Außer Fassung
Flaka Haliti über Macht, Kontrolle und die Natur als Subjekt

18. Mai 2020 • Text von

Macht, Kontrollverlust und Tiefseekreaturen. Unter dem Titel „Watchu expect me to do when I lose my cool“ zeigt Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni neue Bilder und Skulpturen. Wir sprachen mit ihr über das Verhältnis von Macht und Kontrolle, strukturelle Bedingungen und künstlerisches Material, das selbst performt.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni

Installation view, Flaka Haliti: What are they thinking that we thinking that they thinking we going to do next?, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo: Ulrich Gebert.

gallerytalk.net: In deiner Arbeit analysierst du Strukturen und Dynamiken von Macht. In deiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Deborah Schamoni spielt die Natur eine herausragende Rolle. Hat die Natur die ultimative Macht?
Flaka Haliti: Man sieht es bereits im Titel der Ausstellung. Die Natur als Subjekt spricht hier und warnt, dass „sie die Fassung verliert“, da sie an ihre Grenzen stößt, wenn wir „Menschen“ weiter provozieren. Sicher gibt es auch eine Verbindung zu meinen früheren Arbeiten. In meiner künstlerischen Praxis dreht sich viel um Fragen der Verteilung und Verschiebung von Macht, immer auch im Verhältnis zu Anderen.

Wie meinst du das genau?
Eine meiner Neon-Arbeiten, „I see that you have seen that I have seen“ aus dem Jahr 2015 geht darauf ein, wie sich Macht im Austausch miteinander manifestiert. Édouard Glissant, ein postkolonialer Denker, erklärte einmal, dass sich die Macht zwischen „dem Herrn“ und „dem Sklaven“ nicht manifestiert, wenn der Herr sieht und kontrolliert, während der Sklave arbeitet. Die Macht wird sichtbar, wenn der Sklave sieht, dass der Herr ihn sieht. Dieser Blickkontakt im Stillen ist der Moment, in dem der Herr seine Macht besitzt und bestätigt.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni

Installation view, Flaka Haliti: What are they thinking that we thinking that they thinking we going to do next?, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo credits: Ulrich Gebert.

Macht ist ja auch eine politische Kategorie?
Für mich ist die Beziehung zwischen dem Westen und dem Osten, speziell dem Südosten, recht interessant. Man muss sie im geopolitischen Maßstab analysieren. Was macht den „Westen“ als Begriff aus? Einige Länder können geographisch in Europa liegen, aber geopolitisch sind sie von der EU ausgeschlossen. Abstrakt und doch systematisch haben diese hierarchischen, sozialen Kategorien zum strukturellen Rassismus in Europa beigetragen.

Strukturen sind ebenfalls ein Thema, das du in deinen Arbeiten untersuchst.
Manchmal sind Machtdynamiken sehr verflüssigt, nicht klar definiert, zum Beispiel die Sichtbarkeit von Grenzen. Aber es ist eine Ungerechtigkeit, wie das Machtverhältnis zwischen dem Westen und dem Nicht-Westen zu dessen eigenen Zweck und immer zu Gunsten der Privilegierten interpretiert wird. Im Kosovo gibt es ein Sprichwort: „Der Becher ist voll“, wenn das Wasser seine Spannung verliert und überläuft. Es geht um eine erzwungene Fluidität. Metaphorisch gesehen, weiß man nicht, welche Kraft unter dem Wasser steckt, die dem Fluss nicht widerstehen kann. Vielleicht eine Leviathan-Kreatur, die versucht, herauszukommen.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni. Zu sehen ist die Meereslandschaft mit dem Titel Watchu expect me to do when I lose my cool? #2

Flaka Haliti: Watchu expect me to do when I lose my cool? #2, 2020, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo credits: Ulrich Gebert.

Diese Diskrepanz zwischen Stille und Gefahr wird auch in deinen digitalen Meereslandschaften sichtbar.
Es gibt da einen Moment der Spannung. Es gibt eine gewisse Ruhe in diesen Bildern, aber man weiß nicht, was passieren wird. Die Konsequenzen sind unvorhersehbar. Das kann man auch von persönlichen Beziehungen sagen: Wenn jemand von außen ruhig erscheint, aber gleichzeitig innerlich kurz davor ist, zu explodieren. Es ist ein schmaler Grat, und man muss sensibel sein, um solche fließenden Situationen auszuhandeln.

