Surrealismus 3.0
"Dame Idrauliche" bei Isabella Bortolozzi

20. Januar 2020 • Text von

Kopernikus trifft Maschinenzeitalter. Enrico Bajs (1924-2003) Arbeiten in der Galerie Isabella Bortolozzi führen den Geist der klassische Moderne weiter und übersetzen ihn in die Sprache des 21. Jahrhunderts. Mysteriös und absurd regen sie zu einer nicht allzu ernsthaften Betrachtung der Gegenwart an und offenbaren dabei ihre poetisch-philosophische Tiefe. 

Installation view, Enrico Baj, Dame Idrauliche, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2020,
Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos: Roman März.

Bei Betreten der Galerieräume fühle ich mich unmittelbar ins Flair der klassischen Avantgarde zurückversetzt, eine Mischung aus Dadaismus und Surrealismus: Im ersten Raum (be-)grüßen eine Vielzahl von kleineren und größeren Plastiken aus Maschinenteilen vergangener Zeiten, Pumpen, Ventile, Rohre. Alle Arbeiten vermitteln einen Eindruck naturwissenschaftlicher Modelle, nur der Sinn bleibt unklar. Einige der Namen geben entfernte Hinweise: „Eraclito“ („Heraklit“, 2002), „Talete“ („Thales“, 2002) − harter physikalischer Tobak. Bezüglich der Arbeit „Monumento a Erone di Alessandria“ („Monument für Herone von Alexandria“, 2003): Astronomie trifft Maschine trifft Phallus. Das Geschehen wirkt irgendwie entrückt und gleichzeitig absolut geordnet. Eine Atmosphäre zwischen Labor, Kabinett und Museum. Das Ambiente der Galerieräume ergänzt diesen Eindruck hervorragend, das dunkle Holz der Dielen bildet ein schönes Farbzusammenspiel mit dem dunkelroten Samt einiger Arbeiten und dem Kupfer, Bronze sowie Silber der Maschinenteile. Die Zeit wirkt wie angehalten, leicht unheimlich.

Enrico Baj, Monumento a Erone di Alessandria, 2003, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2020,
Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos: Roman März.

Im zweiten Raum wird es dann stofflicher, menschlicher. Sieben großformatige Collagen aus schwerem Stoff, Kordeln und erneut Maschinenelementen sind präsentiert. In den Anordnungen lassen sich eindeutig Gesichter und Figuren erkennen, allerdings weisen sie aufgrund ihrer Materialität eher in Richtung „Alf“ oder Krümelmonster, als dass sich Personen darin zu verbergen scheinen. Interessanterweise künden die Titel – „Señora Saona“ (2002), „Madama Struma“ (2002) − von einer weiblichen Identität der Abgebildeten; die ersten Assoziationen der weiblichen Autorin hingegen sind allerdings eindeutig männlich. Der Clash der Materialien wird lediglich dadurch zusammengehalten, dass die Objekte wiederum auf eine anderen Zeit hinzuweisen scheinen. Und durch ihre herausragende Anordnung des Künstlers. 

Installation view, Enrico Baj, Dame Idrauliche, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2020.
Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos: Roman März.

Enrico Baj wurde 1924 in Mailand geboren und war einer der − wenigen − italienischen Künstler der internationalen Avantgarde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1960er Jahren stellte er mit den französischen Surrealisten (zweite Generation) um André Breton aus, außerdem trat er dem „Collège de Pataphysique“ bei, einem absurdistischen Philosophie- und Wissenschaftskonzept, welches sich in parodistischer Weise mit moderner Theorie- und Wissenschaftsbildung auseinandersetzte. 2002 wurde er zum Rang des „Transzendenten Satrapen“ erhoben, eine Ehre, die vor ihm beispielsweise Marcel Duchamp oder Max Ernst genossen hatten.

Enrico Baj, Sciura Schelda, 2002, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2020, Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos: Roman März.

Die Werke in der Ausstellung scheinen tatsächlich aus den 1960er Jahren zu stammen, allerdings fertigte Baj sie kurz vor seinem Tod, in den Jahren 2002-03, an. Woher er seine Materialien nahm bleibt ein Rätsel; Haushaltauflösungen, Fabrikdemolationen, Flohmarkt? Einige Metallelemente geben Hinweise wie „Excelsior Pompe Como“ oder „F.Lli Frattino“ auf Italien als möglichen Ursprungsort. Die Arbeit „Isaac Newton 2“ ist Schlichtheit in Bestform und vermittelt gleichzeitig den ironisch-parodistischen Geist, welcher sich durch nahezu aller Arbeiten Bajs zieht und auf das „Collège de Pataphysique“ zurückverweist. 

Enrico Baj, Isaac Newton 2, 2003, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2020.
Courtesy Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos: Roman März.

Bei Verlassen der Galerie muss ich mich zunächst an die Autos am Schöneberger Ufer gewöhnen, die Baustellen, das Jahr 2020. Trotz der Entrücktheit des Erlebnisses wird die Frage nach dem „Warum?“ nicht gestellt, sie stellt sich nicht vor den Werken. Jedes wirkt in sich perfekt, im Sinne einer Vollendung und Notwendigkeit der visuellen Anordnung. Der Sinn ist inhärent. Ebenso wie die geistige Unterhaltung und das optische Vergnügen. „Wenn du die Wahrheit suchst, sei offen für das Unerwartete, denn es ist schwer zu finden und verwirrend, wenn du es findest.“ − Heraklit scheint Bajs Schaffen vorausgeahnt zu haben.

WANN: Die Ausstellung „Dame Idrauliche“ ist noch bis Dienstag, den 11. Februar 2020, zu besichtigen.
WO: Galerie Isabella Bortolozzi, Schöneberger Ufer 61, 10785 Berlin.

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