Existenzialistische Einsamkeit

19. März 2016 • Text von

Anfang des Jahres fieberte ganz Berlin der Berlinale entgegen und bemühte sich anschließend (während des größten deutschen Filmfestivals) einen Platz auf dem roten Teppich zu ergattern. Und jetzt? Einen Monat später ist die Euphorie fast vollkommen verflogen. Während die meisten Filme des Wettbewerbs inzwischen im Kino laufen, erreichen Kurzfilme außerhalb von Filmfestivals kein breites Publikum. Deshalb gewähren wir euch an dieser Stelle einen nachträglichen Ein- und Rückblick auf das Programm der Berlinale Shorts.

Am vergangenen Montag, den 14. März 2016, startete in Kasachstan eine Rakete des Raumsondierungsprojektes ExoMars. Es handelt sich um eine europäisch-russische Kooperation und ist das erste Projekt seit den 1970er Jahren, dass aktiv nach vergangenem oder sogar aktuellem Leben auf dem Mars sucht. Die Einsamkeit des einzelnen Menschen in dieser Welt ist nichts im Vergleich zu der potentiellen Einsamkeit der Menschheit in ihrer Galaxie. Die Ungewissheit, ob jemand meinen Blick in das nächtlich-blauen Firmament erwidert, lässt alle alltäglichen, menschlichen Ungewissheiten als klein und nichtig erscheinen.

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Réka Bucsi: LOVE, 14′, Filmstill.

Der Animationsfilm „LOVE“ beginnt mit einem Bild eben dieser Einsamkeit. Man sieht eine Gruppe von Planeten im All. Als einer von ihnen seine Farbe von Braun zu Grün ändert, anfängt zu gedeihen und zu pulsieren, nähern sich die Umkreisenden fasziniert. Der zweite Kurzfilm der ungarischen Künstlerin Réka Bucsi ist in drei Kapitel untergliedert: Longing, Love und Solitude. Die Protagonisten sind Tiere, die sowohl phantastische wie auch menschliche Züge haben. Anhand verschiedener Handlungsstränge wird das Spektrum von Sehnsucht, Glück und Einsamkeit aufgezeigt, in dem Versuch gemäß des Titels den Begriff Liebe zu verbildlichen. Auf den ersten Blick wirkt die Darstellung naiv, fast kindlich, und nähert sich plakativ der gegenwärtigen Hipster-Ästhetik an. Die von Bucsi verwendete Bild- und Symbolsprache ist jedoch so fesselnd und einfühlsam, dass man seine Vorbehalte schnell vergisst. Gleichzeitig sind die angedeuteten Geschichten jedoch voller Ironie und Bitterkeit über die narzisstische Konzeption von Liebe im 21. Jahrhundert.

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Gerrit Frohne-Brinkmann, Paul Spengemann: Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen, 13′, Filmstill.

Die existenzialistische Einsamkeit, welche in „LOVE“ mitunter anklingt, ist mit jedem zusätzlichen Lebensjahr weitaus weniger präsent; sie wird überdeckt von zufälligen Bekanntschaften und dem Klingeln des Smartphones. Ungefähr im Alter zwischen 13 und 17 hat diese jedoch Hochkonjunktur. Davon erzählen zwei weitere Filme der Selektion Berlinale Shorts. „Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen“ von Gerrit Frohne-Brinkmann und Paul Spengemann spielt in einem Hamburger Gymnasium, das nach den Plänen von Arne Jacobsen, einem Klassiker der Moderne, erbaut wurde. Vereinzelt suchen, schieben, bringen und tragen SchülerInnen Utensilien durch menschenleeren Gänge. Die abgestandene Luft der Turnhalle wird durch die Kontextlosigkeit der Handlungen mit Spannung aufgeladen. Das Kreisen einer PVC-Röhre in den Duschräumen durchbricht die Ruhe vor dem Sturm. Neben bewusst gesetzten Symbolen antiker Ästhetik, wie dem Faltenwurf von Statuen, erscheinen alle Details mit Bedeutung aufgeladen. Als narrativen Abschluss des Filmes tragen die Jugendlichen ein griechisches Gedicht im spärlich beleuchteten Keller vor, die Atmosphäre changiert zwischen dem Club der toten Dichter und einem Psycho-Thriller.