Diese Vorstellungen von Spannung und Fluidität manifestieren sich auch in der Materialität der Arbeiten.
Wenn man sich die Bilder genau ansieht, sieht man eine Harzschicht, aber nur auf den Teilen, die Wasser abbilden. Das Ergebnis ist ein bisschen seltsam, unheimlich. Es sind nicht nur figurative Meereslandschaften, sondern sie kombinieren vertraute Bilder mit einer zusätzlichen Schicht, in diesem Fall Harz, das in der Lage ist, etwas zu abstrahieren, was in diesen Kompositionen nicht darstellbar ist. Kann der Moment, in dem man „seine Coolness verliert“ als etwas Flüssiges verstanden werden, etwas, das die Form nicht halten kann, die Wirkung dessen, was als nächstes kommt, nicht neutralisiert, seinen Fluss nicht aufhält oder sich ihm widersetzt? Es geht um den Moment, die tickende Uhr, die an die Zeit gebunden ist, aber nicht an den Raum. Gefordert ist eine Veränderung der Form, hoffentlich zum Besseren.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni.

Installation view Flaka Haliti, Watchu expect me to do when I lose my cool? #, 2020, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo credits: Ulrich Gebert.

Das Material, das du nutzt, ist zunächst auch flüssig, nicht stabil.
Das Harz als Material selbst performt eine Fluidität, da es aus zwei viskosen Flüssigkeiten besteht, die miteinander verbunden werden. Einmal vermischt dauert es nur wenige Minuten, bis es wirklich hart und fest ist. Dies auf ein flaches Bild und dabei nur auf ausgewählte Teile des Bildes aufzutragen, ist komplex, Fehler passieren. Dieser Prozess hängt sehr stark mit dem Moment zusammen, in dem man „die Fassung verliert“. Für meine künstlerische Herangehensweise ist es wichtig, dass das Material und die Ästhetik metaphorisch eine Vorstellung von Zeit, Raum und Spannung zwischen beiden vermitteln und gleichzeitig neue Möglichkeiten hervorbringen. Die Frage ist, wer das Sagen hat, wer die Kontrolle hat. Und wie man Fehler vermeidet oder vielleicht auch begrüßt.

Wir haben mit dem Thema Macht begonnen. Aber vielleicht noch interessanter ist der Themenkomplex Kontrolle. Die Kontrolle haben, Kontrolle aufgeben, die Kontrolle verlieren.
Macht ist eine Illusion, eine Lüge, eine Täuschung. Man lässt jemand anderen glauben, dass man das Sagen hat. Politiker müssen in unsicheren Zeiten besonders ihre Fähigkeit zur Ausübung von Kontrolle beweisen. Extreme Beispiele dafür wären Monarchien oder Diktaturen. Oder was gerade jetzt passiert: Deutschland zum Beispiel wird als ein Land gezeigt, das ein Vorbild sein soll. Aber in Wirklichkeit gibt es andere Länder, in anderen nichtwestlichen Teilen der Welt, die der Bedrohung durch das Virus weitaus besser standgehalten haben. Aber sie werden nicht als Vorbilder dargestellt, sie werden als Ausnahme betrachtet. Die westlichen Gesellschaften scheinen einen westlichen „Helden“ zu brauchen, um nicht erkennen zu müssen, dass Europa in vielerlei Hinsicht versagt hat.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni.

Installation view Flaka Haliti: What are they thinking that we thinking that they thinking we going to do next?, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo credits: Ulrich Gebert.

Macht ist in gewisser Weise auch fluide?
Man projiziert eine Macht, die man im Grunde nicht hat, um die Kontrolle zu behalten. Macht und Kontrolle gehören zusammen, Macht basiert auf der Wahrnehmung von Kontrolle. Wer verkauft die beste Geschichte. So kommen Politiker an die Macht, so werden in vielen Fällen die Direktoren von Institutionen ausgewählt. Welche Macht besitzen sie, um die besten Veränderungen vorzunehmen, die als nächstes für den Ort erforderlich sind. Und wenn dies falsch projiziert wird, dann ist der Zusammenbruch eines „Systems“ die Folge, weil es seine Form nicht lange genug halten konnte.

