DOUBLE TAP #14
Emma Pryde

13. Mai 2020 • Text von

Die Engel sehen friedlich aus, doch ihnen steht nichts Gutes bevor. Emma Pryde baut Welten, die unschuldig anmuten und Abgründe offenbaren. Mit gallerytalk.net spricht die amerikanische Künstlerin über ihre Kindheit voller Paranoia und mutierte Ideologie. Außerdem erklärt sie, wieso sie aus Materialresten Schmuck herstellt.

Das Kunstwerk "White Suburban Home" von Emma Pryde. Man sieht einen Vogelkäfig voller pastellfarbener Engelsfiguren. Am Käfig sind ein Schloss, Schlüssel und eine Leiter befestigt.

Emma Pryde: „White Suburban Home“ (detail). Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Engelchen, Kuscheltiere und viel Pastellfarben – ist deine Kunst tatsächlich so süß, wie sie auf den allerersten Blick rüberkommt?
Emma Pryde: Mag sein, dass das Süße die Leute anzieht. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Arbeiten als verdorben und gestört. Niedlichkeit entlarvt immer auch Machtstrukturen. Niedliche Objekte repräsentieren stets eine gewisse Ohnmacht, die in Betrachter*innen den Wunsch nach Kontrolle weckt. Manchmal widersetzen sich meine Figuren der Unterdrückung und werden dämonisch.

Unschuld wird fetischisiert. Machst du dir das in deiner Kunst zu eigen oder ist deine Kunst als Kritik daran zu lesen?
Beides! Mit meinen Arbeiten möchte ich die Ästhetik der Unschuld als visuelle Sprache verständlich machen. Man findet sie angewandt in religiöser Symbolik, Konsumgütern oder digitaler Ikonografie. Unschuld kann ein Mittel der Verführung und der Manipulation sein. Mich fasziniert genau dieser Widerspruch.

Die Künstlerin Emma Pryde. Auf dem Foto sitzt sie mit lilafarbener Perücke und einem Hörner-Haarreif im Schnee. Ihre Hände sind rot beschmiert, sie hält eine Fantasiefigur.

Emma Pryde: „Graft vs Host“. Courtesy of the artist.

Deine Arbeiten transportieren ganz viel 90er-, frühe 2000er-Vibes. Was für eine Kindheit beziehungsweise Jugend spiegelt sich da in deinem Werk?
Ich bin als Kind überfürsorglich behandelt worden. Aber es gab Brüche und etwas Dunkelheit ist wohl durchgesickert. Zwischen Fantasie und Realität klaffte diese Lücke: Ich habe Halloween-Süßigkeiten auf Nadeln durchsucht und die Briefe von Brieffreund*innen auf Anthrax (Milchbakterien, die als biologische Waffe eingesetzt werden können; Anm. d. Red.) geprüft. „Die Sims“, Instant-Messenger, MTV haben mich geprägt, genauso wie die Vorstellung, alle Erwachsene seien potenzielle Kidnapper*innen. Ich war ein paranoides, extrem gelangweiltes Kind. Ich habe permanent Ablenkung gesucht von dem, was ich als schreckliche und banale Existenz empfand.

Fändest du es ätzend, wenn ich sagen würde, deine Arbeiten fühlen sich sehr Millenial-mäßig an?
Überhaupt nicht! Tatsächlich sage ich Leuten, die meine Arbeiten nicht verstehen – meist Personen älterer Generationen, dass es bei meiner Kunst darum geht, Millenial zu sein. Meine Arbeiten sind das Produkt meiner Kultur. Sie reflektieren und interpretieren, was ich in meinem Umfeld wahrnehme. Millenials haben eine einzigartige Beziehung zu Bildern und Symbolen. Wir haben alle Entwicklungen des Internets von ihren Anfängen an miterlebt. Unsere Erfahrung gleicht in der Hinsicht eher einer Collage als einem einzelnen Bild.

