Die Wolken hängen tief
ZKR: DDR-Kunst und Zeitgenössisches

5. Februar 2017 • Text von

Wie wäre das, würde man Kunst aus der DDR mal nicht in diese staubige Ecke stellen? Bewirbt man entsprechende Arbeiten gemeinsam mit denen von Michael Sailstorfer, lockt man jedenfalls schon mal ein ganz anderes Publikum an. Dem ZKR gelingt mit „Auftrag Landschaft“ eine spannende Gegenüberstellung.

Michael Sailstorfer: Wolken 2016, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Michael Sailstorfer: Wolken 2016, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Die Wolken hängen tief über Schloss Biesdorf, aber sie hängen nicht nur drüber, sondern auch drinnen. Das frisch renovierte Atrium haben die Kuratoren des neuen Ausstellungsortes gleich mit LKW-Schläuchen verbaut. Dem hippen Vernissage-Steher sind die „Clouds“ von Michael Sailstorfer selbstverständlich ein Begriff. Der jauchzt beim Anblick dieses unter objektiven Gesichtspunkten doch eher drückenden Raumschmucks. Die Anwohner hat die Installation wohl erst einmal irritiert. Aber auch sie haben sich mittlerweile mit dem umgedeuteten Ort ihrer Erinnerungen angefreundet, beteuert man.

Wieso auch nicht? Seit das ZKR, das Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum, im Biesdorfer Herrenhaus von 1868 residiert, ist der Stadtteil Marzahn-Hellersdorf ein ganzes Stück reicher geworden. Unter dem Dach der Institution werden Positionen bildender Kunst aus der DDR und zeitgenössische Arbeiten einander gegenübergestellt. Betrieben wird das Ganze von der landeseigenen Grün Berlin GmbH, die sich zum Beispiel auch um die Gärten der Welt und den Spreepark kümmert. „Auftrag Landschaft“ heißt die erste Ausstellung im ZKR – und sie macht Lust auf mehr.

Ralf-Rainer Wasse: Tripel-Spiegel, 1986, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Ralf-Rainer Wasse: Tripel-Spiegel, 1986, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Wandelt er so durch die Räumlichkeiten des Schlösschens, erschließt sich dem Betrachter nicht immer sofort, welche der Arbeiten welcher Zeit entstammen. Kunst von östlich und westlich der Mauer kennt man in kontrastiert. So fällt auch die Einordnung leicht. „Auftrag Landschaft“ vereint Arbeiten ganz unterschiedlicher Epochen und plötzlich ist es wesentlich schwerer, die Kunst präzise zu verorten. Gut so. Schließlich ertappt man sich doch bei Ausstellungsbesuchen viel zu oft dabei, gedankliche Häkchen im Kopf zu setzen, wenn mal etwas wiedererkannt wurde. Und abgehakt.

Klar, die Spiegelinstallation von Jeppe Hein in der ersten Etage ist so zeitgeistig, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, sie könne in der DDR in Auftrag gegeben worden sein. Mit den Fotografien Ralf-Rainer Wasses sieht es schon anders aus. In einer Serie von Aufnahmen in Schwarz-weiß zeigt er eine Gruppe junger Menschen im Grünen. Die lassen aber keine Drachen auf dem Tempelhofer Feld steigen, sie werfen Militärmaterial. Dass der in der Kunstszene der DDR vernetzte Wasse als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi geführt wurde, spielt für einen Moment des Betrachtens keine Rolle mehr. Nicht, weil sich das ZKR von geschichtlicher Einordnung lossagen will, sondern weil es Kunst aus DDR eine Bühne gibt, auf der sie neu und vor allem zuvorderst als Kunst wirken kann.

Janet Laurence: „Waiting - A Medicinal Garden for Ailing Plants II“ 2016, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Janet Laurence: „Waiting – A Medicinal Garden for Ailing Plants II“ 2016, Installationsansicht, Foto: Frank Sperling.

Der „Auftrag Landschaft“ kann ganz unterschiedlich verstanden werden. Landschaft kann ästhetisches Motiv sein, sie kann klingen, von sozialen Strukturen erzählen oder sich als schützenswertes Gut zu erkennen geben. Janet Laurences „Waiting – A Medicinal Garden for Ailing Plants II“ erinnert an wissenschaftliche Untersuchungen: eine Mischung aus Oma Selbstmach-Buch voller getrockneter Blüten und Chemielabor. In Vitrinen präsentiert sie Vergänglichkeit und erinnert damit ans Bewahren. Olaf Wegwitz hat sein „Herbarium“ zwischen Buchrücken gefasst und – Anfassen erlaubt – erfahrbar gemacht.

Am herrlichsten ist es im ZKR, wenn die Inszenierung der Kunst einen herzlich lachen lässt. Wenn Kurt Buchwalds Fotoserie „Im Quartier“ vielleicht gerade noch als Dokumentation eines Bauprojekts durchgeht, aber vor allem von der Langeweile eines Künstlers erzählt, der inmitten von Beton und Schutt lieber Perlenketten und lackierte Fingernägel ablichtete, als handwerklichen Fortschritt abzubilden. Wenn Sailstorfer den geduldigen Besucher mit einer Explosion auf Video belohnt – oder eben wenn seine Wolken mal wieder bedrohlich tief hängen.

WANN: Die Ausstellung „Auftrag Landschaft“ ist noch bis zum 2. April zu sehen.
WO: ZKR – Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum, Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin

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