Du sprichst viel über Macht, Strukturen und Systeme. Gibt es Literatur, die deine Ansichten geprägt hat?
Zygmunt Baumann schreibt in seinen Büchern „Liquid Modernity“ und „Liquid Fear“ viel über die Wahrnehmung von Zeit und Ort in unsicheren Zeiten. Diese beiden Bücher haben mir auf meinem Weg des Denkens und bei der Realisierung dieser Ausstellung geholfen. Auch „Staying with the Trouble“ von Donna J. Haraway hat mich beeinflusst, besonders wenn ich an die „string games“ denke. Eine weitere Quelle für mich ist die Autorin Stacy Alaimo, die den Begriff „Transcorporeality“ geprägt hat. Es gibt online einen Vortrag von ihr über ihr bevorstehendes Buch über Tiefseekreaturen.

Installationsansicht der Ausstellung Watchu expect me to do when I lose my cool von Flaka Haliti in der Galerie Deborah Schamoni.

Flaka Haliti: What are they thinking that we thinking that they thinking we going to do next? #2, 2019, courtesy the artist and Deborah Schamoni, Photo credits: Ulrich Gebert.

Diese Tiefseekreaturen kommen auch in deiner aktuellen Ausstellung vor.
Unsere Beziehung zu diesen Kreaturen ist wirklich zwiespältig. Wir als Spezies haben keinen direkten Kontakt mit ihnen. Sie leben so tief unter Wasser, dass eine Reise zu ihrer Erforschung genauso teuer und kompliziert ist wie eine Reise in den Weltraum. Sie belästigen uns nicht, sie sind außerhalb unserer Reichweite. Am Ende ästhetisieren wir diese Kreaturen, entweder als seltsam schön und oder als grotesk. Auf diese Weise üben wir Macht über sie aus, indem wir sie exotisieren. Man könnte sich aber immer noch fragen: Wie groß ist der Abstand zwischen „unseren Körpern“ und „ihren Körpern“, wie kann man einen echten Raum der Rücksichtnahme ausmachen?

Aber wir können sie nicht richtig sehen oder erforschen.
In dieser rätselhaften Beziehung zu uns gibt es auch eine Schönheit: Sie sind in der Lage, eine eigene Undurchsichtigkeit zu schaffen; sie sind in der Lage, die Wahrheit über sich selbst zu verschleiern. Und so entziehen sie sich unserer Kontrolle. Man kann es in der Geschichte des Kolonialismus sehen, dass die Kolonialländer unter der Prämisse der „Forschung“ zuerst in andere Gebiete eindrangen und dann begannen, Macht und Kontrolle zu erlangen. Die Tiefseekreaturen entziehen sich diesen Versuchen, sie entkommen.

Flaka Haliti, Photo: Albe Hamiti.

Obwohl wir und diese Tiefseegeschöpfe keinen direkten Kontakt haben, teilen wir dennoch dasselbe Ökosystem.
Im Zeitalter des Anthropozäns können wir es uns nicht leisten, immer noch zu denken, dass wir das Leben anderer Arten nicht beeinflussen oder umgekehrt. Wir sollten inzwischen verstehen, dass alle Körper porös sind. Wir sind uns im Moment besonders bewusst, da dieses Virus in der Luft fliegt, zwischen mir und dir. Der Titel der Arbeit mit den Tiefseekreaturen lautet “ What are they thinking that we thinking that they thinking we going to do next?“ und spekuliert über die Beziehung zwischen zwei Entitäten, als strategisches Denken. Es wird über eine bestimmte Macht-Beziehung zwischen uns und diesen Kreaturen spekuliert, in gewisser Weise suggeriert der Titel, dass sie gleichberechtigte Akteure mit Recht auf Repräsentation werden.

WANN: Noch bis zum 23. Mai zu sehen.
WO: Galerie Deborah Schamoni, Mauerkircherstr. 186 D-81925 München

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