DOUBLE TAP #15
Maja Djordjevic

24. Juni 2020 • Text von

Nackt, stark und immer in Aktion. So triumphiert „Naked White Girl“ in den Arbeiten von Maja Djordjevic. Die Künstlerin platziert ihre Heldin seit Jahren fröhlich strahlend in kuriosen Situationen. Djordjevic überträgt den Look von MS Paint auf Leinwand. Ihre Bilder erzählen vom Frau-Sein, Jung-Sein, Jetzt-Sein – und von furchtloser Ambition.

Ausstellungsansicht "DEAL AGAIN!" bei Balkan Projects. Zu sehen ist eine Malerei in Pixel-Optik der Künstlerin Maja Djordjevic.

Installationsansicht Maja Djordjevic: „DEAL AGAIN!“, Balkan Projects, Los Angeles, 2020.

gallerytalk.net: Vor einer Weile hast du bei Balkan Projects Solitär-inspirierte Arbeiten gezeigt. Pinball war eher nicht dein Ding, ja?
Maja Djordjevic: Ich liebe Pinball! Meine Mutter hat mich als Kind nicht losbekommen von dem Gerät. Gut, dass du mich daran erinnerst. Ich will schon immer einen Flipperautomaten bauen – mit meinem Mädchen als Hauptfigur!

Was sind deine frühesten oder wertvollsten Erinnerungen ans Digitale?
Als Kind habe ich mit meinen Freund*innen oft Malwettbewerbe in MS Paint abgehalten. Wir haben alles Mögliche gemalt – Feen, Dinosaurier, das Universum, schnelle Autos oder Schlösser. Wenn wir unbeobachtet waren, haben wir aber auch gemalt, was Jungs und Mädchen so unter ihren Klamotten verstecken. Das war wohl unsere Art, Sexualität zu erforschen. MS Paint war ein hervorragendes Werkzeug, weil wir unsere Zeichnungen schnell löschen konnten, sobald unsere Eltern aufgetaucht sind. Wir hatten auf jeden Fall Angst, dass sie rausfinden, was wir da machen. (lacht)

Links: Die Künstlerin Maja Djordjevic vor einer Malerei. Rechts: eine Malerei von Maja Djordjevic. Auf grünem Hintergrund zu sehen sind drei ihrer nackten Pixel-Figuren.

Maja Djordjevic. Foto: Natlie Papadaki. // painting courtesy of the artist.

Der Pixel-Ästhetik von Paint bist du bis heute treu geblieben. Wie kam das?
Während des Studiums habe ich begonnen, Tagebuch in Paint zu führen. Ich habe damals viel im Internet gesurft. Wieder war Paint ein praktisches Werkzeug – in dem Fall, weil ich ganz unkompliziert alles festhalten konnte, was mir in den Sinn kam, ohne umständlich nach Papier und Stiften zu suchen. Paint hatte alles, was ich brauchte: ein breites Farbspektrum und endlos viele Sheets. Außerdem war ich in der Bedienung nach langjähriger Erfahrung wirklich gut geworden!

Deine Arbeiten heute sind aber ganz traditionell gemalt.
Ich habe an der Kunsthochschule in Belgrad studiert. Das ist eine sehr traditionelle Universität – jedenfalls war sie das damals und ich hoffe, das ist auch noch immer so. Wenn man dort im Hauptfach Malerei studiert hat, musste man eben Öl auf Leinwand malen. Deswegen habe ich angefangen meine digitalen Skizzen aus Paint Pixel für Pixel manuell auf die Leinwand zu übertragen.

Zwei Arbeiten der Künstlerin Maja Djordjevic. Links zwei nackte Figuren mit Hanteln in der Hand, rechts ein Berg im Meer.

Courtesy of Maja Djordjevic.

Erzähl mir etwas über „Naked White Girl“, „dein Mädchen“ wie du sie eingangs genannt hast. Sie spielt in deinem künstlerischen Erzählen die Hauptrolle. Wieso sieht sie immer irgendwie überrascht aus? Was sind ihre Hoffnungen und Ängste?
Sie ist überzeugt davon, immer auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Sie spielt! Wenn man es schafft, sein inneres Kind am Leben zu halten, werden Ängste vergehen – oder sie werden jedenfalls nicht siegen. „Naked White Girl“ wirkt vielleicht überrascht, weil sie sich immer wieder mit ihren Ängsten konfrontiert. Nur so kann sie sie überwinden. Das Unbekannte macht ihr Angst, doch am Ende ist sie die Siegerin! Sie glaubt oder hofft, dass wer hoch hinaus fliegt, mehr Freude an und mit sich selbst hat.