Mit Vogelkäfigen oder Keramikschlössern eröffnest du deine eigenen, kleinen, in sich geschlossenen Mikrokosmen. Welche Inhalte dominieren diese Welten?
Es sind Welten, in denen Materialismus dekorative Fassade und Gefängnis zugleich ist. In den Käfigen gibt es eine Hierarchie zwischen den Wachsengeln und den Priester*innen, die sie führen. Der Boden der Käfige ist vollgestopft mit Engeln, die sich übereinanderstapeln. Die Priester*innen stehen in den Ecken oder auf Plattformen. Sie sorgen für Ordnung und verleihen ihrer Dominanz über die Engel Ausdruck. Allerdings sind sie alle – Engel wie Priester*innen zugleich – demselben System untergeordnet. Man hat es ihnen in Form des Käfigs übergestülpt.

Kunstwerk "Feudal Castle" von Emma Pryde. Man sieht ein Keramikschloss in Zartlila. Im Eingang steht eine Priester-Figur, davor mehrere Engelsfiguren.

Emma Pryde: „Feudal Castle“. Courtesy of the artist.

Wie ist es beim Schloss?
Beim Schloss ist es ähnlich: Ein*e maskierte*r Priester*in schützt den Eingang und den Kreis maskierter Priester*innen im Innern des Schlosses. Draußen haben sich die Engel versammelt und warten auf Einlass. Die Engel sind eine Metapher für Menschen, die ihre Unterdrücker*innen begehren, die Priester*innen repräsentieren bösartige Autoritäten.

Mit den Engeln und den Priester*innen bedienst du dich religiöser Symbolik. Wieso?
Religiöse Bildsprache ist das Fundament der Kunstgeschichte. Religion steht für Glauben und Werte. Wenn ich religiöse Symbole benutze, ist das eine strategische Geste, um sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft in einen Dialog zu treten. Ich kombiniere religiöse mit konsumgetriebener oder digitaler Bildsprache, um zu erforschen, wie Ideologie mit der Zeit mutiert ist. In meiner Vorstellung errichte ich eine Kirche des Mädchenseins der 90er und 2000er.

Schmuck der Künstlerin Emma Pryde. Ohrringe und Halsketten sind aus den Resten ihrer Kunstwerke entstanden.

Jewelry by Emma Pryde. Courtesy of the artist.

Du verkaufst auch kleine Kunstwerke – Ohrringe oder Ketten. Wie kamst du dazu, tragbare Arbeiten herzustellen?
Ich habe angefangen, Schmuck herzustellen, als ich für Wandarbeiten Acrylplatten mit dem Laser geschnitten habe. Aus den Acrylresten habe ich Schmetterlinge oder andere Anhänger gemacht, um kein Material zu verschwenden. Der Verkauf von Schmuck trägt dazu bei, dass ich die Materialkosten für meine Kunstwerke besser decken kann. Ich liebe kleine Schmuckstücke – der Arbeitsumfang ist begrenzt und man kann sie jederzeit überall herstellen. Ich glaube, Künstler*innen sollten mehrere ähnliche Praktiken entwickeln, sodass sie nicht immer und andauernd von Studios, Galerien und Institutionen abhängig sind. Außerdem hat Schmuck einen tatsächlichen Wert: Man kann ihn tragen!

An wem würdest du deinen Schmuck gern sehen?
An Kindern, an Erwachsenen, an Plüschtieren, an Keramikwesen, an Avataren … Schmuck ist für alle und jede*n!

Mehr von Emma Pryde gibt’s auf ihrer Website emmapryde.com. Oder ihr schaut auf Emmas Instagram-Account vorbei.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#1 Esteban Schimpf
#2 Leah Schrager
#3 Richie Culver
#4 Amber Vittoria
#5 Andy Kassier
#6 Louis-Philippe van Eeckhoutte
#7 Aaron Scheer
#8 Tim Berresheim
#9 Arno Beck
#10 Jill Senft
#11 Lydia Blakeley
#12 Erin M. Riley
#13 Rene Wagner