formen sich zu abstrakten Gebilden. Das kräftige Blau, das Silber, das Pink der Magnolienblüte lassen einen Sog entstehen und drängen beinahe aus dem zweidimensionalen Werk „ Dark Blossom Margiela“ (2019) heraus. Die Blüte schwebt, fällt, eine kontinuierliche Bewegung und doch ist sie fixiert im Bild, durch die Kamera angehalten in der Zeit, im Moment. Man möchte nach der Blüte greifen, doch der Zeitpunkt der Aufnahme, die Gelegenheit ist vorüber. In ihrer pinken Farbigkeit strotzt die Magnolienblüte vor Lebensfreude, die „joie“ wird spürbar, überträgt sich. Gleichzeitig wird die Endlichkeit des Moments, der Zeit bewusst. Letztere ist zentrales Sujet der von Christian Ganzenberg kuratierten Ausstellung „GLAUER JOIE DE VIVRE“ bei fructa. Lebensfreude, bewegende Momente – davon gab es im Leben des Künstlers dieses Jahr einige. Das Biografische findet so seinen Weg in die Kunst, vermischt sich mit seiner künstlerischen Praxis und gewinnt so eine spezifisch poetische Dimension.

Marius Glauer, Dreams and Memories, 2019, Courtesy the artist.

Pink und violett, in ihrer Monumentalität unwirklich erscheinend, dominiert die Orchideenblüte nicht nur durch ihre überdimensionale Größe, sondern auch durch ihre übertriebene Farbigkeit den Ausstellungsraum. Die Blüte thront als PVC-Druck über einer gerahmten Fotografie, um dann an den unteren Rändern auf dem Boden zu verfließen. Es ist ein Spiel mit Realität und Illusion – echt oder unecht, tot oder lebendig? Durch die Monumentalität verliert das Abgebildete das Reale, wird zu etwas Anderem. Glauer zoomt rein, macht das Minimale ganz groß. Die Orchidee war eines der kleinsten Objekte, die er so monumental werden ließ. Wie Glauer selbst sagt, ist es hier die Faszination für die Natur, für Materialien aus direkter Umgebung, die den Künstler antreiben. Die Kamera ist dabei Mittel zum Zweck, denn es geht um Kompositionen im Raum, den Clash der Materialien, das Experimentieren. Erst durch das Heranzoomen kehrt sich die Erscheinung der Blüte um, wird surreal, zungenartig. Ästhetisches Erleben wird befriedigt in der Schönheit des Organischen.

Die monumentale Orchidee ist Teil einer Installation, der Glauer den Titel „Dreams & Memories“ (2019) gegeben hat. Eine derartige Zusammenstellung aus einer hängenden PVC-Folie und einer davor platzierten Fotografie ist eine Konstante in Glauers Arbeitspraxis. Immer wieder führt er neue Konstellationen zusammen, führt neue Stile zueinander, bringt auf spannende Weise die Gemälde von Mark Rothko oder Vincent Van Gogh mit seinen Fotografien in Bezug.

Marius Glauer Joie De Vivre 1, 2019, Courtesy the artist.

Weiterer Bestandteil von „Dreams & Memories“ (2019) ist die Fotografie, „Joie De Vivre“ (2019), die knallroten Nagellack auf einem lila-pink schimmernden Untergrund zeigt und auf einem durchsichtigen Acrylstab lehnt. Ein fallendes Bild, ein Balanceakt – die Lebensfreude, immer auf der Kippe stehend. So schön die Freude sein mag, sie ist nicht von Dauer. Die Zeit rinnt, genauso wie der Nagellack, der in gleichmäßigen Bahnen hinabgleitet. Tropfende, nasse Materie wird hier wieder zum Sinnbild für Vergänglichkeit. Der erhellende Glücksmoment kann in jeder Sekunde vorbei sein. Auch darüber sprechen wir, die Freude, den Genuss am Leben. Er habe das Gefühl, dass das Leben sehr kurz sei, so Glauer. Ein fortwährender Flow, indem wir agieren, uns bewegen, weitermachen und dann gibt es die wenigen Augenblicke der Kür, die das Leben uns bietet. Die kurzen Momente des Grandiosen. Was bleibt, sind am Ende allein die Erinnerungen.

Marius Glauer, Three Horses, 2019, Courtesy the artist.

Um die Höhepunkte im „Flow“ geht es auch in der Entstehung, in der Zusammenstellung seiner Assemblagen, die er später abfotografiert. Er spielt mit den Materialien, definiert und variiert. Objekte verformen sich durch bewusste Eingriffe und Zufall zu abstrakten Gebilden. Glauer lenkt so den Blick des Betrachters auf das Material selbst. Gleichzeitig legt er durch die repräsentative Darstellung und ungegenständliche Struktur eine fundamental abstrakte Natur offen. Durchaus finde man Malerei in den Assemblagen, wie Glauer sagt, er male seine Bilder. Denn das Bild sei das Einzige, was am Ende zähle, so der Künstler. Der perfekte Ausschnitt. La joie, Glauers Freude, den Flow dann zu unterbrechen, um das perfekte Bild zu schießen. Zoom. Den perfekten Ausschnitt. Die Freude am, die Freude im Bild. Glauers joie de vivre.

WANN: Die Ausstellung „GLAUER JOIE DE VIVRE“ eröffnet am heutigen Samstag, den 7. September, um 18 Uhr und läuft bis Samstag, den 26.Oktober. Mit Lesungen von Jan Erbelding am
20. September, 28. September und 26.Oktober jeweils um 19 Uhr. 
WO: fructa space, Leonrodstraße. 89, 80636 München.

Weitere Artikel aus München