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Jonathan Vinel, Caroline Poggi: Notre Héritage, 24′, Filmstill.

Ganz anders illustriert der französische Film „Notre héritage“ die Suche von zwei Heranwachsenden nach Orientierung und Zugehörigkeit. Anstatt sich an Idealen aus vergangenen Jahrhunderten zu orientieren, geben die beiden Teenager einander Halt, klammern sich geradezu aneinander fest. Die Filmemacher Jonathan Vinel und Caroline Poggi zeigen aber nicht Bilder einer jungen Liebe, die dem Betrachter einen wehmütigen Seufzer entlocken, sondern auf surrealistische Art und Weise wie Lucas und Anaïs im Garten Geschlechtsverkehr haben. Gerade schlägt Lucas in einem romantischen Rollenspiel seine Freundin noch zum Ritter, dann stößt er beim nächtlichen Zappen auf Pornofilme – und zwar von seinem Vaters. Dieser ist der real existierende Pornofilmer Pierre Woodmann, bekannt für Clips von vermeintlichen Castings mit Osteuropäerinnen, Typ Lolita. Nach ein paar Fragen zu deren jungfräulicher Unerfahrenheit haben die Mädchen mit dem alten, glatzköpfigen Mann Sex. „Notre héritage“ konterkariert die pornografischen Bilder nur teilweise mit der poetisch-inszenieren, unbeholfenen Zweisamkeit der jugendlichen Sommerliebe in Südfrankreich. Lucas scheint zwischen der realen Liebe und der virtuellen Erotik hin- und hergerissen.

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Siegfried A. Fruhauf: Vintage Print, 13′, Filmstill.

Den Abschluss dieses Rückblicks auf das Programm der Berlinale Shorts bildet mein persönlicher Favorit. Wohingegen man bei den bisher vorgestellten Kurzfilmen eventuell darüber diskutieren müsste, ob es sich dabei um Kunstfilme handelt, steht dies bei „Vintage Print“ außer Frage. Vor Beginn der 13-minütigen Vorführung wird darauf hingewiesen, dass diese nicht für Epileptiker geeignet ist. Das Flackern des Bildes gleicht einem Stroboskop, als Zuschauer fühlt man sich wie in einem Techno-Club. Der Film basiert auf dem Negativ einer Fotografie des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das damals noch auf einer Glasplatte fixiert wurde. Der Regisseur Siegfried Fruhauf durchleuchtet, überdeckt, manipuliert und verfremdet die unschuldige Aufnahme einer Landschaft mit Fluss tausendfach. „Vintage Print“ ist eine Zeitreise in Zeitraffer durch die Geschichte von technisch reproduzierbaren Bildern, indem Assoziationen mit den chemischen Ätzverfahren der neuzeitlichen Radierung, mit der analogen Manipulation von fotografischen Negativen im Stil des Picturalismus und mit der modernen Verfremdung von Bildern durch Photoshop evoziert werden. Neben dem Wummern von elektronischer Musik, ruft die Tonspur des Filmes ebenfalls eine Vielzahl von möglichen Konnotationen hervor: Das Zirpen der Grillen symbolisiert in Verbindung mit der unschuldigen Landschaftsaufnahme die unberührte Natur, bevor es sich in das rasselnd näherkommende Rollen von Panzern verwandelt. Krieg und Maschinen als Form und Mittel der menschlichen Aneignung der natürlichen Umwelt. Gleichzeitig reflektiert „Vintage Print“ die Bedingungen seines eigenen Mediums. In unserem Zeitalter der digitalen Manipulation von Bildern ist die Verheißung der Objektivität von Film und Fotografie längst vergessen. Fruhauf erinnert in diesem Film an die ursprüngliche Gegenständlichkeit von fotografischen Bildern, indem er dem Zuschauer vorführt, wie er sie zunächst in analogen und dann in digitalen Verfahren abstrahiert. Da die medienreflexiven und inhaltlichen Aspekte einander gegenseitig befruchten, verdichtete sich „Vintage Print“ zu einer abstrakten Auseinandersetzung mit den Gegensatz von Natur und Kultur.

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