Erinnerst du dich daran, wann du sie das erste Mal gemalt hast? Ich habe dein Instagram durchgescrollt und habe sie im Sommer 2013 erspäht
Das ist exakt das erste Mal gewesen, dass ich sie gemalt habe! Ich war 2013 drei Monate lang auf einer beinahe völlig verlassenen Insel in Montenegro. Ich habe die wunderschöne Landschaft gemalt, Sonnenuntergänge und Porträts der Leute, die mit mir da waren. Irgendwann habe ich ein iPad in die Finger bekommen. Und plötzlich habe ich bis zur Erschöpfung gearbeitet. Dabei ist sie zufällig entstanden: nackt, gut drauf, am Meer. Nachdem ich diese eine Skizze hatte, ist es mir irgendwie wahnsinnig leicht gefallen, sie auch in allen möglichen anderen Situationen zu malen.

Zwei Arbeiten der Künstlerin Maja Djordjevic. Links eine nackte Figur mit Hantel und Blume in den Händen, rechts eine nackte Figur mit Pistole in einer Hand.

Maja Djordjevic, Naked White Girl. Courtesy of the artist.

Hanteln scheinen ihr Lieblingsaccessoire zu sein. Wieso hat es dir ausgerechnet dieses Objekt angetan?
Es gibt sogar eine Edition von Hanteln mit dem Gesicht meines Mädchens drauf, „STRONGER THAN YOU“. Sie ist 2018 in Kollaboration mit der griechischen Galerie Dio Horia entstanden. Die Idee war, dass mein Mädchen uns stärker machen könnte – auf dieselbe Art, wie sie sich starkmacht. Deswegen braucht sie die Hanteln: Sie ist schon stark, aber sie muss trainieren, damit sie noch stärker wird!

Ist sie dein Alter Ego?
Ja! Durch sie kann ich ausdrücken, was ich empfinde. Aber ich kann auch die Geschichten anderer mit ihr erzählen. Geschichten anderer Frauen, anderer Männer …

Und als du dein Mädchen im Rahmen deiner letzten Ausstellung im ENA Viewing Space als Maske verteilt hast, wolltest du, dass alle Besucher*innen sie werden?
Ganz genau. Ich will, dass jeder zu ihr werden kann! Mir wurde oft gesagt: „Du musst Masken von deinem Mädchen machen!“ Viele Leute identifizieren sich mit ihr. Sie beschäftigen genau dieselben Probleme, die uns alle umtreiben. Manchmal liefert sie auch Antworten, ohne dass sie jemand darum gebeten hätte. Die Aktion mit den Masken hat perfekt zur Ausstellung bei ENA gepasst. Ein intimes Setting auf einer pink angemalten Dachterrasse, alle waren sie – es war wunderschön!

Plastik-Masken der Künstlerin Maja Djordjevic. Sie zeigen das Gesicht ihrer Figur "Naked White Girl".

Maja Djordjevic: „Everybody Wants To Be Somebody“, ENA Viewing Space, Budapest, 2019-2020.

Was hältst du von einem „Naked White Girl“ Instagram-Filter?
Bin ich noch nicht zu gekommen, werde ich aber machen!

Die Ausstellung im ENA Viewing Space, über die wir eben schon gesprochen haben, hieß „Everybody Wants To Be Somebody“. Wer willst du sein – sagen wir in zehn Jahren?
Ehrlich gesagt: keine Ahnung! Ich träume nicht und werde gerne überrascht. Ich weiß nur, dass ich noch viel mehr malen will. Je mehr ich arbeite, desto mehr neue Geschichten entdecke ich. Es gibt da draußen so viele Themen, mit denen wir uns nie befasst haben, weder ich noch andere. Und so, wie du mein Mädchen kennst, ist sie unermüdlich. Wir haben also noch viel vor uns!

Mehr von Maja Djordjevic gibt’s auf ihrem Instagram-Account.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#14 Emma Pryde
#13 Rene Wagner
#12 Erin M. Riley
#11 Lydia Blakeley
#10 Jill Senft
#9 Arno Beck
#8 Tim Berresheim
#7 Aaron Scheer
#6 Louis-Philippe van Eeckhoutte
#5 Andy Kassier
#4 Amber Vittoria
#3 Richie Culver
#2 Leah Schrager
#1 Esteban Schimpf